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Karrieresprung

Angst vor dem Absturz

Von Birgit Obermeier

Karrieresprung - wöchentlich bei FAZ.NET

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22. Dezember 2006 Befristete Verträge, Leiharbeit, Dauerpraktika - unsichere Beschäftigungsverhältnisse haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Klaus Dörre, Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Universität Jena und Autor der Expertise „Prekäre Arbeit“, erläutert im Interview mit faz.net, welche Folgen die Prekarisierung hat - für die Betroffenen und für weite Teile der Mittelschicht.

Wer gehört zum viel zitierten Prekariat?

Grundsätzlich jene, die sich in unsicheren, schlecht bezahlten Arbeitsverhältnissen befinden und deren Situation sich zu verstetigen beginnt. Prekarität bedeutet nicht absolute Armut, sondern bestimmt sich in Relation zu dem, was in der Gesellschaft immer noch als Norm gilt: ein Normalarbeitsverhältnis mit unbefristetem Vertrag und bestimmten Rechten hinsichtlich Kündigungsschutz, Mitbestimmung oder Rentenversicherung.

Wie viele Menschen sind hierzulande prekär beschäftigt?

Eine exakte Quantifizierung fällt schwer. Fest steht: Jeder dritte Beschäftigte hat mittlerweile kein Normalarbeitsverhältnis mehr, sondern arbeitet als Leiharbeiter, befristet oder geringfügig Beschäftigter, Ich-AG oder in Teilzeit. Zwar ist nicht jedes dieser Arbeitsverhältnisse prekär. Teilzeit etwa ist zum Teil erwünscht. Und wer einen Gutverdiener zur Seite hat, ist von Jobunsicherheit weniger betroffen. Atypische Beschäftigung hat aber zumindest ein prekäres Potential.

Wer ist schuld an der Erosion der Normalbeschäftigung?

Im Wesentlichen zwei Prozesse: Zum einen Managementansätze, die im Sinne der Wettbewerbsfähigkeit mehr Flexibilität von den Beschäftigten fordern. Inzwischen werden in wichtigen Betrieben auch Kernfunktionen mit prekär Beschäftigten besetzt. Zum anderen sorgt der Umbau der sozialen Sicherungssysteme dafür, daß der gesellschaftliche Status auch der normal Beschäftigten nicht mehr abgesichert ist. Beides führt zu sozialer Verunsicherung - und zwar nicht nur bei den unmittelbar Betroffenen. Berücksichtigt man die subjektiven Verarbeitungsprozesse, dann berührt die Prekarisierung weite Teile der Gesellschaft.

Inwiefern?

Es gibt im Grunde drei Stufen der Sicherheit: Ganz unten, in der Zone der Entkoppelung, befinden sich Langzeitarbeitslose, die hin und wieder prekäre Jobs annehmen oder aber bereits jede Hoffnung aufgegeben haben. In der Zone der Prekarität pendeln die Beschäftigten von einem unsicheren Job zum anderen oder üben mehrere Jobs gleichzeitig aus. Sie haben sich - häufig frustriert - damit abgefunden oder hoffen auf den Sprung in eine Festanstellung. Die größte Angst aber herrscht in der obersten und damit sichersten Zone der Integration - in der Gruppe der „Abstiegsbedrohten“.

Wer ist abstiegsbedroht?

Das sind ganz normal Beschäftigte, die seit langem bei einem Unternehmen tätig sind und von einer Arbeitsplatzgarantie auf Lebenszeit ausgingen. Jetzt erleben sie die Standortkonkurrenz und fürchten um ihren Job - und damit, den Anschluß an die Mittelschicht zu verlieren. Das sind subjektive Verarbeitungsprozesse. Während sich der prekäre Ein-Euro-Jobber neben Geld vor allem Anerkennung in der Gesellschaft wünscht, geht es bei den „Abstiegsbedrohten“ darum, den Status zu halten - etwa das eigene Haus, das sie als Hartz IV-Empfänger irgendwann verkaufen müssen. Diese enorm verunsicherte Gruppe macht aktuell bis zu einem Drittel aller Beschäftigten aus.

Inwiefern sind gut gebildete Menschen gefährdet, tatsächlich ins Prekariat zu rutschen?

Da gibt es fließende Grenzen. Wenn Kulturschaffende projektweise für 800 Euro im Monat arbeiten, ist das natürlich eine Grunderfahrung. Generell aber gilt, daß Menschen mit akademischer Bildung häufig die Qualifikationen und auch die materiellen Mittel haben, Phasen der Nicht-Beschäftigung einigermaßen zu überstehen. Prekarisierung nimmt zwar auch unter Akademikern zu. Dennoch ist Bildung nach wie vor der sicherste Weg, eine Chance zu kriegen - aber eben keine Garantie mehr.

Wie wirkt sich die permanente Unsicherheit auf die Menschen aus?

Je geringer das Einkommen und die Beschäftigungssicherheit, desto schwieriger ist es, das eigene Leben zu planen. Jüngere Beschäftigte zögern deshalb häufig die Familiengründung hinaus. Bei jenen, die bereits Familie haben, leidet diese extrem darunter, von einem Monat auf den anderen zu leben. Der springende Punkt ist aber: Prekär Beschäftigte können das, was der Arbeitsmarkt voraussetzt - durch ständige Weiterbildung die eigene Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten - um so weniger leisten, je länger ihr unsicherer Schwebezustand anhält. Bei Leiharbeitern beispielsweise gibt es in der Praxis eine Grauzone: Wer ist für ihre Weiterbildung zuständig - verleihendes oder entleihendes Unternehmen?

Läßt sich die zunehmende Spaltung der Arbeitswelt rückgängig machen?

Daß sich alte Verhältnisse wieder herstellen lassen, glaube ich nicht. Zumal wir in Zukunft noch mehr Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt brauchen. Von daher ist ein Umdenken erforderlich: Statt lebenslanger Beschäftigung werden sich künftig Phasen der Beschäftigung mit Phasen der Familienzeit und der Weiterbildung abwechseln. Das erfordert ein System, das die Übergänge zwischen den einzelnen Phasen abfedert und für Durchlässigkeit sorgt. Dazu ist ein gesichertes Grundeinkommen nötig, das menschenwürdig, aber nicht leistungsunabhängig gestaltet ist. So könnte man etwa für jede Tätigkeit, die man ausgeübt hat, das Anrecht auf eine andere Tätigkeit erwerben - im Sinne einer Beschäftigungs-Versicherung. Ein derartiges Phasenmodell würde auch die in weiten Teilen der Gesellschaft vorherrschende Verunsicherung nehmen.

Text: FAZ.NET

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