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Mittelstand: Allrounder gefragt

Von Birgit Obermeier

Karrieresprung - wöchentlich bei FAZ.NET

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04. März 2005 Politiker rühmen den Mittelstand als „Rückgrat der Wirtschaft“, von Hochschulabsolventen wird er oft verschmäht. Als langweiliger Arbeitgeber gilt er vielen, der - verglichen mit einem Großunternehmen - konservativ geprägt ist, schlechter bezahlt, keine Möglichkeit für Auslandserfahrungen und überhaupt: kaum Karrierechancen bietet. Soweit die vagen Vorstellungen der Absolventen, erhoben in einer Umfrage unter den Hochschulteams deutscher Arbeitsagenturen.

Für manchen Mittelständler mögen die Vorurteile zutreffen. Angesichts von 3,4 Millionen Unternehmen in Deutschland, die weniger als 500 Mitarbeiter beschäftigen und unter 50 Millionen Euro pro Jahr umsetzen - und damit definitorisch den Mittelstand bilden - sind Pauschalurteile jedoch gewagt. Zwischen dem kleinen Handwerksbetrieb und dem weltmarktführenden Automobilzulieferer liegen Welten. Ein genauerer Blick lohnt für Absolventen also, zumal der Mittelstand hierzulande rund 70 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer beschäftigt.

Wachsender Bedarf an Akademikern

Fakt ist: Aufgrund ihrer Größe und flacherer Hierarchien bieten kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) weniger Führungspositionen. Der Anteil an Akademikern ist daher auch deutlich geringer als in Großunternehmen. Aber: Der Bedarf wächst. Firmen, die in innovativen Branchen oder unternehmensnahen Dienstleistungen wie Software-Entwicklung oder Beratung tätig sind, suchen hochqualifizierte Fachkräfte. Insgesamt hat der Mittelstand in den vergangenen Jahren stark im Ausland expandiert. „Das verspricht spannende Aufgaben und gute Karrierechancen“, sagt Raoul Nacke, Personalberater bei Board Consultants in München.

Bei der Rekrutierung im Auftrag eines Mittelständlers achtet Nacke auf eine gute Ausbildung mit möglichst internationalem Profil. „Zudem werden alte Tugenden wie Fleiß, Herzblut und Verantwortungsbewußtsein geschätzt.“ Eine „hemdsärmelige Art“ sei von Vorteil, schließlich müsse man in einem kleineren Betrieb flexibel und pragmatisch agieren. Gefragt sind Allrounder, die anpacken, wo es nötig ist - auch wenn die Tätigkeit bisweilen nicht exakt ihrer Qualifikation entspricht.

Eigeninitiative wird belohnt

Vorgezeichnete Karrierewege, unterstützt durch systematische Weiterbildung, können Absolventen in einem mittelständischen Unternehmen in der Regel nicht erwarten. Dafür gilt: Wer sich durch Leistung und gute Ideen hervortut, kann rasch Verantwortung übernehmen. Zum Beispiel Uwe Osterkamp: Als junger Informatiker stellte er beim Dortmunder Mittelständler PRO DV Software AG rasch unter Beweis, daß er im Team gerne Verantwortung übernimmt und sich auch für Vertriebs- und Marketingaspekte interessiert. Mit der Expansion des Unternehmens erweiterte sich nach und nach sein Verantwortungsbereich. Heute sitzt Osterkamp im Vorstand des 200-Mann-Betriebs. „Mit Eigeninitiative kann man im Mittelstand viel bewegen“, resümiert der 40 Jahre alte Manager. Und: „Wer sich engagiert, kann mit ähnlichen Leistungen wie in einem Großunternehmen rechnen.“

Für eine rasche interne Karriere spricht, daß sich KMUs bei der Personalrekrutierung eher risikoscheu verhalten. Insbesondere Schlüsselpositionen werden bevorzugt mit eigenen Mitarbeitern besetzt, zeigt eine Studie der Zeitschrift Impulse. Aussichten auf den Chefsessel bestehen selbst in inhabergeführten Betrieben: Von den knapp 71.000 Unternehmern, die in diesem Jahr voraussichtlich das Zepter übergeben, haben nur 43 Prozent einen Nachfolger in der Familie. In jedem zehnten Betrieb tritt ein Mitarbeiter an die Spitze, knapp 30 Prozent müssen mangels Nachfolger stillgelegt oder verkauft werden, schätzt das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn.

Gelingen kann der interne Aufstieg allerdings nur, wenn die Chemie zwischen Chef und Mitarbeiter stimmt. Mit Gewißheit beurteilen läßt sich das vorab nicht. Einen Eindruck, wie das Unternehmen geführt ist, könne man beim ersten Gespräch aber erhalten, meint Personalberater Nacke. „Ein zukunftsträchtiges Geschäftsfeld und innovative Produkte sprechen zudem dafür, daß der Betrieb nicht dem Klischee des angestaubten Mittelständlers entspricht.“

Unbekannte Arbeitgeber

Bleibt für Absolventen die Herausforderung, den Mittelständler ihrer Wahl zu identifizieren. Daß in Umfragen nach dem Wunscharbeitgeber stets Konzerne ganz oben rangieren, liegt schließlich auch daran, daß KMUs meist nur regional bekannt sind. Dieses Informationsdefizit müßten sie ausräumen, fordert Rosemarie Kay, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim IfM Bonn: „Auch wenn KMUs zunehmend ihre öffentliche Präsentation verbessern - da ist noch viel zu tun.“

Beispielsweise bei den Stellenausschreibungen. Da der Name des Unternehmens meist nicht für sich selbst spricht, müsse die Anzeige informieren und werben - für die Firma als Ganzes sowie für die Möglichkeiten und Perspektiven, die sie Bewerbern bietet. Auch dürfe sich die Suche nach Akademikern nicht länger auf Anzeigen in der regionalen Tageszeitung beschränken. Kay rät Mittelständlern, verschiedene Kanäle zu nutzen: Angefangen von der eigenen Homepage über Fach- und Kammerzeitschriften bis hin zur Ausschreibung in der Online-Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit (BA). Gute Kontakte versprechen auch Kooperationen mit regionalen Bildungseinrichtungen.

Angesichts des Fachkräftemangels, der im Zuge der demographischen Entwicklung zu erwarten sei, müßten Mittlerständler längst aktiv werden, warnt Kay: „Attraktivität als Arbeitgeber erwirbt man sich nicht von heute auf morgen.“

Birgit Obermeier arbeitet als freie Journalistin (birgit.obermeier@wiewort.de).



Text: FAZ.NET

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