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Zum Wohle der Mitarbeiter (3)

Chefsache Gesundheit

Von Birgit Obermeier

25. August 2007 Staub, Lärm, giftige Dämpfe - von offensichtlich gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen sind die Mitarbeiter des Walldorfer IT-Konzerns SAP verschont. Krank machen kann aber auch ein Job in der sauberen IT-Branche oder anderen vorwiegend akademisch geprägten Berufen: Die Mitarbeiter haben in der Regel komplexe, anspruchsvolle Aufgaben, reisen häufig und stehen unter einem hohen Zeit- und Ergebnisdruck.

Um die Belegschaft dabei dauerhaft gesund und damit leistungsfähig zu halten, hat sich SAP einiges einfallen lassen: Die Arbeitsplätze in den rauchfreien Büros sind ergonomisch gestaltet, die Computerbildschirme strahlungsarm, das Kantinenessen gesund. Betriebseigene Fitneßstudios sowie organisierte Lauf- oder Inline-Treffs halten die Mitarbeiter nach der Arbeit auf Trab. Wer dennoch Probleme mit seiner Figur, dem inneren Schweinehund oder seinem persönlichen Zeitmanagement hat, kann sich von einem „Health Coach“ beraten lassen. Körperliche Risikofaktoren entdeckt der Betriebsarzt beim regelmäßigen Check-up, für seelische Nöte gibt es psychologische Beratung - auf Wunsch auch anonym über eine externe Hotline. Die Maßnahmen sind Teil des betrieblichen Gesundheitsmanagements, für das SAP in diesem Jahr bei einem internationalen Wettbewerb neben dem Titel „Arbeitgeber des Jahres“ einen Sonderpreis erhielt.

Hauptsache im Büro

Das Arbeitsschutzgesetz fordert von allen Unternehmen vorbeugende Maßnahmen in Bezug auf Sicherheit, Ergonomie und psychische Belastungen. In der Praxis beschränken sich viele auf ersteres. Als gesund gelten ihnen bereits Mitarbeiter, die nicht krank geschrieben sind. Danach steht alles bestens: Die Fehlzeiten sinken hierzulande seit Jahren und erreichten 2006 einen neuen Tiefstand.

Das allein sage nicht allzu viel aus, warnt der Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW). Viele Beschäftigte gingen aus Pflichtgefühl oder Angst vor beruflichen Nachteilen trotz Beschwerden ins Büro, andere scheuten aus Kostengründen den Weg zum Arzt. Ist ein Leiden erst mal chronisch, drohen jedoch längere Auszeiten. Fälle mit über sechswöchiger Krankheitsdauer machen aktuell nur vier Prozent der Krankschreibungen aus, verursachen aber 42 Prozent der Ausfalltage, zeigt eine Statistik des BKK Bundesverbands.

Fit bleiben für die Rente mit 67

Prekär wird die Situation vor dem Hintergrund des demographischen Wandels. In 15 Jahren bildet die Generation der Babyboomer - dann zwischen 55 und 59 Jahre alt - die größte Gruppe unter den Beschäftigten. Mit steigendem Alter aber nehmen chronische Krankheiten zu. Gleichzeitig werden ältere Jahrgänge künftig wesentlich länger arbeiten müssen als heute, nachdem die Regierung die Förderung der Altersteilzeit gestrichen und die Rente mit 67 beschlossen hat.

Es lohnt für Unternehmen somit langfristig, die Mitarbeiter für den Erhalt ihrer Gesundheit zu sensibilisieren und sie dabei zu unterstützen: durch Präventions- und Fitnessangebote, aber auch durch personalpolitische Maßnahmen wie flexible Arbeitszeitmodelle zur Sicherung der Work-Life-Balance. Umfassende betriebliche Gesundheitskonzepte aber sind noch selten. Größte Barriere sei die Schwierigkeit, ihren Return on Investment zu berechnen, sagt Marc Lenze, Geschäftsführer des Instituts für Gesundheitliche Prävention (IFGP) in Münster. Oder anders gesagt: Den Unternehmen ist nicht ganz klar, wieviel Geld sie für Gesundheitsprogramme ausgeben sollten, damit sie sich finanziell auszahlen. Zudem fehle es vielerorts an Know-how: „Gesundheitsmanagement ist kein Thema für den Betriebsarzt, sondern muß strategisch auf Unternehmensebene verankert werden.“ Zumal gelte: „Den nachhaltigsten Einfluß auf die Gesundheit hat der Führungsstil“, so Lenze.

Schlechte Chefs machen krank

Die Bertelsmann AG kann dies durch eine aktuelle Umfrage unter ihren weltweit 50.000 Mitarbeitern bestätigen. Danach fühlen nur 14 Prozent der Befragten, die sowohl mit ihrer Arbeitslast als auch ihrer Führungskraft unzufrieden sind, ihre Gesundheit durch den Arbeitgeber angemessen geschützt. Unter jenen, die zwar eine hohe Arbeitslast tragen, aber den Führungsstil ihres Vorgesetzten schätzen, sind es hingegen 83 Prozent. Eine Befragung der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) unter mehr als 5.000 Erwerbstätigen zeigt ebenfalls: Vom Chef als „Mensch“ behandelt zu werden, rangiert ganz oben auf der Wunschliste für „gute Arbeit“ - gleich hinter Einkommen, Sicherheit und Spaß.

Den Führungskräften, insbesondere der mittleren Ebene, mangele es aber häufig an Bewußtsein - für ihre eigene Gesundheit wie für die gesundheitlichen Auswirkungen ihres Führungsstils auf andere, so Lenze. Selbst hohen Erwartungen ausgesetzt, geben sie den Druck häufig nach unten weiter, nicht immer sind ihre Entscheidungen für die Mitarbeiter nachvollziehbar. Bei SAP ist „gesundes Führen“ - aufbauend auf der Prämisse eines wertschätzenden Umgangs miteinander - mittlerweile Bestandteil der Führungskräfteausbildung. Zugute komme dem Konzern dabei eine „Unternehmenskultur, die den Mitarbeitern viel Entscheidungsfreiheit einräumt und Fehler toleriert“, sagt Dr. Natalie Lotzmann, Leiterin Health & Diversity bei SAP.

Entgrenzung im positiven Sinne fördern

Nun könnte man aus Mitarbeitersicht auch argumentieren: Mein Bauch gehört mir, was hat sich der Arbeitgeber in meine Gesundheit einzumischen? Insbesondere in akademischen Berufen verschwimmen Beruf und Privatleben heute ohnehin zusehends - sei es durch Home Office-Arbeitsplätze oder ständige Erreichbarkeit per Handy, argumentiert Lotzmann. Der Arbeitgeber sollte seine Mitarbeiter dabei unterstützen, gut damit umzugehen. Der Druck, sich fit zu halten, dürfe aber nicht zu groß werden, warnt IFGP-Geschäftsführer Lenze: „Wenn beim Bewerbungsgespräch der Body-Maß-Index des Kandidaten thematisiert wird, geht das zu weit.“

Was im Arbeitsalltag gesundheitsförderlich wirkt, sollten Unternehmen nicht am grünen Tisch entscheiden, sondern ihre Mitarbeiter dazu befragen, fordert der Experte. Das eilig errichtete Fitneßstudio wird schnell zur Farce, wenn es die Vorgesetzten sind, die täglich für Verspannungen sorgen.



Text: FAZ.NET

 
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