Von Birgit Obermeier
03. Januar 2003 Was einen Sieger zum Sieger macht? Du musst deinen Gegner hassen, soll Siemens-Chef Heinrich von Pierer seinem Partner bei einem privaten Tennismatch zugerufen haben. Das klingt martialisch, wenngleich sich Hass in gut situierten Kreisen freilich nicht durch gewaltverzerrte Fratzen oder Handgreiflichkeiten ausdrückt. Verbale Aggression scheint hierzulande aber toleriert zu sein, stärker jedenfalls als in vielen anderen Gesellschaften. Folglich regiert auch in den Führungsetagen deutscher Unternehmen häufig ein rauer Umgangston.
Zu diesem Ergebnis kommen Psychologen, die in dem Forschungsprojekt Globe (Global Leadership and Organisational Behavior Effectiveness) den unternehmerischen Führungsstil in weltweit 61 Ländern untersucht haben. Befragt wurden dazu über 17.000 Vertreter des mittleren Managements aus über 800 Firmen der Telekommunikations-, Lebensmittel- und Finanzbranche. Die Ergebnisse für Deutschland stützen sich auf Interviews mit 457 Managern aus 18 Unternehmen.
Hauptsache leistungsorientiert
Die Forscher belegten, dass die Attribute, die einer herausragenden Führungskraft zugesprochen werden, eng mit den in der jeweiligen Gesellschaft vorherrschenden kulturellen Werten verknüpft sind. Am stärksten ausgeprägt ist dabei hierzulande die Leistungsorientierung. Sie geht einher mit einem hohen Maß an Konfliktbereitschaft sowie einer ausgeprägt individualistischen Sichtweise, die die Errungenschaften des Einzelnen deutlich höher als die Loyalität zu einer Gruppe - seien es Familie oder Organisationen - bewertet. Kennzeichnend für die deutsche Arbeitswelt ist den Forschern zufolge zudem eine relativ geringe menschliche Orientierung. Arbeit ist Arbeit, Beziehungen werden da sachorientiert und ernst gehalten, allzu großes Sensibilität ist Kollegen und Mitarbeitern gegenüber nicht angebracht.
Das heißt nicht, dass die Manager von heute noch immer dem formellen, etwas autokratischen Wirtschaftswunder-Boss gleichen (siehe auch Link: Prototypische Führungsstile). Führungskonzepte wie flache Hierarchien oder teamorientiertes Arbeiten sind hierzulande in den vergangenen Jahren gut angenommen worden. Trotz dieses Wertewandels ist der deutsche Management-Stil aber immer noch bestimmt durch das Hauptsache-Kompetent-Prinzip, so Felix Brodbeck, Professor an der Aston Business School in Birmingham und verantwortlich für die deutsche Stichprobe der Globe-Studie.
Angst vor dem Ungewissen
Und doch gibt es etwas, das deutsche Manager bei aller Durchsetzungsfähigkeit und Kompetenz fürchten: Das Ungewisse. Das Bestreben, Unsicherheit zu vermeiden, sei in der deutschen Gesellschaft sehr stark ausgeprägt, so Brodbeck. Das Leben verläuft idealerweise in sicheren und geordneten Bahnen, keimen Ängste auf, vertrauen die Deutschen auf institutionalisierte Regeln und Prozesse. Der Sozialstaat sorgt im Bedarfsfall schon für seine Bürger. In der Wirtschaft manifestiert sich diese Unsicherheitsvermeidung, wie Psychologen sagen, beispielsweise in der international immer noch vergleichsweise niedrigen Anzahl von Unternehmensgründungen.
Das Vertrauen auf den Wohlfahrtsstaat könne erklären, so Brodbeck, warum deutsche Unternehmen das Paradox einer starken Leistungsorientierung bei einer menschlich eher kühlen Atmosphäre im Betrieb bislang erfolgreich vereinten. Allein: Wie die aktuellen Entwicklungen und Aussagen führender Politiker ahnen lassen, wird sich der Staat hierzulande künftig mehr und mehr aus seiner sozialen Verantwortung zurückziehen. Ob der bislang erfolgreiche deutsche Führungsstil Tough on the issue, tough on the person dann noch angemessen ist, sei fraglich, so Brodbeck.
So leicht sind jahrzehntelang fest verwurzelte kulturelle Eigenheiten freilich nicht zu ändern. Den Motor für einen wärmeren, persönlicheren Führungsstil könnten künftig Frauen bilden, die - zumindest nach Ansicht der befragten Manager - verstärkt in die Top-Etagen deutschen Unternehmen einziehen sollten.
Homepage des internationalen Forschungsprojekts Globe: www.ucalgary.ca/mg/GLOBE/Public/index
Text: @ober
Bildmaterial: FAZ.NET
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