Karrieresprung

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Karrieresprung

Einer für alle

Von Herta Paulus

16. Juni 2008 Noch brummt die Konjunktur. Für so manches Unternehmen rächen sich nun die Entlassungen der Vergangenheit. Anders bei der im Jahr 2000 mit elf kleinen und mittleren Unternehmen gestarteten Braunschweiger Kooperationsinitiative Maschinenbau (KIM), der mittlerweile 22 Unternehmen angehören. Die Zusammenarbeit half, das Personal auch in mageren Zeiten zu halten. Kollegiale Arbeitnehmerüberlassung heißt das tarifvertraglich geregelte Instrument, das die Unternehmen verbindet und zwölf von Arbeitslosigkeit bedrohten Mitarbeitern den Arbeitsplatz sicherte.

Klar, im großen Stil taucht derzeit dank voller Auftragsbücher keines der Unternehmen als Verleiher auf. Vor zwei, drei Jahren als in so manchem Unternehmen Kurzarbeit und Entlassungen drohten, war das noch anders. Mehr als 600.000 Euro betrug das Ausleihvolumen zwischen 2004 und 2007. Das vergangene Jahr schlägt in dieser Bilanz allerdings nur noch mit knapp 10.000 Euro zu Buche.

Willig ja, billig nein

Dahinter stecken meist kurzfristige Notfalleinsätze, etwa wenn ein Spezialist plötzlich ausfällt und ein dringender Auftrag abgearbeitet werden muss. Dann genügt meist ein kurzer Anruf. „Der Fertigungsleiter des einen Unternehmens weiß, welche Fachkraft des Partnerunternehmens für den Einsatz geeignet ist. Innerhalb von zwanzig Minuten ist dann ein Ersatz gefunden“, sagt Wolfgang Niemsch, Geschäftsführer des Maschinenbauunternehmens Lanico und KIM-Vorstand. Angst, dass der Einsatz als Gelegenheit genutzt wird, dem „Notfallmann“ das eigene Unternehmen schmackhaft zu machen, braucht keiner der Beteiligten zu haben. Abwerben ist, so Niemsch, „selbst in der leichtesten Form“ laut dreiseitigem Tarifvertrag tabu - und darüber hinaus auch Ehrensache.

Eine weitere Regel: Wer nicht will, muss nicht. Der Austausch beruht auch auf Seiten des Mitarbeiters auf Freiwilligkeit. Jedem Einsatz muss sowohl der Mitarbeiter wie der Betriebsrat des Verleihbetriebs zustimmen. Sein Gehalt bekommt er, unabhängig von der Dauer seines Einsatzes, in gleicher Höhe wie zu normalen Beschäftigungszeiten weiterhin von „seiner“ Firma. Bei erhöhten Anfahrtskosten fällt ein Zuschlag an. Diesen zahlt ebenso wie die direkten Kosten des „Leiharbeiters“ die Entleihfirma, die zusätzlich einen Aufschlag von zehn Prozent entrichten muss, mit dem eventuelle Krankheits- und Urlaubstage abgegolten werden. Trotz der finanziellen Mehrkosten sieht Niemsch das Modell gegenüber der konventionellen, gewerblichen Leiharbeit klar im Vorteil. „Wir haben festgestellt, dass egal aus welchen Unternehmen wir ausgeliehen haben, in Punkto Qualität zwischen unseren Mitarbeitern und Kräften von Leiharbeitsfirmen Welten liegen.“

Skepsis weicht Akzeptanz

Anfangs regierte auf Mitarbeiterseite das Misstrauen, mittlerweile ist es voll akzeptiert. „Der Einsatz in einem Fremdbetrieb wurde von den Beschäftigten schnell als akzeptabler Weg erkannt, einen Personalüberhang im eigenen Betrieb sowohl für den Betrieb als auch für sich selbst besser bewältigen zu können“, heißt es in einer aktuellen Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. „Manche Mitarbeiter sagen sogar: Warum immer der, ich möchte auch einmal“, berichtet Niemsch.

Denn auf Mitarbeiter- wie Betriebsseite haben sich mittlerweile klare Strukturen gebildet. Die Austauschbeziehungen beschränken sich sowohl auf Mitarbeiter- wie Unternehmensseite in der Regel auf wenige Akteure. „Meist sind es die gleichen Mitarbeiter, die ausgeliehen werden“, bestätigt KIM-Geschäftsführer Rainer Paulmann.

Flexibilität ist Trumpf

Nachahmer des KIM-Modells sind bislang dünn gesät. Einzig in Chemnitz wurde in 2002 zwischen IG Metall und insgesamt sechs Maschinen- und Werkzeugbauunternehmen ein Haustarifvertrag zur kollegialen Arbeitnehmerüberlassung abgeschlossen. Zentrales Ziel auch hier: Eine flexibles Instrument zu schaffen, mit dem zukünftig Personalabbau und Kurzarbeit vermieden werden können. Anders als in Braunschweig verzichtete man bei der vertraglichen Ausgestaltung aber auf Detailregelungen, etwa wie mit unterschiedlichen Arbeitszeiten umgegangen werden soll. „Das kann situationsbedingt völlig unterschiedlich gehandhabt werden. Von den Kollegen war bislang keiner unzufrieden“, erklärt IG-Metall Sekretär Gerhard Sonntag.

Die Betriebe auf einen Nenner zu bringen sei nicht einfach gewesen, so Sonntag. Tacheles zu reden, interne Zahlen offen zu legen sowie die Angst vor Abwerbeversuchen seien anfangs die größte Hürde auf Unternehmensseite gewesen. „Die Zusammenarbeit lebt vom Vertrauen unter den Geschäftsführern. Dass keine direkten Konkurrenten miteinander am Tisch saßen, war dabei ein großer Vorteil.“

Ein Weg für viele Branchen

In Braunschweig beschränkt sich die Zusammenarbeit längst nicht mehr auf den Personalaustausch. Seit Jahren bündeln die Mitglieder Einkäufe, vergeben Aufträge untereinander und tauschen ihr Know-how in Arbeitskreisen etwa zu IT-, Zoll- oder Personalfragen aus. Hier entstehen Initiativen wie das Seminar „Knigge für Auszubildende“, wird diskutiert, wie Lücken im Ausbildungskanon des einen Betriebs durch einen anderen unbürokratisch abgedeckt werden können.

Derzeitiges Großprojekt: In Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Braunschweig wird ein Modell für ein duales Ingenieurstudium entwickelt, bei dem die künftigen Ingenieure parallel zum Studium eine Lehre in den KIM-Betrieben absolvieren. „Darin sehen wir eine gute Chance den Ingenieursbedarf künftig besser abdecken zu können und uns als attraktive Arbeitgeber zu präsentieren,“ sagt Niemsch. Dass das Instrument kollegiale Arbeitnehmerüberlassung auch für andere Branchen ein gangbarer Weg zur Arbeitsplatzsicherung sein könnte, davon ist er überzeugt. Der Abschluss eines Tarifvertrags ist dabei allerdings nur ein erster Schritt. „Es ist ein Prozess, bei dem man einen langen Atem braucht und Personen, die auch emotional dafür sorgen, dass es funktioniert. Erfahrungen und Erfolge, das schweißt zusammen.“



Text: FAZ.NET

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