Von Birgit Obermeier
12. April 2002 Als Doris S. als PR-Managerin in einem IT-Unternehmen anheuerte, schien alles wunderbar. Die Arbeit war herausfordernd, das Betriebsklima angenehm, die Mitarbeiter allem Anschein nach nett. Nach ein paar Wochen realisierte sie freilich, dass ihre neuen Kollegen sie nie zum Mittagessen abholten. Doris S. fasste sich ein Herz und sprach sie darauf an. Aber du willst doch mittags lieber durcharbeiten, erwiderten die Kollegen erstaunt. Das hatte ihnen jedenfalls die Marketing-Chefin versichert, die in der dynamischen Neuen eine unliebsame Konkurrentin witterte.
Ein relativ harmloser Fall von Mobbing, der durch ein offenes Gespräch schnell geklärt war. Andernorts spielen sich Tag für Tag heftigere Szenen ab. Schätzungen zufolge leiden hierzulande etwa 1,5 Millionen Arbeitnehmer unter Psychoterror im Büro. Möglichkeiten, einem Kollegen oder Vorgesetzten das Leben zur Hölle zu machen, gibt es zuhauf.
Gesundheitsgefährdender Pyscho-Stress
Bei offenen verbalen Attacken lässt sich bisweilen noch Kontra geben. Schwieriger wird es bei subtilen Ausgrenzungen - indem man einen Mitarbeiter systematisch vom Informationsfluss abschneidet, ihn räumlich von den Kollegen trennt oder ihn peu à peu durch Gerüchte demontiert. Vorgesetzte können einen Mitarbeiter ins Aus manövrieren, indem sie ihn permanent überfordern oder aber mit Aufgaben betrauen, die sinnlos, zum Scheitern verurteilt oder unter seinem Qualifikationsniveau sind.
Der psychische Stress greift nicht nur das Selbstbewusstsein, sondern auch die Gesundheit an. Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen oder gar Depressionen schlagen sich in der Qualität der Arbeit nieder - was wiederum Stoff für weitere Kritik liefert. Eine gefährliche Spirale, aus der manch Betroffene keinen Ausweg mehr sieht. Pro Jahr nehmen sich Schätzungen des Thüringer Gesundheitsministeriums zufolge rund 200 Menschen aufgrund von Mobbing das Leben.
Milliarden-Schäden für die Wirtschaft
Der Psychokrieg im Büro kommt auch den Arbeitgebern teuer zu stehen. Der betriebswirtschaftliche Schaden durch Mobbing beläuft sich jährlich auf etwa 50 Milliarden Euro. Als besonders kostspielig erweisen sich Rivalitäten in der Führungsetage. Werden strategische Entscheidungen torpediert, Kunden und Mitarbeiter durch offensichtliche Machtkämpfe vergrault und Manager mit Top-Gehältern in den Krankenstand befördert, gehen die Schäden schnell in die Millionen. Für die Volkswirtschaft entstehen zudem Kosten von jährlich rund 40 Milliarden Euro durch die ärztliche Behandlung, Berufsunfähigkeit oder Frühverrentung von Mobbing-Opfern.
Diese Zahlen hat die in Frankfurt ansässige Fairness-Stiftung veröffentlicht. Die gemeinnützige Organisation setzt sich seit knapp zwei Jahren für mehr Fairness in der Wirtschaft ein. Der Schwerpunkt der Tätigkeit liegt auf der Beratung von Führungskräften - dem gängigen Bild nach eiserne Gesellen, die keinen Schmerz kennen. Manager sind sehr einsam mit der Erfahrung, gemobbt zu werden, sagt Norbert Copray, Gründer und geschäftsführender Direktor der Fairness-Stiftung. Viele wollen einfach nicht wahrhaben, was da mit ihnen passiert. Haben sie die bittere Wahrheit endlich realisiert, fehlen Vertrauenspersonen im Betrieb. Die Hilfe von Therapeuten oder Psychologen ist unter Managern verpönt, weiß Copray aus seiner Zeit als Coach: Da will keiner auf die Couch.
Anonyme Beratung per Telefon-Hotline
Mehr als 1.300 Mobbing-Opfer haben sich schon bei der Fairness-Stiftung anonym Rat geholt, vorwiegend über eine Telefon-Hotline oder per Mail. Am anderen Ende der Leitung sitzen Pädagogen und Psychologen mit Berufserfahrung in der Wirtschaft. Sie helfen dem Betroffenen, die verfahrene Situation zu entwirren und Spielräume auszuloten - sei es auf informellem oder juristischem Weg. Die Rechtsprechung hat sich in den vergangenen Jahren zugunsten der Opfer gewandelt, sagt Copray. Die Fairness-Stiftung vermittelt auf Wunsch Kontakt zu spezialisierten Anwälten, Ärzten und Therapeuten. Ein umfangreiches Internet-Angebot bietet ausführliche Informationen zum Thema Mobbing sowie Adressen von Selbsthilfegruppen.
Die Fairness-Stiftung arbeitet unentgeltlich. Ihre Mittel stammen von Organisationen und der freien Wirtschaft. Neben dem Wirtschaftsverlag VNR als Hauptsponsor engagieren sich unter anderen die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit GTZ oder die Novartis-Stiftung. Einnahmen erzielt die Fairness-Stiftung auch durch Seminare, in denen Unternehmen einschlägige Kompetenzen steigern können. Die Voraussetzungen für ein faire Unternehmenskultur? Klare Regeln der Konfliktbewältigung, ein funktionierendes Beschwerdemanagement und unmittelbare Sanktionierung unfairen Verhaltens, fordert Copray.
Text: @mey
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