Von Birgit Obermeier
14. November 2008 Heute hier, in ein paar Monaten dort - für viele Beschäftigte in der IT-Branche ist der stete Wechsel zwischen Aufgaben und Auftraggebern die gängige Arbeitsform. Jeder siebte der rund 453.000 IT-Experten in Deutschland arbeitet Schätzungen des Marktforschungsinstituts Lünendonk zufolge freiberuflich. Tendenz steigend. Diese Freelancer für begrenzte Zeit in Lohn und Brot zu bringen, ist längst ein lukratives Geschäft: Die zehn größten Dienstleister, die im Auftrag von Unternehmen projektweise IT-Experten rekrutieren, erzielten einer aktuellen Lünendonk-Studie zufolge 2007 einen Umsatz von gut einer Milliarde Euro - 19 Prozent mehr als im Vorjahr.
Projektarbeit findet auch in anderen wissensintensiven Branchen wie Automobil- oder Maschinenbau zunehmend Verbreitung. Denn: Zunehmend komplexe Produkte und ein steigender Innovationsdruck erfordern die Zusammenarbeit von Fachkräften ganz unterschiedlicher Fachdisziplinen. So dringt etwa die Mikroelektronik verstärkt in traditionelle Mechanik-Hochburgen wie den Automobilbau ein. In Projektteams können die Mitarbeiter ihr stark ausdifferenziertes Wissen verbinden und damit schneller auf Marktveränderungen reagieren.
Teams mit Externen sind produktiver
Die Beschäftigung von hoch qualifizierten Freelancern oder Leiharbeitern hat aus Unternehmenssicht dabei eine Reihe von Vorteilen: Externe Mitarbeiter bringen nicht nur zusätzliches Methoden- und Fachwissen ein, sondern auch einen unverstellten Blick für Probleme und mögliche Lösungen. In einer Studie des IT-Personaldienstleisters Hays schätzt ein Großteil der befragten Unternehmen gemischte Projektteams - bestehend aus eigenen und auf Zeit geheuerten Mitarbeitern - produktiver ein als rein intern besetzte. Auch, weil sie Zeitvorgaben besser einhalten. Freelancer und Leiharbeiter unterliegen nun mal - gefühlt oder real - einem höheren Erfolgsdruck, schließlich soll dem Einsatz ein weiterer folgen. Für das Unternehmen wiederum ist es ein Leichtes, sich bei Bedarf von seinen zeitlich befristeten Projektmitarbeitern zu trennen.
Projektarbeit wird künftig auch über Firmenmauern hinaus an Bedeutung gewinnen. Nach Ansicht von Experten reichen die unternehmenseigenen Forschungs- und Entwicklungs-Aktivitäten künftig nicht mehr aus, um innovationsfähig zu bleiben. Gefragt seien Netzwerke, in die auch Anwender, Partner, Forschungsinstitute und mitunter auch Wettbewerber einbezogen werden. Die Forschungsabteilung der Deutschen Bank geht in einer Studie davon aus, daß eigenständige, firmenübergreifende Kooperationsprojekte im Jahr 2020 rund 15 Prozent zur gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung Deutschlands beitragen werden. Gegenwärtig sind es rund zwei Prozent.
Projektarbeit fordert - bis zum Burn-out
Auch freiberuflichen wie auch den angestellten Beschäftigten verlangt der Trend zur Projektarbeit einiges ab. Gefragt ist die Bereitschaft, sich immer schneller zu verändern, sagt Michael Heidelberger, geschäftsführender Gesellschafter der Stuttgarter Personalberatung Dr. Richter Heidelberger GmbH. Durch die Auslagerung von Bereichen steigt der Leistungsdruck, die Sicherheit sinkt. Wer sich regelmäßig auf wechselnde Kollegen und Anforderungen einstellen muß, benötigt ausgeprägte soziale und kommunikative Kompetenzen, um schnell handlungsfähig zu werden. Vorteilhaft, wer seine Ideen auf den Punkt bringen, Prozesse moderieren und clever verhandeln kann. Unabdingbar ist die Fähigkeit, das eigene Fachwissen um die Perspektive anderer, ständig neuer Geschäftslogiken und Kontexte zu erweitern. Die zunehmende Projektarbeit erfordert ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen, so Headhunter Heidelberger.
Auf Dauer können ständig wechselnde Aufgaben eine hohe Belastung darstellen. Ein vom BMBF gefördertes Forschungsprojekt der Universität Duisburg/Essen hat das für die IT-Branche untersucht. Danach klagen Projektmitarbeiter häufig darüber, im laufenden Projekt zusätzliche Bedürfnisse des Kunden berücksichtigen zu müssen, ohne dass ihnen dafür mehr Zeit oder Geld zugestanden wird. In der Folge arbeiten sie häufig abends und am Wochenende, worunter ihr Familienleben leidet. Viele der Befragten klagen zudem über ungünstige Rahmenbedingungen - weil sie etwa Software-Lösungen erstellen müssen, ohne den Echtbetrieb beim Kunden zu kennen.
Für Freelancer kommt verschärfend hinzu: Sie arbeiten häufig in mehreren, parallel laufenden Projekten und müssen sich nebenbei - um in der schnelllebigen IT-Branche à jour zu bleiben - in ihrer Freizeit weiterbilden. Die Folge ist der drohende Burn-out. Wie die Studie zeigt, leiden IT-Projektarbeiter bis zu viermal so häufig wie andere Arbeitnehmer unter psychosomatischen Beschwerden wie chronischer Müdigkeit, Nervosität, Schlafstörungen oder Magenbeschwerden. Flexibilität hat offenbar ihren Preis.
Text: FAZ.NET
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