Cebit

Ballmers Visionen

Von Holger Schmidt, Hannover

04. März 2008 Steve Ballmer, der Vorstandsvorsitzende des auf der Welt größten Softwarekonzerns Microsoft, hat eine Vision: Auf der Computermesse Cebit hat er nun die fünfte Computerrevolution angekündigt. „Ich habe während meiner 28 Jahre in der Computerindustrie schon vier Computer-Revolutionen erlebt“, sagte Ballmer. Mit der ersten Revolution hätten sich erstmals die Massen einen eigenen PC leisten können.

Die weiteren Meilensteine seien die Entwicklung von grafischen Benutzeroberflächen, der Aufstieg des Internets und zuletzt das interaktive „Web 2.0“ gewesen, das aus statischen Internetseiten Plattformen für den Austausch von Informationen und persönlichen Nachrichten gemacht habe. „Wenn es bei dem Sieben-Jahres-Rhythmus bleibt, dann stehen wir heute am Ende der vierten und am Beginn der fünften Revolution.“ Sie werde geprägt von enormen Rechenkapazitäten und einem quasi unendlichen Speicherplatz. „Hochgeschwindigkeitsverbindungen sind allgegenwärtig und die Systeme können mit Sprache und Gesten bedient werden“, sagte Ballmer.

Mein Freund, das Hologramm

Die Mobilität spielt in der Vision Ballmers eine große Rolle. Denn aus den Mobiltelefonen seien kleine Computer geworden, die viel mehr können als Gespräche zu übertragen. Künftig werde die Rechenkraft der Computer auf aller Welt in riesigen Datenzentren mit Hunderttausenden Netzwerkrechnern gebündelt, wie sie zum Beispiel Microsoft oder Google betrieben. Schnelle - und vor allem mobile - Internetverbindungen machen nach den Worten Balllmersden Zugriff auf diese Datencenter immer und überall möglich. Das Internet bewegt sich mit den Menschen, der Mensch bewegt sich stärker ins Internet.

Nach einer aktuellen Studie haben nach den Worten Ballmers Teenager und junge Erwachsene im Durchschnitt 53 Freunde. „Zwanzig davon haben sie noch nie persönlich getroffen, sondern nur über E-Mail, Chatten oder soziale Websites wie MySpace oder Facebook kennengelernt“, sagte er. In Zukunft werde es möglich sein, sich mit diesen Freunden mit Hilfe dreidimensionaler Hologramme in einem virtuellen Raum so zu treffen, als befände man sich tatsächlich in einem Zimmer, sagte Ballmer.

Wie eine gute Sekretärin es tun würde

Ballmers Visionen gehen aber darüber hinaus. Er spricht von einer einzigen, digitalen Identität - wenn Bits und Bytes wissen über alles Bescheid wissen, was das Herz begehrt. Ob Reiseverhalten, Essensgeschmack, Hobbies oder Kulturgenüsse.

Geht es nach Ballmer, dann soll zukünftig ein Satz wie „Von Montag bis Donnerstag will ich auf der Cebit in Hannover sein. Hierzu brauche ich einen Flug und die entsprechende Hotelreservierung“ ausreichen - und schon beginnt die intelligente Software mit der Planung der Reise. Und zwar so, als würde man selber zu Telefonhörer und Computer-Maus greifen. Die Software wisse dann schon, ob beispielsweise der Microsoft-Chef gerne am Fenster sitzt und im Flugzeug vegetarisch essen möchte und ob er eine Abneigung gegen Hotels in Flughafennähe hat. Wie eine gute Sekretärin es eben für ihn tun würde.

Vergilbte Fotoalben wären passé

Auch gute Freunde wird man - folgt man Ballmers Visionen von der fünften Revolution - bald nicht mehr ohne die elektronischen Medien kennenlernen. Vergilbten Fotoalben voll nostalgischer Schwärmerei durchzublättern wäre dann passé. An ihre Stelle träte die digitalisierte Vergangenheit. Die Informationstechnik wäre unser Gedächtnis. Über den nächsten Kanzlerkanditaten oder das Bauprojekt im Nachbardorf könnte direkt und ohne Zeitverzug mit den politischen Vertretern im Internet gestritten werden; eine Protestbewegung wäre per Knopfdruck anzuregen. Denn die intelligente Softwarewelt von morgen wüßte ja, wer genau so denkt wie wir, und brächte uns per Mausklick zusammen - in Echtzeit.



Text: F.A.Z., 05.03.2008, Nr. 55 / Seite 1
Bildmaterial: AP, Lucasfilm/Cinetext Bildarchiv

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