Von Birgit Obermeier
07. Mai 2004 Der Trend scheint klar: Hin zur eigenen Chefin. 1,07 Millionen selbständige Frauen registrierte das Statistische Bundesamt 2003 in Deutschland. Das sind 29 Prozent mehr als vor zehn Jahren. Bei den Männern stieg der Anteil der Unternehmer im selben Zeitraum um weniger als die Hälfte.
Freilich: Der Gründerinnen-Boom fußt auf einem niedrigerem Ausgangsniveau. Mit einem Anteil von 28 Prozent sind Frauen unter den Selbständigen hierzulande immer noch deutlich unterrepräsentiert. Schließlich stellen sie mittlerweile 45 Prozent aller Erwerbstätigen und sind ebenso gut ausgebildet wie ihre männlichen Kollegen. Da ist noch Potential vorhanden, das bei weitem nicht vollständig genutzt werde, resümiert die Gründerstudie Global Entrepreneurship Monitor (GEM) 2003 der Universität Köln.
Bundesweite Agentur für Gründerinnen
Das hat auch die Bundesregierung erkannt und eine bundesweite Agentur für Gründerinnen geschaffen. Das Service-Angebot startete vor wenigen Wochen mit einer telefonischen Hotline zur Orientierungsberatung. Ein Internet-Auftritt soll Gründerinnen in Kürze umfassende Praxis-Tips liefern und sie mittels einer Kontakt- und Ideenbörse sowie einer Expertinnendatenbank untereinander vernetzen. Geplant sind auch Fachtagungen und Coaching-Angebote.
Beratungsangebote auf lokaler und regionaler Ebene sowie Netzwerke für Gründerinnen gibt es zwar bereits eine ganze Menge. Diese will der Bund in seiner zentralen Plattform bündeln und vernetzen. Unser Ziel ist es, Transparenz zu schaffen, sagt Iris Kronenbitter, Projektleiterin der neuen Gründerinnen-Agentur. Den Wert eines geschlechtsspezifischen Angebots kennt sie aus ihrer langjährigen Arbeit in der Gründerinnenberatung des Landes Baden-Württemberg.
Andere Motivation
Frauen gründen anders, weiß auch Christiane Stapp-Osterod, Vorstand der Frauenbetriebe in Frankfurt. Der gemeinnützige Verein berät bereits seit 20 Jahren Gründerinnen. Allein die Motivation ist häufig eine andere als bei Männern. Während diese mit dem Schritt in die Selbständigkeit primär eine berufliche Entscheidung treffen, sehen Frauen darin oftmals eine Möglichkeit, Job und Familie unter einen Hut zu bringen, etwa nach der Babypause. Unter den Teilzeitselbständigen sind sie entsprechend überrepräsentiert.
Ebenso aber machen sich auch hochqualifizierte Frauen zur eigenen Chefin, um die gläserne Decke zu umgehen, an die sie im Unternehmen früher oder später stoßen. Die Facetten von Frauen-Gründungen sind äußerst vielfältig, sagt Stapp-Osterod. Der Beratungsansatz der Frauenbetriebe schließt neben marktwirtschaftlichen Aspekten daher auch die persönlichen Lebensumstände der Klientinnen ein.
Bescheidene Erwartungen
Auch in ihrem Gründungsverhalten unterscheiden sich Männer und Frauen deutlich, zeigt die GEM-Studie. Obwohl sie dem anderen Geschlecht in Sachen Schulbildung in nichts nach stehen, tendieren Frauen zur Gründung kleinerer Unternehmen in Bereichen mit geringeren Eintrittsbarrieren. Ihr Kapitalbedarf ist geringer, dennoch fehlen häufig die nötigen Eigenmittel. In die Zukunft blicken die Jung-Unternehmerinnen eher bescheiden: Mehr als die Hälfte erwartet, in fünf Jahren höchstens zwei Mitarbeiter zu beschäftigen. Im Gegensatz dazu rechnet ein Viertel der Männer mit 11 und mehr Angestellten.
Über die tatsächliche Entwicklung des Unternehmens sagt das freilich nichts aus. Die Gründungsforschung zeigt, daß Frauen ihre Perspektiven generell pessimistischer - aber auch realistischer - einschätzen als Männer. Frauen planen risikobewußter, sagt Kronenbitter. Eine Unterschätzung des eigenen Potentials ist freilich auch nicht dienlich. Unternehmertum verpflichtet zum Optimismus, sagt Christiane Stapp-Osterod.
Das Kreuz mit der Sozialisation
Zumal es von Anfang an bestimmte Hürden zu überwinden gilt. Allein die Bürokratie kostet Nerven, hierzulande jedenfalls. Zur Gründung einer GmbH braucht es neun Genehmigungen und durchschnittlich 45 Tage. In Kanada kann ein vergleichbares Unternehmen nach zwei bis drei Tagen starten, zeigt eine aktuelle Studie der Weltbank. Hinzu kommt die Frage der Finanzierung. Nicht aufgrund ihres Geschlechts sprechen Gründerinnen bei den Banken oftmals vergebens vor, meint Christiane Stapp-Osterod. Wohl aber, weil kleinvolumige Vorhaben, gegründet als Teilzeiterwerb oder aus der Arbeitslosigkeit heraus, für die Kreditinstitute nicht besonders attraktiv sind. Förderdarlehen speziell für Kleingründungen bieten etwa die KfW Mittelstandsbank oder Programme der Bundesländer.
Auch wenn sie es nicht immer anhand konkreter Beispiele belegen können: Gründerinnen kämpfen häufig mit dem Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Da spielt auch die Sozialisation mit rein - auf beiden Seiten, sagt Iris Kronenbitter. Der Austausch mit Gründungsexperten hilft, sich über die neue Rolle als Unternehmerin und die Tragfähigkeit des Konzepts klar zu werden. Stapp-Osterod: Wir nehmen jede Idee ernst - vorausgesetzt, sie läßt sich in einem Business-Plan durchdeklinieren.
Hotline der Bundesweiten Agentur für Gründerinnen: Tel. 01805/22 90 22, besetzt Montag bis Donnerstag von 9-18 Uhr, Freitag von 9-16 Uhr
Text: @rwi
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