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E wie Ernüchterung

Von Birgit Obermeier

Karrieresprung - Serie bei FAZ.NET

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19. April 2002 Die Szenerie schien überzeugend: Die Mitarbeiter eines Unternehmens pauken völlig individuell, selbstbestimmt und in welcher Niederlassung auch immer Fachwissen und Fremdsprachen an ihrem PC. Steht ein firmenweites Projekt an, beispielsweise die Einführung eines neuen IT-Systems, wird die gesamte Belegschaft zeitgleich geschult. Und das Beste: Das Unternehmen spart dabei eine Menge Geld, weil virtuelle Trainings weder Reise- noch Hotelkosten verursachen.

Knapp die Hälfte der deutschen Großunternehmen setzen bereits E-Learning zur betrieblichen Aus- und Weiterbildung ein, ermittelte das Beratungsinstitut KPMG in einer Studie. Das Spektrum der virtuellen Maßnahmen umfasst so genannte Computer Based Trainings (CBT), Web Based Trainings (WBT), Kommunikationsfunktionen wie Foren und Chats sowie Lernplattformen und Wissensmanagement-Systeme. Am innovativsten zeigen sich dabei Banken, Versicherungen und die Chemie-Branche. Bei den virtuell vermittelten Inhalten dominieren klar IT-Standardanwendungen, gefolgt von kaufmännischen Fachkompetenzen, Fremdsprachen und Produktschulungen.

Teamfähig per Computer-Training?

Doch wie bei so vielen Mythen, die mit E- begannen, machte sich auch beim virtuellen Lernen allmählich Ernüchterung breit. Die Erwartungen der Unternehmen an effektivere und effizientere Weiterbildung wurden bislang nicht zufriedenstellend erfüllt, resümiert die KPMG-Analyse. Denselben Schluss ziehen Studien der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität und des Berliner Forschungsinstituts Berlecon Research.

Erkenntnis Nummer Eins: E-Learning kann traditionelle Bildungsmaßnahmen nicht vollständig ersetzen. Das Web mag gute Dienste leisten bei der Vermittlung von Basiswissen, Fremdsprachen oder technischem Know-How. Für zeitkritische Schulungen, beispielsweise zur Einführung eines neuen Produkts, dauert die Entwicklung und Implementierung entsprechender Anwendungen zu lang. Und die vielgepriesenen Softskills - von Kommunikations-, über Team- bis Konfliktfähigkeit - werden wohl auch künftig von Mensch zu Mensch im Seminarraum vermittelt.

Individuelle Lösungen sind teuer

Die erhoffte Kostensersparnis durch E-Learning verkehrte sich bei genauerem Hinsehen ins Gegenteil. Verlage und Bildungsträger haben es bislang verschlafen, qualitativ hochwertige Lehrmodule zu entwickeln. Zudem sind die Bedürfnisse der Unternehmen oft so speziell, dass ihnen gar nichts anderes übrig bleibt, als die Anwendung selbst entwickeln zu lassen. Die Kosten dafür sind enorm und rechnen sich umso weniger, je kleiner die Nutzergruppe ist. Umso wichtiger, auch die Frage nach dem Return on Investment von E-Learning zu stellen.

Und das mit der Selbstbestimmung klingt zwar gut, ist aber nun mal so eine Sache. Das weiß jeder, der schon einmal versucht hat, per Sprachkassette Spanisch zu lernen. Schnell unterliegt die Motivation der mangelnden Selbstdisziplin. Klingelnde Telefone und dringende Aufgaben machen den Arbeitsplatz zudem nicht gerade zur idealen Lernumgebung.

Budgets steigen dennoch

Trotz aller Ernüchterung: Das Thema E-Learning ist in deutschen Unternehmen keineswegs abgehakt, im Gegenteil. Den Studien von KMPG, Uni München und Berlecon Research zufolge wollen die Anhänger von E-Learning dessen Anteil am gesamten Weiterbildungsetat in den kommenden Jahren auf bis zu 25 Prozent steigern. Für die Personalverantwortlichen bedeutet das noch jede Menge Arbeit: Immerhin bekannten knapp drei Viertel der von KPMG Befragten, dass sie gegenwärtig über kein Konzept verfügen, das die virtuellen mit den traditionellen Weiterbildungsmaßnahmen verknüpft.

Gerade darin aber sehen Experten einen wesentlichen Erfolgfaktor. Die Einführung virtueller Lernformen ist ein langwieriger Prozess, der eine Veränderung der Lernkultur im Unternehmen voraussetzt - und damit auch den Rückhalt von oberster Ebene. Einigkeit herrscht mittlerweile auch darüber, dass E-Learning kein technikzentriertes Thema ist - auf mediengerechte Inhalte und Didaktik kommt es an.

Und: Rein selbstgesteuertes Lernen wird von den Mitarbeitern offenbar nicht akzeptiert. Virtuelle Lernformen müssen folglich durch persönliche Betreuung unterstützt werden. E-Learning ist tot, es lebe Blended Learning (siehe auch Link).

Text: @ober

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