Karrieresprung

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Karrieresprung

Chefin in Teilzeit

Von Birgit Obermeier

14. Juli 2007 Prokuristen verbringen viel Zeit über ihren Büchern. Das galt lange Jahre auch für Beate Haller, die bei der Nürnberger Umweltbank den Bereich Beteiligungen leitet. Dann kündigte sich ein Baby an und mit ihm die Frage: Wie geht es nach der Geburt beruflich weiter? Schnell, soviel war der Mittdreißigerin klar. Acht Wochen nach der Entbindung saß sie wieder am Schreibtisch, vier Tage die Woche. Ihren Sohn versorgte in dieser Zeit eine Tagesmutter. Als zwei Jahre später das zweite Kind kam, gönnte sich Haller ein gutes halbes Jahr Auszeit. Seither erledigt sie ihren - um ein paar Aufgabengebiete abgespeckten - Leitungsjob an drei Tagen mit insgesamt 20 Wochenstunden.

Chefin in Teilzeit? Wie soll denn das gehen, dürften viele Unternehmer und Manager abwiegeln. Eine Führungskraft hat mindestens 50 Wochenstunden zu arbeiten, stets im Unternehmen präsent zu sein und Termine auch nach Feierabend wahrzunehmen. Außerdem: Personalverantwortung ist nicht teilbar. Ganz oder gar nicht, Punkt. Wie frau da noch ihren Kinderwunsch unterbringen will, muß sie selbst sehen.

Familienphase killt Karrieren

Der geforderte Spagat in Zahlen: Geschätzte 40 Prozent der Akademikerinnen bleiben gegenwärtig kinderlos. Nur 13 Prozent aller Frauen in Führungspositionen haben Kinder unter zehn Jahren, selten mehr als eines. Von ihren männlichen Kollegen haben doppelt so viele Nachwuchs. „Ausgedrückt in Karrierechancen, sind Kinder für Frauen ein großes Hindernis“, resümieren Corinna Kleinert und Susanne Kohaut vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in ihrem Buch über die Arbeitsbedingungen und Lebenslagen weiblicher Führungskräfte.

Viele weibliche Karrieren versacken in der so genannten Familienphase: Sind Frauen bis zum dreißigsten Lebensjahr ebenso häufig wie Männer in Führungspositionen vertreten (7 Prozent), steigt ihr Anteil im Alterssegment der 30-45jährigen auf 14 Prozent - verglichen mit 23 Prozent bei den Männern. Allein ihre kollektiv höhere Wahrscheinlichkeit, wegen Kindern auszufallen, steht dem beruflichen Aufstieg von Frauen oft im Weg (siehe dazu auch: Karriererisiko: Weiblich, 30 plus). Entscheiden sie sich für Kinder und einen sanften Wiedereinstieg in Teilzeit, sind sie ihre Verantwortung im Job schnell los. So lange Frauen deutlich weniger arbeiten als Männer, haben sie schlechtere Karriereaussichten, bestätigt eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung McKinsey.

Planungsaufwand rechnet sich

So frustrierend das Hopp-oder-Top-Prinzip für ambitionierte Mütter ist, so leichtfertig ist es von den Unternehmen, ihnen in der Familienphase nicht durch flexible Arbeitszeitmodelle entgegen zu kommen. Eine verläßliche Führungskraft ist nicht von heute auf morgen zu ersetzen, schon gar nicht ohne beachtlichen Kostenaufwand für Suche, Auswahl und Einarbeitung des Nachfolgers. Die demographische Entwicklung macht dies in Zukunft nicht leichter. „Der anfängliche Planungsaufwand für eine Teilzeitlösung rechnet sich betriebswirtschaftlich schnell“, meint Angela Fauth-Herkner, Leiterin der gleichnamigen Arbeitszeitberatung in München.

