Karrieresprung

Alle Beiträge Aktuellster Beitrag Beitragsdatum bis

Zum Wohl der Mitarbeiter (1)

Traineeprogramme: Drum prüfe, wer sich darin bindet

Von Herta Paulus

10. August 2007 Ein Prädikatsexamen als Maschinenbauer, Elektrotechniker oder Chemieingenieur ist absolutes Muss, ebenso fließende Englischkenntnisse und ein wohl gefülltes Werkzeugköfferchen an Softskills. Kommunikativ, überzeugend, team- und durchsetzungsfähig sollte der künftige Trainee des Geschäftsbereichs Engineering der Linde AG sein und natürlich mobil, flexibel und begeisterungsfähig.

24 Monate dauert das in diesem Herbst zum zweiten Mal startende „individuell maßgeschneiderte“ Ausbildungsprogramm, das Projekteinsätze in jedem technischen Bereich inklusive Auslandsaufenthalte des Anlagenbauers vorsieht. „Wir wollen daraus unseren Lead-Ingenieur Nachwuchs rekrutieren, Leute, die später Verantwortung tragen“, erklärt Linde-Personalmanager Stefan Kauth. Das Trainee-Programm als sicheres Karrieresprungbrett also? „Man kann darin durchaus eine Chance sehen“, relativiert Kauth.

Überall reinschnuppern ist nicht

Ob Großkonzern, Mittelständler oder nicht-kommerzielle Einrichtung: Nachwuchsgewinnung und -förderung mittels Trainee-Programm hat sich als Standard etabliert. In 64 Prozent der Großunternehmen und 41 Prozent der kleineren Unternehmen sind sie fester Bestandteil der Personalentwicklung, so die aktuelle TNS Infratest Studie „Qualifiziertes Personal als Schlüsselresource - Bildung und Qualifikation am Standort Deutschland.“ Die Ausbildungsplätze sind begehrt, die Konkurrenz unter den Bewerbern groß. Rund 100 Bewerbungen landeten im letzten Jahr binnen zwei Wochen - trotz magerem Absolventenmarkt - auf Kauths Schreibtisch, tatsächlich zum Zug kamen fünf Kandidaten.

Beim Touristikkonzern Tui drängeln sich jährlich gar 3000 Bewerber um die 10 bis 15 internationalen Trainee-Stellen, die nach einem mehrstufigen Auswahlverfahren vergeben werden. Eine gewisse Vorauswahl, wo es danach hingehen soll, müssen die Kandidaten bereits bei der Bewerbung treffen. Denn überall reinschnuppern, wie es fälschlicherweise in Berichten zum Thema Trainee-Ausbildung immer wieder propagiert wird, ist nicht. Wie in den meisten Unternehmen ist auch bei Tui das Programm funktionsspezifisch ausgerichtet. Controlling/Finance, Touristik, Personal, Hotelmanagement oder Flug heißen die vier Schwerpunkte, innerhalb derer die einzelnen Ausbildungsstationen durchlaufen werden. Wer etwa als Trainee Controlling anwirbt, lernt den Gesamtkonzern primär aus der zahlengestützten Perspektive kennen.

Nach kurzer Zeit ein Ziel fokussieren

So wie Ex-Trainee Erwan Corre, der 2003 mit diesem Schwerpunkt bei Tui anheuerte. Deutschland, Amerika, Türkei lauteten die Einsatzgebiete während seiner 18-monatigen Ausbildung, während der er die Hannoveraner Finanzabteilung ebenso kennenlernte wie das Chicagoer Büro der Containertochter Hapag Lloyd.

„Ich wollte internationale Erfahrungen machen und in kürzester Zeit einen Einblick in verschiedene Branchen des Konzerns bekommen“, beschreibt der Absolvent des St. Gallener Elitestudiengangs „Master of International Management“ und der französischen Grande Ecole HEC seine damaligen Erwartungen. Sein Ratschlag an Neukandidaten: Nach ein, zwei „Entdeckungseinsätzen“ ein Ziel fokussieren und eine logische Konsistenz in den Einsätzen aufbauen. „Einsätze zu shoppen, die ganze Palette an Themen bearbeiten zu wollen, bringt nichts. Dann fehlt die Tiefenerfahrung,“ resümmiert Corre. Für ihn hat sich die Suche nach den „richtigen Projekten“ ausgezahlt. Mittlerweile ist der 28jährige Franzose stellvertretender Geschäftsführer des Reiseveranstalters der Tui-Tochter Nouvelles Frontieres mit rund 800 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von einer Milliarde Euro.

