Von Corinna Zawodniak
11. Januar 2008 So hatte Stefan Szukala* sich sein Berufsleben nicht vorgestellt. Mit dem Bachelor-Abschluss in der Tasche hatte der Informatiker auf eine sichere Arbeitsstelle mit Acht-Stunden-Tag und Urlaubsgeld gehofft. Doch es kam anders: Während meiner Abschlussarbeit bekam ich das Angebot, als freier Mitarbeiter in einem kleinen Programmierbüro anzufangen. Ein bequemer und nahtloser Einstieg in den Beruf, dachte er. Anfangs hieß es, dass ich nach ein paar Projekten fest angestellt würde. Aber das ist nun anderthalb Jahre her.
Wie Szukala sammeln viele Absolventen ihre ersten Berufserfahrungen als Freiberufler. In den letzten fünf Jahren betrifft das immer mehr Menschen in allen Branchen - nicht mehr nur in den Medien und im Kulturbereich, sondern auch bei Bürotätigkeiten in großen Konzernen, sagt die Berliner Karriereberaterin Sabine Hertwig.
Hangeln von Projekt zu Projekt
Freie Mitarbeit kann durchaus eine gute Ausgangsbasis für den Traumjob sein. Aber häufig ist das Hangeln von Projekt zu Projekt kein Durchgangsbahnhof, sondern Endstation: Manch einer erkennt, dass er ohne festen Job flexibler ist und durch die Arbeit für mehrere Unternehmen viel Geld verdienen kann. Andere bekommen zu spüren, dass ihr Auftraggeber sie niemals fest anstellen wird. Denn so spart er Lohnnebenkosten.
Die Journalistin und Volkswirtin Katrin Schulz* hielt sich in der Bewerbungsphase mit Artikeln für Wirtschaftszeitungen über Wasser. Ich habe so die Zeit zwischen meinem Studienabschluss und der ersten festen Anstellung bei einem Finanzmagazin überbrückt, erzählt sie. Eine goldene Nase habe sie sich zwar nicht verdient, aber es hat irgendwie gereicht. Die 27-Jährige war froh über diese Möglichkeit. Ich habe Erfahrungen gesammelt und Kontakte geknüpft - das hat auch bei der Arbeitssuche geholfen. Ein Gefühl der Unsicherheit begleitete Schulz in jenem halben Jahr trotzdem. Ich konnte es mir kaum leisten, einen Auftrag abzulehnen, sagt sie. Denn weniger Geld hätte kaum fürs tägliche Leben gereicht.
Auch eine Typfrage
Wie ein Freiberufler mit der Freiheit umgeht, ist auch eine Typfrage. Einerseits kann man frei wählen, wann und wo man arbeitet. Andererseits weiß man nicht, wie viel Geld im nächsten Monat da ist. Manche kommen damit besser zurecht, andere schlechter, sagt Karrierecoach Hertwig.
Freie Mitarbeit ist nicht nur für Berufseinsteiger ein Thema. Oft geraten auch gestandene Arbeitnehmer in diese Situation. Wer nach einem Arbeitsplatzverlust nur noch einen Werkvertrag angeboten bekommt, sollte trotzdem zugreifen, findet Hertwig. Denn häufig verstecke sich dahinter eine spannende Tätigkeit. Zudem mache sich die praktische Erfahrung im Lebenslauf allemal besser als Arbeitslosigkeit. Allerdings rät sie: Man sollte den Vertrag juristisch prüfen lassen.
Alle Abgaben selbst schultern
Außerdem ist Rechnen angesagt. Auch wenn der Stundenlohn auf den ersten Blick hoch erscheine, bleibe oft nicht viel mehr als ein Lohn auf Hartz IV-Niveau übrig, so die Expertin. Schließlich muss der Freie alle Abgaben zur Sozialversicherung selbst tragen und auch Auftragsflauten überbrücken. Beim anfallenden Papierkram und der Finanzplanung können Steuer- und Rentenberater helfen.
Dass Arbeitgeber gerne auf freie Mitarbeiter setzen, verwundert nicht. Denn von ihnen kann sich die Firma jederzeit trennen. Außerdem zahlt der Auftraggeber nur das nackte Honorar und keine Beiträge zur Sozialversicherung oder eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. In besonders flexiblen Branchen gibt es deshalb schon lange Freiberufler, etwa im IT-Sektor, im Grafik- und Designbereich oder in den Medien.
Eine Festanstellung lohnt sich für uns nicht
Der Frankfurter Recruiting-Dienstleister Hobsons vergibt vier mal im Jahr, wenn Publikationen anstehen, Aufträge an freie Texter und Layouter. Eine Festanstellung lohnt sich für uns nicht, denn in den Hochphasen würde derjenige alleine die Arbeit gar nicht bewältigen können und den Rest des Jahres hätte er kaum zu tun, erklärt Redakteurin Katrin Czerwinski. Sie sieht aber auch Nachteile: Ein fester Kollege ist bei Meetings dabei und kennt die internen Abläufe viel besser, das erleichtert die Arbeit.
Mittlerweile setzten sogar Konzerne Freelancer für ganz normale Schreibtischjobs ein, berichtet Berufsberaterin Hertwig. Arbeitgeber, die Festangestellte durch freie Mitarbeiter ersetzen, um zu sparen, bewegen sich allerdings am Rande der Legalität: Viele vermeintliche Freiberufler sind eigentlich Arbeitnehmer, sagt Stefan Greiner, Akademischer Rat am Institut für Arbeits- und Sozialrecht an der Universität Köln. Damit stehen ihnen auch entsprechende Rechte zu wie Kündigungsschutz und Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung.
Ich habe nicht einmal einen schriftlichen Vertrag
Stefan Szukala ist unwissentlich in eine solche Scheinselbständigkeit gerutscht: Er sitzt fünf Tage in der Woche für mehr als acht Stunden am Schreibtisch im Büro seines Auftraggebers - und ist doch nicht angestellt. Ich habe nicht einmal einen schriftlichen Vertrag. Alles basiert auf einer mündlichen Absprache, gesteht der Programmierer. Das ist völlig unerheblich, sagt Arbeitsrechtler Greiner. Denn wer wie Szukala Arbeitszeit und -ort sowie die genauen Aufgaben vorgeschrieben bekomme, sei weisungsgebunden und persönlich abhängig und nicht selbständig tätig. Damit ist er Arbeitnehmer und auch als solcher zu behandeln, egal was im Vertrag steht oder abgesprochen ist, erklärt Greiner.
Freiberufler Szukala hat also das Recht auf die gleichen Konditionen wie seine festangestellten Kollegen. Anzeigen will er die Firma, für die er arbeitet, trotzdem nicht. Das würde das Klima zu sehr belasten, fürchtet der Softwareentwickler. So kümmert er sich vorerst weiter alleine um Krankenversicherung, Altersvorsorge und Co.
Mittelfristig träumt Szukala von einem Urlaub, der nicht durch das Wissen verhagelt wird, dass jeder Tag ohne Arbeit auch ein Tag ohne Verdienst ist. Deshalb will er in ein anderes Unternehmen wechseln. Damit seine Chancen auf einen geregelten, festen Job steigen, büffelt der Kölner nach Feierabend für den Master in Informatik - und hat die erste Bewerbung schon rausgeschickt.
*Name geändert
Text: FAZ.NET
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