Teilzeitlösungen für Leitungsfunktionen gibt es nicht von der Stange, sondern müssen individuell zugeschnitten werden. 20-Stunden-Wochen wie bei Umweltbank-Prokuristin Haller bilden eher die Ausnahme und sind in vielen Führungsjobs kaum realisierbar. „Meist handelt es sich um vollzeitnahe Stellen mit rund 30 Wochenstunden und der Möglichkeit, teilweise von zuhause aus zu arbeiten“, so Fauth-Herkner. Wie hilfreich mehr Flexibilität hinsichtlich Arbeitszeit- und ort sind, zeigen Studien der Hamburger Professorin Sonja Bischoff: Danach haben Unternehmerinnen häufiger und mehr Kinder als leitende angestellte Frauen - obwohl sie länger arbeiten.

Verläßliche Betreuung hält den Kopf frei

Vielen Unternehmern fehle schlichtweg der Mut, neue Arbeitszeitmodelle auszuprobieren, glaubt Katrin Haubold, Personalleiterin beim sächsischen Technologie-Dienstleister Komsa AG. Dort ist die Hälfte der 700 Mitarbeiter weiblich, der Altersdurchschnitt liegt bei 34 Jahren. Die Frage nach familienkompatiblen Arbeitszeiten stellt sich somit häufig. Haubold, einst Assistentin des Vorstands, stieg zwei Jahre nach der Geburt ihrer Tochter zur Personalleiterin auf. Ihren Job erledigt sie „sehr effizient“ in 30 Stunden pro Woche. „Bei uns zählt Leistung, nicht Anwesenheit“, so Haubold. Zu wissen, dass ihre Tochter in der betriebseigenen KiTa - bei Bedarf bis 18 Uhr - gut versorgt ist, halte ihr „den Kopf für die Arbeit frei.“

Gelingen kann Führung in Teilzeit nur, wenn auch die Mitarbeiter eingebunden werden, sagt Beraterin Fauth-Herkner. Gemeinsam mit ihnen gelte es, neue Kommunikationsstrukturen festzusetzen: Wann und wie ist die Führungskraft zu erreichen? Wer entscheidet in ihrer Abwesenheit? „Es hat etwas gedauert, bis es in den Köpfen der Kunden und Kollegen verankert war, dass ich am späten Nachmittag nicht mehr an Terminen teilnehmen kann“, erzählt Umweltbank-Prokuristin Haller. Ihre Strategie: Offensiv kommunizieren und absolut zuverlässig arbeiten. „Manchmal ist es aber schon eine Gratwanderung.“

Hohe persönliche Anforderungen

Eine Teilzeit-Karriere erfordert eine hohe persönliche Belastungsgrenze, Organisationsgeschick und eine Abkehr von den eigenen Perfektionsansprüchen. „Ich mußte zunächst lernen zu delegieren und meinen Mitarbeitern auch anspruchsvolle Aufgaben zu übertragen“, sagt Haller. Zeit ist dennoch ein stets zu knappes Gut und so brütet die Prokuristin oft noch abends zu Hause über Unterlagen. Ihre Aufgaben in Sachen Personalführung kann sie freilich nicht mit nach Hause nehmen. Über die Befindlichkeiten in ihrer Abteilung unterrichtet sie bei Abwesenheit eine Kollegin, die dieselben Mitarbeiter, aber ein anderes Fachgebiet leitet. Diese Organisationsstruktur ist ein Zugeständnis an Hallers Teilzeitstelle - ihr Arbeitgeber wollte die erfahrene Mitarbeiterin unbedingt halten.

Glaubt man einer repräsentativen Umfrage des Bundesfamilienministeriums, so steigt in der Wirtschaft das Bewußtsein für eine familienkompatiblere Arbeitswelt. 2006 gingen mehr als drei Viertel der befragten Unternehmer und Personalchefs davon aus, daß auch Führungskräfte von flexiblen Arbeitszeiten profitieren könnten - drei Jahre zuvor waren es erst 43 Prozent.

Profitieren sollten freilich nicht nur Frauen: „Auch für Männer sollten künftig Phasen der Teilzeitarbeit selbstverständlich werden“, fordert Claudia Funke, Direktorin bei McKinsey und Co-Autorin der Studie. „Wenn die Kinderbetreuung partnerschaftlich geregelt wird, wird es für Frauen - ähnlich wie in nordeuropäischen Ländern - einfacher, ihren Anteil an der Gesamtarbeitszeit zu erhöhen. Und damit steigen ihre Karrierechancen.“



Text: FAZ.NET

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