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Karrieresprung

Was ich morgen kann besorgen...

Von Birgit Obermeier

Karrieresprung - bei FAZ.NET

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24. November 2006 Diese Zettelwirtschaft auf dem Schreibtisch! Erst mal Ordnung schaffen. Bei der Gelegenheit lassen sich auch die herumliegenden Belege für die Steuer sortieren. Wenn man schon dabei ist: Warum nicht gleich die Steuer fertig machen? Höchste Zeit und auch wichtig. Anschließend aktualisiert Matthias D. die Adreßliste potentieller Geschäftspartner, poliert die Tastatur und sämtliche Fenster und kauft nach eingehendem Vergleich einen leistungsfähigeren Drucker, der auch Fotos von seiner Tochter drucken kann - die Matthias vorher am Computer bearbeitet hat. Erst als der Abgabetermin für sein aktuelles Projekt bedrohlich nahe rückt, macht sich der Freiberufler an die Arbeit. Mit Hochdruck, Schweißausbrüche und durchgemachte Nächte inklusive.

Matthias D. pflegt diesen Arbeitsstil schon seit dem Abitur. Psychologen bezeichnen das bewußte Aufschiebeverhalten als „Procrastination“. Eine deutsche Fachübersetzung gibt es nicht, umgangssprachlich wird es häufig als „Manana-Prinzip“ oder „Aufschieberitis“ bezeichnet. In schwacher Form sind viele Menschen davon betroffen. Den Keller entrümpeln, endlich mit dem Rauchen aufhören - insbesondere Dinge, die mit Unlust verbunden sind, werden gerne auf später vertagt.

Bei manchen Menschen handelt es sich allerdings um eine echte Störung: Sie sind nicht in der Lage, wichtige Vorhaben oder Aufgaben erfolgreich zu Ende zu bringen - obwohl sie die Fähigkeiten dazu besitzen. Weit verbreitet und am besten erforscht ist Procrastination unter Studierenden. Viel Eigenverantwortung bei langen Fristen scheinen das Aufschieben zu begünstigen - und führen im schlimmsten Fall zum Studienabbruch.

Warten auf die Inspiration

Procrastination ist mehr als schlechtes Zeitmanagement und hat wenig mit Faulheit zu tun. Vielmehr handelt es sich um „ein höchst aktives Vermeiden, bei dem Sie sich oft ausdauernd und angestrengt mit etwas anderem beschäftigen“, erklärt Diplom-Psychologe Hans-Werner Rückert, Leiter der Studienberatung und Psychologischen Beratung an der FU Berlin. Ein Aufschiebeprofi stiehlt sich selbst die Zeit und hat dadurch keine Kapazitäten für die eigentliche Aufgabe. An guten Argumenten für dieses Verhalten fehlt es ihm nicht: Ist ja noch jede Menge Zeit. Lohnt nicht mehr, heute anzufangen. Brauche ein wenig Inspiration. Oder, wie Matthias D. begründet: „Ich arbeite am besten unter Druck.“ Es mal wieder in letzter Sekunde geschafft zu haben, gibt ihm ein befriedigendes Gefühl, einen gewissen Kick.

Während diese von amerikanischen Forschern als „active procrastinators“ bezeichnete Spezies ihre Aufgaben unter dem selbst verursachten Zeitdruck meist noch irgendwie stemmt, geraten „passive procrastinators“ in einen gefährlichen Strudel. Sie ärgern sich über sich selbst und ihre geringe Effizienz. In der Folge legen sie häufig die Meßlatte höher, nach dem Motto: Wenn etwas schon so lange aufgeschoben wurde, muß es besonders toll werden. Was meist nicht der Fall ist. Wer diese Erfahrung wiederholt gemacht hat, steht sich bald von vornherein im Weg. „In schweren Fällen führt Procrastination zu Depression, Ängsten und Selbstzweifeln“, warnt Friederich Försterling, Professor für Psychologie an der Universität München.

Angst vor den eigenen Ansprüchen

Als zentralen Grund für notorisches Aufschiebeverhalten sehen Psychologen das Bedürfnis nach Selbstschutz. Dessen Ausprägungen sind vielfältig. Da ist etwa die Angst, durch Andere bewertet zu werden - und dabei zu versagen. Insbesondere Menschen, die dazu neigen, ihren Wert als Person mit dem Erfolg eines Vorhabens gleichzusetzen, schieben dieses häufig auf, wenn es für sie persönlich bedeutsam ist. Statt sich etwa mit einem Vortrag zu blamieren, zögern sie die Vorbereitung so weit als möglich hinaus. Muß der Vortrag deshalb ausfallen, ernten sie dafür zwar vielleicht Kritik. Damit kann der Aufschieber jedoch besser umgehen als mit der Aussicht, als Redner zu enttäuschen. Kann er sich nicht komplett vor dem Vortrag drücken, bleibt wenigstens die Ausrede, er habe vor lauter Streß kaum Zeit für die Vorbereitung gehabt. Die Umstände, nicht der Mangel an Fähigkeiten waren schuld an dem Mißerfolg.

Perfektionisten mit ihrem Anspruch, vollkommene Ergebnisse zu liefern, seien besonders vom Aufschieben gefährdet, so Rückert. Manche verlieren sich in der exzessiven Planung ihres Vorhabens, andere gehen es vor lauter Ehrfurcht gleich nicht an. Es bleibt bei dem Wunsch zu promovieren, sich selbständig zu machen oder den Job zu wechseln. „Aber Sie geben wenigstens Ihre hohen Ansprüche nicht auf“, so Rückert. Umgekehrt kann auch die Angst vor Erfolg und den damit einhergehenden Anforderungen zum Aufschieben veranlassen: Wo künftig mehr Anstrengung erforderlich ist, steigt auch das Risiko zu scheitern.

Selbstbewußtsein stärken

Niemand wird zum Aufschieber geboren und muß es folglich auch nicht bleiben, versichern Psychologen. Mit ein paar Tips für ein besseres Zeitmanagement ist es freilich nicht getan. Der Ursprung des Problems liegt schließlich meist in mangelndem Selbstvertrauen - das also gilt es zu stärken. Der entscheidende Schritt dabei sei, das eigene Selbstwertgefühl von Leistung und Erfolg abzukoppeln, so Rückert. Wer seine Versagensängste abbaue, brauche das Aufschieben als Schutzmechanismus nicht mehr. Ist diese Neubewertung der eigenen Person und der eigenen Ansprüche geglückt, helfen handfeste Strategien weiter: angefangen von realistischeren Zielsetzungen und deren Operationalisierung in kleine Teilschritte, beispielsweise in Form eines engmaschigen Zeitplans mit definierten Meilensteinen oder To-do-Listen.

Doch Vorsicht: Man kann sich wie gesagt auch in der Planung verlieren.

Buchtips:

Hans-Werner Rückert: Schluss mit dem ewigen Aufschieben, Campus Verlag, 17,90 Euro. ISBN 3-593-38144-3

Marc Stollreiter: Aufschieberitis dauerhaft kurieren, mvg-Verlag, 7,90 Euro. ISBN 3-636-07152-1



Text: FAZ.NET

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