Cebit

Der Stromzähler wird digital

Von Holger Schmidt und Uta Bittner, Hannover

04. März 2008 Stromzähler sind schwarze Kästen im Keller mit einem Rad, das sich stetig dreht, und an denen der technische Fortschritt der vergangenen 40 Jahre spurlos vorbeigegangen ist. Der Softwarehersteller Microsoft und der Stromanbieter Yello wollen das ändern: Gemeinsam haben die beiden Unternehmen einen digitalen Stromzähler entwickelt, der den Verbrauch exakt erfasst, die Daten auf den heimischen Computer überträgt und dann per DSL-Leitung direkt an Yello übermittelt.

„In den kommenden Jahren werden wir unsere Wohnungen durch softwarebasierte Innovationen intelligenter gestalten, so dass wir nur noch die Energie verbrauchen, die wir für Licht, Heizung und Klimatisierung brauchen“, sagte der Microsoft-Vorstandsvorsitzende Steve Ballmer auf der Computermesse Cebit. Microsoft liefert die Software für das Gerät.

Böse Überraschungen am Jahresende gibt es dann nicht mehr

Mit Hilfe des digitalen Stromzählers lässt sich auf dem Computer genau anzeigen, wie viel Strom gerade verbraucht wird. Wird eine Lampe ausgeknipst, geht die Kurve runter. „Wenn die Menschen ihre großen Flachbildschirme einschalten, können sie den verursachten Stromverbrauch sofort sehen“, sagte Peter Vest, der Yello-Geschäftsführer, dieser Zeitung. Künftig soll auch eine Gerätekennung eingebaut werden, damit der Verbrauch einzelner Geräte direkt angezeigt wird.

Auf diese Weise können die Verbraucher am Ende des Tages genau sehen, wie viel Strom sie verbraucht haben und wie viel sie dafür zahlen müssen. „Statt monatlicher Vorauszahlungen wird dann nur noch der tatsächliche Verbrauch bezahlt; böse Überraschungen am Jahresende gibt es dann nicht mehr“, sagte Vest. Das Wissen über den Verbrauch soll auch Sparen helfen: „Wer seinen Verbrauch aus den Spitzenlastzeiten in Nebenzeiten verlagert, wenn die Konzessionsabgabe niedriger sei, zahlt einen Cent je Kilowattstunde weniger“, sagte Vest. „Tests haben gezeigt, dass die Haushalte bis zu 10 Prozent Strom sparen. Sogar eine Ausweitung des Strommanagement-Modells auf den Gasmarkt wäre denkbar“, sagte Martin Vesper, ebenfalls Geschäftsführer von Yello.

Spartipps und Bonussysteme

Das Unternehmen, das im vergangenen Jahr die Zahl seiner Stromkunden um 200.000 auf 1,4 Millionen erhöht hat, möchte den Verbrauchern auf Basis dieser Daten dann Tipps zum Stromsparen geben und Bonussysteme aufsetzen. In einer späteren Version soll auch die Kopplung mit Solaranlagen auf dem Dach möglich sein, damit der selbst erzeugte Ökostrom effizient eingesetzt wird.

Yello, eine Tochtergesellschaft des Energiekonzerns ENBW, will den digitalen Stromzähler zum Herbst auf den Markt bringen und denkt auch über den Einsatz im Ausland nach. Die Kosten sollen für die Haushalte in der gleichen Höhe wie für die heutigen Zähler liegen, sagte Vest. Auch die Energiekonzerne RWE und Vattenfall arbeiten an der Entwicklung digitaler Stromzähler, die aber eher das Ziel haben, aus der Ferne ablesbar zu sein, damit die teuren Stromableser nicht mehr auf die Reise in alle Haushalte geschickt werden müssen.

Variable Tarife

ENBW geht zusammen mit dem Softwarekonzern IBM noch einen Schritt weiter als Yello. ENBW und IBM wollen die Verbraucher davon profitieren lassen, dass die Kosten der Stromproduktion im Tagesverlauf stark schwanken. In den Spitzenlastzeiten, zum Beispiel in der „Kochzeit“ am späten Vormittag oder am frühen Abend, ist die Stromproduktion besonders teuer, da zusätzliche Kraftwerke eingesetzt werden müssen. In den Nebenzeiten, wenn nur die Grundlastkraftwerke arbeiten, wird Strom erheblich günstiger produziert. Die beiden Unternehmen haben ein Gerät entwickelt, das den Kunden, die den entsprechenden variablen Tarif wählen, jederzeit anzeigt, wie teuer der gerade gelieferte Strom ist. „Die Verbraucher können dann das Anstellen ihrer Waschmaschine um einige Stunden verschieben, wenn der Strom zwei Cent je Kilowattstunde billiger ist“, sagte Frank Schwammberger von IBM der F.A.Z. Tests hätten ergeben, dass Verbraucher - ausgestattet mit dem Wissen über die Kosten des Stromverbrauchs - ihre Nutzung tatsächlich verschieben und ihre Stromrechnung senken, sagte Schwammberger.

In Zukunft könnte ein intelligentes Strommanagement auch dafür sorgen, dass die Gefriertruhe nachts automatisch etwas stärker herunterkühlt, dafür aber in den Spitzenlastzeiten vorübergehend abgeschaltet wird. Auf diese Weise könnte die Stromrechnung nochmals gesenkt werden. Diese Arbeit könnten dann Dienstleister übernehmen, die per DSL-Leitung den Stromverbrauch in den Häusern fernsteuern, sagte Schwammberger. Auf Drängen der Bundesnetzagentur werden digitale Stromzähler und intelligente Stromsparsysteme wohl schon im kommenden Jahr verfügbar sein.



Text: F.A.Z., 04.03.2008, Nr. 54 / Seite 18
Bildmaterial: AP

 
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