Von Herta Paulus
03. April 2009 Wer bei Greenpeace anheuern will, sucht mehr als nur einen Job. Umweltzerstörung verhindern, Verhaltensweisen ändern, Lösungen durchsetzen - die Identifikation mit den Zielen der Umweltorganisation ist hoch bei den Bewerbern. Wer sich hier bewirbt, tut dies aus tiefer Überzeugung. Es ist eine bewusste Entscheidung, weiß Ingrid Meyer, Personalleiterin der internationalen Umweltorganisation. Doch die Zeiten, wo Engagement, Herz und Idealismus alles war und fachliche Qualifikationen nur eine untergeordnete Rolle spielten, sind längst vorbei. Wir haben klar definierte Anforderungsprofile, sagt Meyer.
Was für Greenpeace gilt, ist auch bei anderen Organisationen längst Gang und Gäbe: Der Erfolgs- und Wettbewerbsdruck der Umwelt- und Hilfsorganisationen ist hoch, die Erwartungen der Spender und Unterstützer in punkto Effizienz und Transparenz sind enorm gestiegen. Der emphatische Entwicklungshelfer von einst ist dem ziel- und strategieorientierten Veränderungsmanager gewichen, der Wirtschaftsreformprogramme vorbereitet oder Bildungsreformen evaluiert und koordiniert.
Absolute Professionalität
Idealismus und Engagement stehen zwar im Vordergrund, aber sie müssen gepaart sein mit absoluter Professionalität. Ansonsten ist das Risiko des Scheiterns viel zu hoch, sagt Annette Ptassek, Personalleiterin der Welthungerhilfe. Das Bild des Moralunternehmens, in dem professionelles Know-how und strategisches und wirtschaftliches Denken unter ferner liefen rangieren, sei längst überholt.
Der Trend zur Professionalisierung und an bestimmten Stellen auch zur Akademisierung ist sehr hoch. Quereinsteiger haben kaum noch eine Chance, bestätigt Thomas Vierus, Personalleiter von World Vision. Die Professionalisierung und zunehmende Ausdifferenzierung veränderte freilich auch die Unternehmenskultur. Beispielsweise sind die Zeiten des jeder kennt jeden zumindest bei World Vision vorbei, deren Mitarbeiterzahl sich in den letzten zehn Jahren von rund vierzig auf mehr als 130 Mitarbeiter mehr als verdoppelt hat. Das wird nicht als angenehm wahrgenommen, sagt Vierus. Die größte Herausforderung sei jedoch systemischer Natur, respektive die Frage, wo die Grenzen zwischen Herz und Kommerz überschritten werden. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht auf der anderen Seite vom Pferd fallen. Es wäre fatal, wenn wir nur noch den kühlen Administrator hätten, benennt Vierus das Problem.
Arbeiten in Sinnstrukturen
Ob dem Zeitgeist geschuldet oder aus Überzeugung: Nicht nur bei akademischen Nachwuchskräften steht das Arbeiten in Sinnstrukturen mittlerweile hoch im Kurs. Trotz in der Regel geringerer Gehälter hat sich das Spektrum der Bewerber, die bei Nicht-Regierungs- und Non-Profit-Organisationen an Bord gehen wollen, in den letzten Jahren deutlich erweitert. Im Bewerberpool finden sich Business-School-Absolventen in den Dreißigern ebenso wie Industriemanager, die ihren 40. Geburtstag längst hinter sich haben. Selbst die Bad Guys dieser Tage gehören dazu. Inzwischen bewerben sich auch Investmentbanker, die entdecken, dass es noch etwas anderes gibt, sagt Vierus.
Dem gestiegenen Interesse auf Bewerberseite steht ein großes Desinteresse von Seiten der Statistiker gegenüber: Aktuelle Zahlen darüber, wie groß der Arbeitsmarkt im Non-Profit-Sektor tatsächlich ist, fehlen. Was es gibt, sind Schätzwerte. Diesen zufolge existieren derzeit 600.000 gemeinnützige Organisationen, in denen über drei Millionen Menschen tätig sind, davon rund 200.000 in Führungspositionen.
