Von Rolf-Dieter Witt und Claudia Bramhoff
03. Dezember 2004 Der demographische Wandel zählt nicht nur in Politik und Gesellschaft, sondern auch in der Wirtschaft zu den größten Herausforderungen. Stark rückläufige Geburtenzahlen und die kontinuierlich steigende Lebenserwartung führen zunächst zu einer Abnahme der Jugend-Jahrgänge, dann folgt eine Reduktion des Erwerbspotentials und schließlich schrumpft die Gesamtbevölkerung.
Eine ausgeglichene Bevölkerungsbilanz ließe sich mit durchschnittlich 2,2 Kindern pro Familie erreichen. Im Durchschnitt kommen auf jede Familie jedoch nur 1,3 Kinder. Die Bestandserhaltung der Bevölkerung wird bereits seit Jahrzehnten um ein Drittel unterschritten. Im Jahr 2040 kommen auf 100 Erwerbstätige etwa 70 Rentner - heute sind es nur 40. Diese demographischen Entwicklungen zwingen die Unternehmen über interne und externe Anpassungen nachzudenken und neue Strategien zu entwickeln.
Neue Mitarbeiterstrukturen
Ab dem Jahr 2010 wird es einen deutlichen Fachkräftemangel geben. Die Unternehmen müssen sich darauf einstellen, daß ein Großteil ihrer Belegschaft aus älteren Mitarbeitern besteht. Deshalb gilt es, das in älteren Arbeitskräften schlummernde Humankapital zu nutzen. Die Personalverantwortlichen müssen Strategien und Methoden zur Erhaltung und Förderung der Arbeitsproduktivität ihrer älteren Mitarbeiter entwickeln. Nur wer sein Humankapital richtig strukturiert und effektiv nutzt, wird zukünftig im globalen Wettbewerb bestehen können.
Veränderung des Lohngefüges
Der Mangel an Fachkräften wird zwangsläufig auch das Lohngefüge verändern. Grundsätzlich ist davon auszugehen, daß sich das Lohnniveau insgesamt erhöht. Dies ist unabhängig davon, wie hoch die Arbeitslosigkeit heute ist. Darüber hinaus ist mit einer größeren Differenzierung und Ausdehnung der Lohnskala zu rechnen. Der immense Bedarf an immer knapper werdenden Fach- und Nachwuchskräften wird langfristig dafür sorgen, daß begehrte Spezialisten eine höhere (Netto-)Entlohnung verlangen. Der "Kampf um die besten Mitarbeiter" könnte zum Überlebenskampf für die Unternehmen werden.
Kaufkraftrückgang
Folge einer alternden und schrumpfenden Bevölkerung ist eine sinkende Kaufkraft. Der daraus resultierende Absatzrückgang wird den Druck auf die Unternehmen erhöhen, sich im internationalen Wettbewerb zu behaupten. Fraglich bleibt, ob es den Unternehmen kurzfristig gelingen wird, diesem Wettbewerb auf gesättigten Märkten mit kürzeren Entwicklungszeiten und schnelleren Modellwechseln standzuhalten.
Anpassung des Marketings
Mit einer Bevölkerung, die zur Hälfte älter als fünfzig Jahre alt ist, sind die Unternehmen gezwungen, ihre Zielgruppen zu verschieben. Dies bringt eine neue Zielgruppenansprache und somit eine Neuausrichtung des Marketings mit sich. Die neue Zielgruppe versteht sich nicht als "Greis", sondern vielmehr als "Best Ager". Diese Menschen wollen als aktiv, mit vielseitigen Interessen, Bedürfnissen und Wünschen wahrgenommen werden.
Veränderte Konsumnachfrage
Eine weitere Konsequenz der schrumpfenden Bevölkerung ist der Nachfragerückgang bei Produkten des alltäglichen Bedarfs wie beispielsweise Lebensmittel. Auf die einzelnen Branchen wirkt sich dieser Rückgang allerdings unterschiedlich aus. So werden Branchen, deren Leistungen und Produkte verstärkt von Älteren nachgefragt werden - beispielsweise Gesundheits- und Pflegedienste - von den demographischen Veränderungen profitieren. Als "Struktur-Verlierer" gelten die Industriezweige, zu deren Kunden überwiegend junge Menschen zählen. Branchen, deren Produkte und Leistungen sich an alle Altersgruppen richten, müssen lediglich qualitative Anpassungen bei Produktgestaltung, Marketing und Vertriebswegen vornehmen.
Lebenslanges Lernen
Um die Leistungsfähigkeit der zunehmend älteren Belegschaft zu erhalten, sind gezielte Maßnahmen zur Personalentwicklung erforderlich. Projektteams, die sich aus jungen und älteren Mitarbeitern zusammensetzen, könnten helfen, diese für einander zu sensibilisieren und in ihrer Zusammenarbeit zu stärken. Auch Maßnahmen zur Erhöhung der sportlichen und geistigen Aktivität wie beispielsweise Betriebssport sind denkbar, um die Leistungsfähigkeit der älteren Arbeitnehmer zu erhalten. Die als innovativ und kreativ geltenden jüngeren Arbeitnehmer sind jedoch ebenfalls zu fördern, um das gesamte Potential der Mitarbeiter auszuschöpfen.
Fazit
Der Anstieg der Lebenserwartung stellt für sich allein genommen kein Problem für Unternehmen dar. Ganz im Gegenteil: Die Unternehmen könnten von diesen "neuen" Kunden profitieren. Voraussetzung ist, daß sie die neuen Märkte erkennen und die Kunden zielgruppengerecht ansprechen.
Die Konsequenzen des Geburtenrückgangs sind dagegen gravierend. Ein immenser Fachkräftemangel, eine Veränderung des Lohngefüges, ein Wandel in der Konsumnachfrage sowie eine Neustrukturierung der Belegschaft erfordern neue Maßnahmen und Anpassungen. Treten Bevölkerungsrückgang und Anstieg der Lebenserwartung - so wie in Deutschland - zusammen auf, sollten sich die Unternehmen frühzeitig auf die anstehenden Veränderungen vorbereiten, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Dabei sind letztendlich die Kreativität und die Innovationskraft jedes einzelnen Unternehmens gefordert.
Rolf-Dieter Witt ist Senior Manager im Bereich Human Resource Services bei PricewaterhouseCoopers, Düsseldorf
E-mail: rolf-dieter.witt@de.pwc.com
Claudia Bramhoff ist ebenfalls im Bereich Human Resource Services bei PricewaterhouseCoopers in Düsseldorf tätig
E-mail: claudia.bramhoff@de.pwc.com
Website: www.pwc.com/de
Text: @rwi
Kommentar: Kommissarin ![]()
Wie wir reich wurden (12): Freie Preise sind gerecht
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