Von Herta Paulus
06. Oktober 2006 Ob er gerne entscheide wurde kürzlich ein Personalleiter einer großen Firma von einer Fachzeitschrift für Personalmanagement gefragt. Seine Antwort: Ja, aber tendenziell zu schnell und zu unüberlegt. Das habe den Vorteil, daß er rasch die Konsequenzen sehe und korrigierend eingreifen könne.
Manager, die auf ihre innere Stimme, ihr Bauchgefühl als Entscheidungsgrundlage schwören gelten längst nicht mehr als inkompetente Exoten. Die früher als typisch weiblich verpönte Intuition wurde in den letzten Jahren auf breiter Front rehabilitiert. Ob in Seminaren, Ratgeberbüchern oder Zeitschriftenartikeln: Wer die Wahl hat, hat die Qual - und entscheidet am besten aus dem Bauch heraus, lautet allerorten die simple Botschaft. Dabei ist der Nachholbedarf gar nicht mehr so groß. Laut einer Umfrage der Zeitung Zeit lassen sich rund 46 Prozent der Männer bei wichtigen Entscheidungen von ihrer Intuition lenken, bei den Frauen beträgt der Anteil 56,6 Prozent.
Weniger ist oft mehr
Homo Sapiens fährt damit sogar in komplexen Situationen nicht schlecht, wie eine Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen nahelegt. Daß man mit einfachen Entscheidungsregeln wie: nimm das Bekannte auch versierte Börsenprofis schlagen kann, belegt ein sowohl in der Hausse von 1997 wie in der Baisse 2003 durchgeführtes Experiment des Berliner Max Planck Instituts für Bildungsforschung (MPIB).
In einer Umfrage unter Laien ermittelten dabei die Forscher, welche von 800 börsennotierten Unternehmen bekannt waren. Aus den zehn meist genannten Titeln stellten sie schließlich ein Depot zusammen. Das Ergebnis nach sechs Monaten: Die Performance der mittels Rekognitionsregel zusammengestellten Depots konnte mit Profianlagen gut konkurrieren.
Weniger ist mehr, lautet auch die Quintessenz einer weiteren Studie des MPIB im Sportbereich. Anhand von Videoaufnahmen von Handballspielen sollten dabei 85 Handballspieler spontan die erste Reaktion nennen, die ihnen angesichts der Spielsituationen in den Sinn kamen. Danach wurden sie vom Spielleiter aufgefordert, weitere Optionen zu finden und schließlich aus allen Möglichkeiten die optimale Reaktion auszuwählen. Die Auswertung ergab: Der erste Vorschlag der Handballspieler war oft (nach Expertenurteil) auch der Beste. Doch nur 60 Prozent der Probanden - die wirklich Wettkampf erfahrenen Spieler - entschieden sich auch nach längeren Überlegungen für die beste Option.
Intuition zu Wissen machen
Mehr Aspekte und Ideen führen also nicht automatisch zu besseren Entscheidungen, sondern lenken gerade weniger Erfahrene in die Irre. Aber das Sportexperiment zeigt auch: Nur die alten Hasen können sich auf ihr Gefühl in der Regel verlassen. Intuition ist da gut, wo man sich wirklich auskennt und die im Kopf vorhandenen emotionalen Muster schnell abrufen und verarbeiten kann. Ist das nicht der Fall, habe ich keine Handlungsanleitung, erklärt Diplom-Psychologe und Buchautor Jochen Albert.
Doch beim Nichtwissen-warum sollte man es auch dann nicht belassen. Denn Intuition basiert auf Erfahrungen der Vergangenheit, die von neuen Entwicklungen überholt sein können. Dranbleiben und analysieren, woher das Gefühl kommt, die Intuition möglichst ans Licht heben und zu Wissen machen, lautet daher für Dietrich Dörner, Leiter des Instituts für Theoretische Psychologie der Universität Bamberg die scheinbar paradoxe Konsequenz.
Wissen, was man nicht wissen muß
Nur: Alle Aspekte und Fakten entwirren und mittels Pro-Kontra-Listen, Ergebnismatrix oder Entscheidungsbaum und ähnlicher Techniken gegeneinander abwägen, das dauert - und ist auch nicht in jeder Entscheidungssituation wirklich notwendig. Intelligent entscheiden heißt auch wissen, was man nicht wissen muß.Mehr Reflektion kann manchmal nur mehr Orientierungslosigkeit bewirken.
Ich muß wissen, welche Kriterien und Informationen sind für meine Entscheidung wichtig. Welche Methode dann paßt, muß situationsgerecht entschieden werden, erklärt Albert. Denn Patentrezepte für Entscheidungen gibt es nicht, sind sie doch letztlich immer auch eine Frage der persönlichen Prägung, des persönlichen Stils im Sinne von: Wie verarbeite ich Informationen? Wie hoch ist meine Entschlußkraft? Wie gründlich wäge ich ab? Wie hoch ist mein Anspruch? Wie hoch meine Ungewißheitstoleranz? Wie reagiere ich nach einer Entscheidung?
Jeder hat hier bestimmte Neigungen, die sich mit der Situation mischen, verdeutlicht Diplom-Psychologin Kerstin Backhaus, Geschäftsführerin des Forschungsinstituts Psyreon, das derzeit ein Online-Forschungsprojekt Kopf oder Bauch? Denken, urteilen und entscheiden durchführt. Wer wissen will, wie entschlußkräftig oder perfektionistisch er ist - Teilnehmer willkommen.
Weiterführende Informationen:
Jochen Albert, Besser entscheiden, Gebrauchsanweisung für Unentschlossene, Eichborn Verlag, ISBN 3-8218-5864-8, Euro 16,90;
www.psyreon.de
Text: FAZ.NET
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Brüssel zweifelt am Rettungskonzept für West LB
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