Arbeitmarkt Non-Profit-Sektor
Wachstum ist im Non-Profit-Sektor, zu dem neben den international tätigen Nicht-Regierungs-Organisationen Stiftungen, Vereine, gemeinnützige Unternehmen und Wohlfahrtsverbände gehören, in nächster Zeit kaum zu erwarten. Bedingt durch den Stellenabbau im Gesundheitswesen und den sozialen Diensten stagniere der Arbeitsmarkt insgesamt, so eine im Jahr 2007 veröffentlichte Studie Berufsfeldanalyse und Kompetenzentwicklung im Non-Profit Management der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege in Berlin (FHVR).
Bedarf bestehe hingegen im Bereich Führungskräfte. Während vermutlich das Fachpersonal auf der mittleren und unteren Ebene abgebaut wird, wird mit großer Wahrscheinlichkeit der Bedarf an Führungskräften wachsen, so das Fazit der Studie. Zugleich konstatieren die Autoren trotz der mit 86 Prozent sehr hohen Akademikerquote bei den Führungskräften in Non-Profit-Organisiationen verstärkt Qualifizierungsbedarf. Gemeinnützige Organisationen in Deutschland sind nicht ausreichend auf den sozialstaatlichen Wandel vorbereitet, insbesondere mangelt es an einer Professionalisierung des Managements.
Neue Weiterbildungsangebote am Start
Abhilfe schaffen soll ein betriebswirtschaftlich orientierter Masterstudiengang Non-Profit Management und Public Governance. Dieser baut auf einen von der FHVR gemeinsam mit der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft bereits angebotenen Bachelorstudiengang Public Management auf. Qualifizierungsbedarf sieht auch der Fachbereich Wirtschaft Rheinbach an der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg, der ebenfalls zum Wintersemester einen berufsbegleitenden, eineinhalbjährigen Masterstudiengang in NGO-Management plant.
Hauptzielgruppe des 9000 Euro teueren MBA in NGO-Management sind Ingenieure, Natur- oder Sozialwissenschaftler, die bereits im Ausland tätig waren und den beruflichen Einstieg in Führungsfunktionen in NGOs planen. Im Visier sind aber auch karriereorientierte Mitarbeiter von Stiftungen, Vereinen und Wohlfahrtsverbänden sowie von privatwirtschaftlichen Unternehmen, die ihre Kompetenzen im Bereich der so genannten Corporate Social Responsibility weiterentwickeln wollen.
Flache Hierarchie
Skepsis mag erlaubt sein, ob die avisierten Häuptlings- und Unterhäuptlingsstellen zumindest im Teilsegment Nicht-Regierungs-Organisationen tatsächlich vorhanden sind. Wenn man die Projektarbeit im Ausland dazu nimmt, haben wir zwar relativ viele Leitungspositionen. Aber hier im Inland haben wir eine flache Hierarchie, sagt Personalleiterin Ptassek von der Welthungerhilfe.
Gespalten zeigt sich auch Heinz-Michael Hauser, Leiter der Abteilung für Personalbereitstellung der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), die als staatliche Non-Profit-Organisation größter Arbeitgeber im Entwicklungsbereich ist. Rund 110 Stellen offeriert die Jobdatenbank der GTZ derzeit, davon knapp 20 in Deutschland. Gesucht werden Ingenieure aus den Bereichen Energie, Wasser oder Klima ebenso wie Agrarexperten, Wirtschafts- und Finanzwissenschaftler oder Öffentlichkeitsarbeiter. Das Thema Professionalisierung im NGO-Bereich ist wichtig, bestätigt Hauser. Aber die bei uns geforderte Mischung aus Fachwissen, Auslandserfahrung, Sprachkenntnissen und Softskills, kann mit einem MBA in NGO-Management allein nicht abgedeckt werden.
Text: FAZ.NET
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Eine Pleite bleibt eine Pleite
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