Von Nadine Bös
21. Dezember 2007 Am Anfang wirkte Ralf Radermacher beinahe, als habe ihn der Mut schon wieder verlassen. Wie er da saß an seinem Schreibtisch, in dem ansonsten leeren Büro mit Schimmelspuren an den Wänden - man sah ihm an, dass sein beruflicher Neuanfang in der indischen Hauptstadt Neu Delhi Nerven gekostet hatte. Draußen wechselten sich Monsunregen und 40 Grad Hitze ab. Drinnen drängte das Wasser durch die frisch renovierten Bürowände. Die Lieferung der Büromöbel? Seit Wochen überfällig. Arbeiten? Wenn, dann nur am Laptop auf dem gemieteten Schreibtisch. Internet? Mit Glück lief das wenigestens, aber auch nur mit Glück. Das war im August.
Inzwischen ist Winter in Delhi. Der Regen hat aufgehört. Die Geschäfte laufen gut, besser sogar, als Ralf Radermacher es sich erträumt hatte. Die Büroräume haben sich gefüllt: Inzwischen arbeiten 11 Angestellte und Hilfskräfte für ihn und seine Kollegen, 3-5 weitere sollen sehr bald folgen. Radermacher selbst hetzt von einem Termin zum nächsten. Für Anfragen verweist er an seine Pressesprecherin.
Analphabeten sollen zu Mini-Versicherungsmanagern werden
Seit Juli 2007 ist der 30 Jahre alte Volkswirt Direktor der Micro Health Insurance Academy, kurz Mia, in Indien. Mia ist eine Nichtregierungsorganisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, Krankenversicherungen für die arme Bevölkerung des Landes zu fördern. Diese Kleinstversicherungen funktionieren ähnlich wie Mikrokredite: Die Versicherten zahlen im Rahmen ihrer Möglichkeiten kleinste Beträge ein und formen auf diese Weise einen Risikopool. Diesen verwalten sie in der Regel selbst. Das Ziel: Eine ernsthafte Erkrankung, die auf dem Land aufgrund hoher Behandlungskosten eine ganze Familie für immer in den Ruin treiben kann, soll besser abgesichert sein. Diese Art Versicherung ist zwar in Indien schon relativ verbreitet. Es fehlt allerdings an Ausbildern, die den Betroffenen das nötige Wissen vermitteln, um solche selbstverwalteten Systeme erfolgreich betreiben zu können. Die Organisation Mia hat sich zum Ziel gesetzt, dieses Wissen zu vermitteln.
Wenn Ralf Radermacher von seiner Arbeit erzählt, dann gerät er ins Schwärmen und ist schwer zu stoppen. In langen Sätzen, die mit Wirtschaftswissenschaftler-Deutsch gespickt sind, kann er sich stundenlang darüber auslassen, wie man einen Analphabeten zum Mini-Versicherungsmanager ausbildet. Die Lehrmaterialien, die er mit seinen Kollegen zusammen entwirft, sollen der Landbevölkerung auf einfache Weise verdeutlichen, wie eine Krankenversicherung funktioniert. Diskussionsgruppen, kleine Spiele, Filme - das alles soll helfen, sagt Radermacher.
Kein Auto, kein Bankkonto, kein Internet
Trotz aller Begeisterung für seine Arbeit - der Anfang in Delhi war nicht leicht für den frischgebackenen Akademie-Direktor. Radermacher selbst hatte zwar schon öfter und auch mehrere Monate lang in Indien gearbeitet. Seine Frau hingegen war noch nie in dem Land gewesen, und sein Sohn war zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal ein Jahr alt. Selbst das Kinderbett für ihn durch den Zoll zu bringen war unendlich schwierig, erzählt Radermacher. Anscheinend sah es zu neu aus, und wir wurden verdächtigt, wir wollten das gute Stück in Indien verkaufen.