Trainee-Programme sind keine Karrieregarantie

Corres Bilderbuchkarriere ist allerdings mit Vorsicht zu genießen. Denn der Automatismus „Trainee gleich künftige Führungsposition“ existiert in der Praxis keineswegs. „Es gibt keine Karrieregarantie. Durch das dabei geknüpfte Netzwerk wird ein Vorteil geschaffen, den man für sich nutzen muss“, stellt Linda Witte, die bei Tui das internationale Trainee-Programm betreut, klar.

Als Karriereturbo taugt die Trainee-Ausbildung nur bedingt, so auch das Ergebnis einer in 2003 durchgeführten Studie der Unternehmensberatung Kienbaum. Zwar gaben 56 Prozent der befragten Firmen an, dass Trainees in ihrem Unternehmen schneller vorankommen. Doch zeigt das Ergebnis auch: Der Aufsteiger mit Rückenwind ist gegenüber dem Direkteinsteiger nur marginal im Vorteil. „Wenn es um die Besetzung von Führungspositionen oder Projektverantwortung geht, entscheiden die Fachbereiche nach Leistung, Qualifikation und Potenzial“, gibt Jens Ohle, Vorstand der Kölner Personalberatung Access zu bedenken. Selbst bei den Banken, bei denen die Trainee-Ausbildung traditionell einen hohen Stellenwert hat, gebe es mittlerweile die Entwicklung, den Direkteinstieg wieder stärker zu etablieren. „Nicht jeder Fachbereich sieht die Sinnhaftigkeit des Trainee-Programms. Das ist keineswegs nur bankenspeziell“, so Ohle.

Welcher Typ bin ich?

„Drum prüfe, wer sich darin bindet“ lautet daher auch seine Aufforderung an alle, die als Trainee den Karriereeinstieg angehen wollen. Den Vorteilen wie Netzwerkaufbau und speziellen Skill-Trainings, die nach Ohles Erfahrung bei guten Programmen rund 20 Prozent der Arbeitszeit betragen, stehen auch Risiken gegenüber. „Für das fachliche Standing ist es vielleicht ein Zeitverlust. Man geht gerade in der jetzigen Konjunkturphase ein gewisses Risiko ein, den Anschluss zu verlieren“, argumentiert Ohle.

Ein Mythos sei auch das angeblich höhere Einstiegsgehalt für Trainees sowie die Internationalität der Programme. So seien Auslandsstationen nur bei jedem fünften Unternehmen Bestandteil des Einstiegsprogramms, erhalte ein Trainee durchschnittlich sogar fünf Prozent weniger Einstiegsgehalt als ein Direkteinsteiger. Also eher kein Trainee-Programm machen? „Nein, absolut nicht“, kontert Access-Vorstand Ohle. „Für den richtigen Absolvententyp ist ein Trainee-Programm insbesondere wegen des Off-the-Job-Trainings sehr wertvoll. Das kriegt man später nie wieder in diesem Maß. Aber man muss absolut ehrlich mit sich sein: Bin ich wirklich der Typ dafür? Sonst ist es verplemperte Zeit.“

In der Serie „Zum Wohl der Mitarbeiter“ beleuchtet der „Karrieresprung“ in den nächsten Wochen verschiedene Programme, mit denen Unternehmen versuchen, ihren Arbeitnehmern das Leben zu erleichtern.



Text: FAZ.NET

 
Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 6.127,44 -2,42
TecDax 761,19 -4,17
DowJones 11.220,96 +0,29
Nasdaq 2.255,88 -0,14
STOXX 50 3.185,83 -2,72
Nikkei 225 12.212,23 -2,75
S&P 500 Zert. 12,28 -3,08
Euro/Dollar 1,42 -0,18
Bund Future 115,28 +0,12
Gold 801,35 +1,27
Öl 104,17 -3,09
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche