Umweltschutz in der IT-Branche

Wie grün sind die grünen Computer?

Von Holger Schmidt und Uta Bittner, Hannover

04. März 2008 Die Informations- und Kommunikationstechnik (ITK) nimmt beim Thema Umweltschutz eine Schlüsselposition ein. „ITK ist ein Klimaschutzinstrument“, sagte Martin Jetter, Präsidiumsmitglied des Branchenverbands Bitkom und IBM-Deutschland-Chef, am Montag auf der weltgrößten Computermesse Cebit in Hannover. Der sinnvolle Einsatz von Informationstechnik könne den Energieverbrauch in fast allen Branchen senken.

Nach Angaben des Marktforschungsunternehmens Gartner könnte der Energie- und Ressourcenbedarf eines Unternehmens durch sinnvollen Informationstechnik-Einsatz gar um bis zu 60 Prozent reduziert werden. Auch Jetter sieht in der ITK einen „Innovationsmotor für Energieeffizienz und Klimaschutz“. Es sei daher wichtig, dass die Cebit sich dieses Jahr mit der sogenannten Green IT beschäftige, ergänzte Ernst Raue, Vorstandsmitglied der Deutschen Messe AG.

Doch bis dato ist die Branche noch nicht wirklich „grün“: Derzeit verursacht die ITK-Industrie nach Angaben von Gartner etwa 2 Prozent des gesamten Kohlendioxid-Ausstoßes auf der Welt. Der Einsatz von energiesparenden Konzepten bei der Nutzung von Informationstechnik scheint auch deshalb wichtig, da es zukünftig immer mehr Informationstechnik geben wird. So errechneten die Berater von A.T. Kearney in einer Studie, dass sich der Ausstoß von Kohlendioxid in Deutschland, der durch Informationstechnik induziert ist, bis zum Jahr 2020 auf 31 Millionen Tonnen fast verdoppeln wird.

50.000 Rechenzentren in Deutschland

Besonders Unternehmen denken um und beginnen in Zeiten steigender Energiepreise effizientere Elektronikgeräte einzusetzen. Dabei muss „Green IT“ nicht unbedingt teuer sein. So rechne sich der Einsatz von energieeffizienter Informationstechnik in Rechenzentren schon nach zwei Jahren, sagt Jetter überzeugt. Allerdings besteht das Hauptproblem darin, dass nur etwa 7 Prozent der IT-Verantwortlichen in den Unternehmen überhaupt wüssten, wie viel Energie die IT tatsächlich verbrauche, ergänzt der IBM-Manager. Steve Ballmer, der Vorstandsvorsitzende von Microsoft, forderte auf der Microsoft-Pressekonferenz in Hannover zudem die Softwareunternehmen auf, mehr zu machen, um den Energieverbrauch zu senken.

Allein in Deutschland gibt es etwa 50.000 Rechenzentren. Und sie haben großen Energiehunger. Die Antwort kann in einer besseren Auslastung der Hardware liegen. Damit ist gemeint, dass man auf einen physischen Netzwerkrechner (Server) mehrere virtuelle Recheneinheiten packt. In Fachkreisen wird dies mit dem Stichwort Virtualisierung bezeichnet. „Es gab ein Projekt, da haben wir 3900 physische Server auf 30 Maschinen umgeschichtet. Dadurch konnte man bis zu 80 Prozent an Energie und bis zu 85 Prozent des vorher benötigten Raumes einsparen“, skizziert Thomas Tauer seine Projekterfahrung. Er ist bei der IBM Deutschland zuständig für die Planung und Realisierung von großen Serverfarmen. Dazu gehören neben der Optimierung der Gebäudetechnik und -ausstattung auch die Stromversorgung und Kühlung der Netzwerkrechner.

„10 bis 15 Prozent zu senken, geht immer“

„Meist lässt sich zwischen 30 und 40 Prozent des Strombedarfs allein durch Optimierungen einsparen“, sagt Tauer. Auch bei der Lüftungstechnik gebe es Einsparpotentiale von 10 bis 15 Prozent. Da kann ein gründlicher Check des Rechenzentrums schnell lohnend werden. Tauers allgemeine Faustregel lautet: „Den Energiebedarf um 10 bis 15 Prozent zu senken, geht immer.“ Helfen können hier auch die kleinsten Computerkomponenten. So kündigte erst vor wenigen Tagen der drittgrößte Speicherchiphersteller der Welt, die Infineon-Tochtergesellschaft Qimonda, eine neue Speicherchipgeneration an, die bei doppelt so großen Speicherkapaziäten deutlich weniger Energie verbrauchen soll.

Auch Marktführer Hewlett-Packard (HP) setzt als Computerhersteller grüne Zeichen: „HP hat sich zum Ziel gesetzt, den Energieverbrauch seiner Desktop- und Notebook-PCs bis 2010 um 25 Prozent zu reduzieren im Vergleich zu 2005“, sagt Martin Kinne, der für das HP-Computergeschäft in Deutschland verantwortlich ist. Der Stromverbrauch, sagt Kinne, hänge von verschiedenen Faktoren ab, wie zum Beispiel den Prozessoren, dem Arbeitsspeicher und den eingesetzten Festplatten, dem Kühlsystem oder dem Display bei Notebooks. Der HP-Manager sieht im gestiegenen Umweltbewusstsein beim Kauf und Betrieb von Informationstechnik klare Vorteile für die Unternehmen: „Green IT hilft Unternehmen, ihre Auswirkungen auf die Umwelt zu reduzieren, und ermöglicht ihnen gleichzeitig, Geld zu sparen.“ Wie das gehen kann und vor allem, wie innovative Konzepte aussehen können, zeigt der amerikanische Konzern Google. Dem Anbieter von Suchmaschinen reicht es nicht, die größte Solaranlage eines Unternehmens zu betreiben. 9200 Solarpanels auf den Dächern der Gebäude am Stammsitz im kalifornischen Mountain View sollen ein Drittel des Strombedarfs decken.

Bis Ende 2008 soll Google klimaneutral sein

Der Ökostrom treibt aber auch die sogenannten Plug-in-Hybridautos der Google-Fahrzeugflotte an: Die Hybridautos von Toyota werden einfach an die Steckdose angeschlossen, um die Akkus mit Ökostrom aufzuladen. Damit sollen die Wagen dann vollkommen kohlendioxid-frei fahren können. Dieses Ziel verfolgt Google für das gesamte Unternehmen: Bis Ende 2008 soll Google klimaneutral sein, also nicht mehr Kohlendioxid ausstoßen, als es an anderer Stelle einspart. Dafür hat Google den Energieverbrauch seiner Rechenzentren auf die Hälfte des Industriestandards gesenkt. Aber das reicht noch lange nicht zur Klimaneutralität, denn in den Rechenzentren des Unternehmens, die überall auf der Welt stehen, laufen mehrere hunderttausend Netzwerkrechner. Allein für deren Betrieb sind einige Kraftwerke nötig. Deshalb investiert Google zusätzlich in Klimaschutzprojekte, die Kohlendioxid-Emissionen an anderer Stelle einsparen. „REC“ heißt etwas umständlich Googles Forschungsinitiative, die zum Ziel hat, erneuerbare Energien (RE) billiger als Kohle (C) zu produzieren. „Wir haben beim Bau effizienter Rechenzentren Erfahrung mit sehr großen, energieintensiven Anlagen gesammelt“, sagt der Gründer von Google Larry Page.

Auch die Telekommunikationsbranche zeigt sich „grün“. So kündigte die Deutsche Telekom AG mit Sitz in Bonn an, von 2008 an ihren Strombedarf zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien zu decken. Im vergangenen Jahr kamen bereits zwei Drittel des Stroms schon aus klimafreundlichen Energiequellen, hieß es in einer Mitteilung.

Viele verschiedene Umweltsiegel

Grüne Informationstechnik ist aber nicht nur ein Thema für Unternehmen. Auch Privatanwender können durch ein umweltgerechteres Nutzerverhalten den Energieverbrauch und damit die Stromkosten für ihren Computer auf ein Sechstel senken, sagte Jetter. Glaubt man einer Umfrage von Pricewaterhouse Coopers, dann sind drei von vier Privatanwendern zudem schon jetzt bereit, für umweltfreundlichere Computer mehr Geld auszugeben. In Zukunft sollen Konsumenten anhand einheitlicher Energiekennzeichen auf den IT-Geräten erkennen können, wie umweltfreundlich und energieschonend Computer, Drucker und andere Informationstechnik wirklich sind.

Das Prinzip soll von der „weißen Ware“ - also den Trocknern, Kühlschränken, Waschmaschinen - abgeguckt werden. Erst mit diesem Wissen können Endverbraucher dann mit ihren Kaufentscheidungen tatsächlich Einfluss auf die Hersteller von Hardware und Software nehmen. Jetter geht davon aus, dass es noch zwei bis vier Jahre dauern wird, bis sich die Branchenvertreter geeinigt haben und solche Standards auf den Markt bringen werden.

Besonders die Initiative „Climate Savers Computing“ setzt sich für die Schaffung solcher internationaler Kennzeichenstandards ein. An der Initiative sind unter anderem Branchengrößen wie die Computerhersteller Dell, HP und Lenovo, Internetgrößen wie Google und Ebay, aber auch die Chiphersteller AMD und Intel beteiligt. Diese Woche werden noch die beiden Unternehmen Bull und Novell der Initiative beitreten. Derzeit gibt es schon viele verschiedene Umweltschutzsiegel für Computer, Bildschirme, Drucker und auch Notebooks. Allerdings sind sie regional ausgerichtet. So ist das schwedische Siegel „Nordic Swan“ stark auf den nordischen Raum bezogen. Das Siegel „Energy Star“ indes wurde von der amerikanischen Umweltbehörde eingeführt.



Text: F.A.Z., 04.03.2008, Nr. 54 / Seite 18
Bildmaterial: Jesco Denzel - F.A.Z.

 
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