Von Birgit Obermeier
20. Dezember 2002 Nachwuchsführungskräfte-Training bei der Spedition Kühne & Nagel. Auf der Agenda stehen Finance & Controlling. Es geht erwartungsgemäß um Zahlen, Wert- und Kapitalflüsse. Doch im Seminarraum werden weder Grafiken an die Wand projiziert noch undurchsichtige Bilanzen zerpflückt. Statt dessen sitzen die jungen Manager in Vierergruppen um ein Brettspiel herum und verschieben graue Plastik-Chips.
Die stehen für millionenschwere Eurobeträge, das bunte Spielfeld repräsentiert das Unternehmen. Die Teilnehmer erhalten eine bestimmte Aufgabe aus dem Projektgeschäft und die Vorgabe, das Ergebnis zu verbessern. Im Laufe des Spiel erkennen sie - je nachdem, wie sie ihre Chips investieren - unter welchen Bedingungen sich die Erhöhung der Produktion lohnt, wie man den Lagerbestand möglichst niedrig halten oder den Cashflow verbessern kann. Am Ende des Geschäftsjahres wird abgerechnet: Vom Umsatz müssen Zinsen und Steuern gezahlt, Abschreibungen gemacht werden.
Mit den Erfahrungen daraus geht es in die nächsten beiden Spielrunden von Apples & Oranges. Mit dieser genial gemachten BWL-Simulation lernen die Mitarbeiter betriebswirtschaftliche Zusammenhänge aus der Helikopter-Perspektive kennen, schwärmt Andreas Jeschke, Vice President Corporate Training bei Kühne & Nagel.
Was passiert wenn
Das Brettspiel gilt als Klassiker unternehmerischer Planspiele und stammt von der schwedischen Firma Celemi. Das Basismodul bildet die verschiedenen Geschäftsbereiche einer Musterfirma ab und kann individuell um reale Kennzahlen angereichert werden. Der Moderator, der den Spielverlauf begleitet, passt ihn der jeweiligen Spielergruppe - etwa aus Technik, Vertrieb oder Produktion - an. Die Spieler müssen sich in der Simulation wiederfinden und erkennen, wie sie auf den Geschäftsverlauf Einfluss nehmen können, sagt Claudia Schmitz, Geschäftsführerin der auf Brettspiel-Simulationen spezialisierten Cenandu Learning Agency.
Was passiert im Unternehmen wenn - mit dieser Frage setzen sich beim Kölner Netzwerk-Dienstleister NK Networks nicht nur die Manager, sondern alle 150 Mitarbeiter auseinander. Ihnen soll klar werden, dass der Geschäftserfolg nicht nur durch Umsatz und Gewinn, sondern auch durch eine effiziente Kapitalnutzung bestimmt wird, begründet NK-Geschäftsführer Michael Horn. Im Spiel sei den Technikern bislang unverständliches plausibel gemacht worden: Warum etwa die Geschäftsleitung stets darauf achtet, frühzeitig Anzahlungen zu erhalten und keine unnötigen Bestände aufbauen will - auch wenn sich dadurch die Liefergeschwindigkeit erhöhen würde.
Aktives, kurzweiliges Lernen
Und all das auf kurzweilige Art und Weise. In konventionellen Seminaren ist man bei dieser abstrakten, zahlenlastigen Materie nach einem halben Tag mental raus, sagt Jeschke. Ein Spiel aber, bei dem die Teilnehmer selbst agieren, die Folgen ihrer Züge abschätzen und mit den Mitspielern diskutieren müssen, fordert nicht nur ihre Aufmerksamkeit. Durch das problemorientierte Vorgehen prägt sich das Gelernte auch besser ein, so Lernpsychologen. Bleibt, wie bei allen Weiterbildungen, die Frage, ob es dem Einzelne gelingt, seine neuen Erkenntnisse in den Arbeitsalltag zu transferieren.
Das Angebot an unternehmerischen Planspielen ist groß: Rund 400 Produkte zählt das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in seiner Datenbank. Neben allgemeinen Management-Simulationen bietet der Markt auch Planspiele für bestimmte Branchen, Funktionsbereiche sowie Verhaltensplanspiele - sei es in Form von Brettspielen oder Computer- bzw. Online-Anwendungen. Der Vorteil letzterer besteht fraglos darin, noch komplexere Sachverhalte darzustellen zu können. Allerdings mit dem Nebeneffekt, dass Algorithmen im Hintergrund ablaufen und vom Spieler nicht immer nachvollzogen werden können. Die Detailtreue geht damit häufig auf Kosten des Gesamtüberblicks.
So legte sich auch bei den Verantwortlichen von Siemens Business Services (SBS) die anfängliche Skepsis, ob ein Brettspiel das passende Lernmedium für ein technologiegetriebenes Unternehmen sei. Aus einem internen Projekt mit Apples & Oranges resultierte vergangenes Jahr ein Joint Venture, das das IT-Consulting-Unternehmen mit dem Lernspiele-Hersteller Celemi schloss. Die SBS-Berater setzen das Spiel seither als Kommunikations- und Lernlösung im Bereich Change Management ein. Die Basissimulation wird dabei um die spezifischen Prozesse des Kunden erweitert. Auf das dessen Mitarbeiter die anstehenden Veränderungen im Unternehmen spielerisch nachvollziehen können.
Links:
Planspielkatalog des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)
http://www.vernetzt-denken.de/BIBB_Planspielforum/BIBB_Planspielforum.htm
SAGSAGA Gesellschaft für Planspiele in Deutschland, Österreich und Schweiz, e.V.
http://www.sagsaga.org/
Text: @zyd
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