Von Herta Paulus
04. Oktober 2002 Gestern noch händeringend gesucht, weht mittlerweile auch hoch qualifizierten Facharbeitern und berufserfahrenen Akademikern der raue Wind des Arbeitsmarktes um die Nase. Landauf, landab registrieren die Arbeitsämter vor allem in diesem Bereich die höchsten Zuwachsraten in der Arbeitslosenstatistik.
Kein Wunder, dass auch bei Akademikern die Zeitarbeit an Attraktivität gewinnt, ob als selbst gewähltes Sprungbrett oder als letzter Ausweg nach der x-ten Ablehnung und dem x-ten ergebnislosen Vermittlungsgespräch sei dahingestellt.
Steigende Nachfrage
Lag der Anteil der akademisch ausgebildeten Mitarbeiter im Kundeneinsatz, kurz MIKs genannt, beim Zeitarbeitunternehmen Adecco im Jahre 1996 noch bei zwei Prozent, waren es im letzten Jahr bereits acht Prozent bei durchschnittlich 9.500 Mitarbeitern. Die Nachfrage nach Akademikern seitens der Kunden steigt erklärt Pressesprecher Manfred Brücks.
Hohe Chancen auf einen ausbildungsadäquaten Einsatz haben vor allem Techniker und Ingenieure sowie Wirtschaftswissenschaftler. Zur Zeit sind in diesem Bereich durchschnittlich 350 Mitarbeiter angefragt. Diesen Bedarf können wir aufgrund der fehlenden Mitarbeiter nicht decken, so Brücks. Weniger rosig sieht es hingegen für andere akademische Berufe aus. Wer als Lehrer oder Historiker bei Adecco anklopft, muss sich auf Einsätze als SekretärIn, Schreibkraft oder generell als Hilfskraft einstellen.
Gute Chancen auch für Ältere
Gerade dem Homo Academicus biete der Zeitarbeitsmarkt riesige Chancen, meint auch Sylvia Knecht, Pressesprecherin beim auf die Vermittlung von Fach- und Führungskräften spezialisierten Zeitarbeitsunternehmen Deutscher Industrie Service in Düsseldorf. So suche die DIS-Zweigstelle München derzeit im Kundenauftrag etwa einen Analysten, könne das Unternehmen gar nicht so viele Ingenieure anbieten wie nachgefragt werden. Dito im neu eingeführten Bereich Interims-Management, in dem vor allem gestandene hands-on Manager gefordert seien.
Auch für ältere Arbeitnehmer gibt es da sehr gute Chancen, sagt Knecht. Und im Unterschied zu allen anderen Zeitarbeitsunternehmen gilt bei der DIS das Prinzip des Equal Pay. Ab dem sechsten Monat erhält der Zeitarbeiter ein Gehalt in Anlehnung an das Kundengehalt. Es gibt bei uns keine Dumpinglöhne. Das hat mit Wertschätzung und dem gesellschaftlichen Standing der Zeitarbeit zu tun, erklärt Knecht.
Förderfaktor Hartz
Denn um den Ruf der Zeitarbeit ist es nicht gerade gut bestellt. Lange Zeit galt sie Politikern wie Gewerkschaftern als Jobkiller und Einfallstor für prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Auch auf Arbeitnehmer wirkte die Aussicht durchschnittlich bis zu 15 Prozent weniger zu verdienen als der regulär im Unternehmen beschäftigte Kollege eher abschreckend. Als Massenphänomen konnte sie sich daher trotz stetig steigenden Anteils an der Beschäftigtenquote bislang nicht durchsetzen.
Dies könnte sich - dank der Vorschläge der Hartz-Kommision - in Zukunft ändern. Experten aller Couleur und aller Lager empfehlen sie nunmehr als hochwirksames Antibiotikum gegen den viermillionenfach grassierenden Virus Arbeitslosigkeit. Rund 1,3 Millionen Menschen, so die Hochrechnungen der Kommission, könnten im Jahr 2010 als Zeitarbeiter in Lohn und Brot stehen.
Sprungbrett in die Festanstellung
Zum Vergleich: Im letzten Jahr beschäftigte die Gesamtbranche nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeit monatlich im Durchschnitt 341.053 Männer und Frauen. Das waren knapp vier Prozent mehr als im Vorjahr. Von Zeitarbeitunternehmen neu eingestellt wurden im Jahr 2001 laut Bundesverband Zeitarbeit Personal-Dienstleistungen e.V. (BZA) 444.000 Mitarbeiter.
Den Hauptgewinn Übernahme zogen rund 235.000 Zeitarbeitnehmer, die von den Entleihbetrieben fest angestellt wurden. Dies entspricht einer Übernahmequote von 30 Prozent. Über 60 Prozent aller Zeitarbeitnehmer war vorher ohne Beschäftigung, davon rund 41 Prozent bis zu einem Jahr arbeitslos und rund neun Prozent langzeitarbeitslos.
Wo keine Nachfrage, da kein Angebot
Zeitarbeit ist kein Zuckerschlecken, wie Erfahrungsberichten etwa beim Internet-Meinungsportal ciao.com zu entnehmen ist. Das Anforderungsprofil ist hoch. Interessiert, aufgeschlossen, flexibel, neugierig, charakterisiert Ingrid Hofmann, Inhaberin der gleichnamigen Agentur mit Stammsitz in Nürnberg den idealen Bewerber. Bewerber, die ein Umfeld brauchen, das sich nicht ändert, sollten lieber die Finger davon lassen.
Ratsam sei auch eine gewisse Vorrecherche, da die Zeitarbeitunternehmen sehr unterschiedlich positioniert sind. Hier sollte man sich informieren, welches Unternehmen wo seine Schwerpunkte hat. Doch auch hier gilt: wo keine Nachfrage, da kein Angebot. Entsprechend erhält ein Anrufer bei der auf Medienberufe spezialisierten Hamburger Zeitarbeitsagentur Time Media Personalservicegesellschaft die monotone Auskunft: Kein Anschluss unter dieser Nummer.
Text: @mey
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