Auch die ersten Schritte im Alltags und Büro machten ihm zu schaffen. Ein Auto kaufen ,das wäre nötig gewesen, um die riesigen Wegstrecken in der Millionenstadt einigermaßen zügig zu überwinden. Aber nein, ohne indisches Bankkonto verkauft Dir hier keiner einen Wagen, erzählt Radermacher. Und ein indisches Bankkonto zu bekommen ist eine der schwierigsten Übungen überhaupt.
Und so ging es weiter: Die Handwerker, die im Büro den Internet-Anschluss legen sollten, mussten drei Mal kommen, bis die Leitung endlich stand. Die Suche nach geeignetem Personal gestaltete sich schwierig. Und die größte Ironie: Wir finden keine vernünftige Krankenversicherung für unsere Mitarbeiter, sagt Radermacher - bis heute nicht.
Karriere in Indien zeichnete sich schon länger ab
Dass seine Karriere ihn nach Delhi führen könnte, das hatte sich seit längerer Zeit angedeutet. Seit seiner Diplomarbeit beschäftigt sich Radermacher mit Kleinstkrankenversicherungen in Indien. Mehrere Jahre arbeitete er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität zu Köln und leitete dort ein Forschungsprojekt zum gleichen Thema. Gemeinsam mit Wirtschaftswissenschaftlern und Gesundheitsökonomen aus den Niederlanden und aus Indien erforschte er, welche Kleinstversicherungssysteme für die arme Klientel den größten Nutzen bringen - und welche sich auch längerfristig tragen.
Im Zuge dieser Forschung kamen er und seine niederländischen Kollegen David und Iddo Dror auf die Idee, dass das neu erlangte Wissen aus dem Forschungsprojekt viel gezielter an die Betroffenen weitergegeben werden müsste. Wir sahen, wie glücklich die Leiter der Kleinstversicherungen waren, als wir nach dem Ende unseres Projektes nochmals nach Indien reisten und ihnen die Ergebnisse vorstellten, erzählt Radermacher. Sie sagten: Geforscht haben schon viele Europäer bei uns, aber was dabei rausgekommen ist, hat uns noch kaum einer gezeigt.
Zurück nach Deutschland? Irgendwann sicherlich
Das Erforschte den Betroffenen zu zeigen und zu erklären, haben sich Radermacher und seine Kollegen nun zur Hauptaufgabe gemacht. Und sie scheinen beinahe überrascht vom eigenen Erfolg. Wir haben mehr Anfragen als wir bedienen können, sagt Radermacher und gerät sofort wieder ins Schwärmen: Vor kurzem haben wir die welterste Rückversicherungsschule für Mikroversicherungen gehalten. Das war unser erster richtiger Workshop. Ein voller Erfolg!
Ob er irgendwann wieder nach Deutschland zurück will? Irgendwann sicherlich. Wann genau, das weiß Ralf Radermacher noch nicht so genau. Er ist unsicher, wie lange sein Kind in Indien aufwachsen soll. Aber noch schiebt er solche Fragen von sich. Denn noch steht er ja ganz am Anfang. Jetzt nimmt hier alles erst so richtig Fahrt auf. Fragt man ihn heute, welche Steine ihm in Indien in den Weg gelegt wurden, dann sagt er banal: Da fällt mir eigentlich nichts ein.
Text: FAZ.NET
Tagesgeldkonto: Nicht ausruhen auf dem ![]()
Mehr Billigarbeitsplätze bei der Telekom
Nike in der Defensive: Schmerzen der Sponsoren
FAZ.NET-Spezial: Conti und Schaeffler beenden Übernahmekampf
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 6.254,21 | -1,01 |
| TecDax | 802,33 | +0,70 |
| DowJones | 11.417,43 | +0,61 |
| Nasdaq | 2.389,08 | +0,20 |
| STOXX 50 | 3.258,08 | -1,13 |
| Nikkei 225 | 12.752,21 | -0,77 |
| S&P 500 Zert. | 12,65 | -0,55 |
| Euro/Dollar | 1,48 | +0,54 |
| Bund Future | 114,32 | -0,38 |
| Gold | 827,25 | +1,84 |
| Öl | 114,78 | +3,31 |
