Von Birgit Obermeier
18. Februar 2005 Ein Unternehmen zu gründen ist heutzutage nicht schwer: Eine Idee, niedergeschrieben in einem Konzept und mit etwas Glück erhält man einen Zuschuß vom Staat: Allein 360.000 Menschen haben sich 2004 mit Unterstützung vom Arbeitsamt selbständig gemacht. Die Zahl der Ich-AGs stieg im Vergleich zum Vorjahr um 80 Prozent. Derartigen Programmen und zahlreichen Gründerzentren verdankt Deutschland im Global Entrepreneurship Monitor 2003 Platz zwei bei der öffentlichen Förderinfrastruktur.
Mit dem Anreiz zur Selbständigkeit ist es freilich nicht getan. Die Schwierigkeiten beginnen nach der Anmeldung beim Finanzamt - wenn die Gründer mit ihren mehr oder minder ausgeprägten unternehmerischen Fähigkeiten ihren Plänen reale Umsätze folgen lassen sollen. Für viele ist der Traum von der eigenen Existenz schnell ausgeträumt: Jedes siebte der knapp 40.000 Unternehmen, die 2004 Insolvenz anmeldeten, war jünger als zwei Jahre. Hinzu kommen alle jene Jungunternehmer, die noch vor der offiziellen Pleite leise die Segel streichen. Das Institut für Wirtschaft und Technik der TU Dresden prognostiziert in einer aktuellen Studie, daß eine Ich-AG mit einer Wahrscheinlichkeit von nur 48 Prozent ihren dritten Geburtstag feiert.
Zu schnell zu viel Umsatz erwartet
Häufig gründet bereits die Planung auf tönernen Füßen - wenn zu schnell zu große Umsätze erwartet werden, sagt Christiane Siegel, Projektleiterin bei der Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung (G.I.B.) in Bottrop. Laufen die Dinge nicht wie geplant, geraten Jungunternehmer rasch in Liquiditätsschwierigkeiten, weil sie häufig mit wenig Eigenkapital starten. Auf die Banken sei in punkto Nachfinanzierung nicht zu hoffen, sagt Siegel. Gründer sollten deshalb von Anfang an ein Worst-Case-Szenario einplanen
Aber auch die Berater dürften - bei allem Streben nach selbst geschaffenen Arbeitsplätzen - die Risiken der Selbständigkeit nicht ausblenden, fordert Siegel. Im Rahmen einer Pilotstudie entwickelte die G.I.B. einen Leitfaden für die Gründungsberatung, der Risiken hinsichtlich Motivation, Persönlichkeit, Fachkenntnisse und persönliche Rahmenbedingungen des Gründers fokussiert.
Untergetaucht im Tagesgeschäft den Überblick verloren
Grund für eine unternehmerische Krise sind häufig auch strategische Fehler. Völlig untergetaucht im Tagesgeschäft, haben Unternehmer keinen Blick mehr dafür, ob das, was sie tun, ihren ursprünglichen Zielen entspricht. Hinzu kommen gravierende Mängel an betriebswirtschaftlichem Know-how: Rechnungen werden nicht zeitnah gestellt, Preise über den Daumen gepeilt kalkuliert. Bisweilen vergessen Unternehmer auch, bei der Jahresplanung ihre Privatentnahmen zu berücksichtigen. Controlling by Kontostand, kommentiert Siegel.
Eine ganze Litanei weiterer Fallen und Fehler haben die Autoren Cordula Nussbaum und Gerhard Grubbe in einem Buch zusammen getragen: Die Angst vor der Akquise etwa, die viele Selbständige um Aufträge bringt. Oder eine allzu große Verliebtheit in das eigene Produkt, über die viele vergessen, den konkreten Nutzen für die Verbraucher heraus zu arbeiten.
Bestandsaufnahme nach einem Jahr
Ganz gleich wie die Geschäfte laufen: Gründungsberater empfehlen, nach spätestens einem Jahr die Planung mit der Ist-Situation zu vergleichen: Ist die Markterschließung geglückt? Wo und warum nicht? Welche Aufträge lohnen wirklich? Inwiefern muß das Angebot verändert werden? Viele Gründer meinen, die Planung sei nur für die Bank bestimmt, kritisiert Siegel. Generell gilt: Je früher man auf Schwierigkeiten reagiert, desto besser die Chancen für eine Konsolidierung des Unternehmens.
Professionelle Unterstützung erhalten kleine und mittlere Unternehmen in einer Aufbauberatung. Was viele nicht wissen: Auch dafür stehen öffentliche Mittel bereit. Der Bund etwa gewährt in den ersten drei Jahren nach der Gründung einen Zuschuß von 50 Prozent zu den Beraterhonoraren, maximal 3.000 Euro. Junge Unternehmer, die bislang keine öffentliche Förderung in Anspruch genommen haben, können bei der KfW Mittelstandsbank Unterstützung für ein sogenanntes Gründercoaching beantragen. Ein erfahrener Unternehmer schaut ihnen dabei zehn Tage lang über die Schultern und analysiert mit ihnen Schwachstellen. Betriebe, die bereits in echten Schwierigkeiten stecken, können mit Mitteln der KfW ausgewählte Berater mit einem Unternehmens-Check beauftragen (Runder Tisch). Die Länder halten eigene Angebote zur Aufbauberatung bereit.
Problem erkannt, Problem gebannt
Die Firmenhilfe in Hamburg etwa berät in einer kostenlosen Telefon-Hotline ortsansässige Kleinstunternehmen, auf Wunsch auch anonym. Durch gezieltes Nachfragen analysieren die Berater das Problem, mit Formularen für Budget- und Liquiditätsplanung sollen Unternehmer einen systematischen Überblick über ihre Finanzen gewinnen. Es geht darum, Stellschrauben zu identifizieren, sagt Dagmar Hayen, Beraterin bei der Firmenhilfe. Kommt zu wenig Geld in die Kasse? Sind die Kosten zu hoch, etwa aufgrund hoher Mieten? Hayen: Viele Unternehmer kommen im Gespräch selbst auf gute Ideen.
Zur Auseinandersetzung mit dem Problem muß es freilich erst einmal kommen. Die Beratungsangebote werden häufig nicht rechtzeitig genutzt, weiß Siegel. Sei es, weil die Unternehmer erste Anzeichen der Krise nicht wahrnehmen. Oder aber der Vorstellung unterliegen, mit ihren Problemen alleine klar kommen zu müssen. Mit der Hoffnung, daß es einfach wieder besser werden muß, starb schon so mancher Traum von der Selbständigkeit.
Buchtip: Cordula Nussbaum / Gerhard Grubbe: Die 100 häufigsten Fallen nach der Existenzgründung. Rudolf Haufe Verlag, 2004, ISBN 3-448-06214-6
Text: @rwi
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