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Karrieresprung: Wendepunkte (6)

Von der Controllerin zur philanthropischen Beraterin

Von Herta Paulus

Karrieresprung - wöchentlich bei FAZ.NET

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23. Januar 2009 Nicola Berlinger ging es wie vielen Berufsanfängern. Sie arbeitete viel, selbstverständlich auch am Wochenende, fühlte sich wichtig in ihrem Job in der Finanzabteilung eines großen Unternehmens, fühlte sich anerkannt und zugehörig. Dann kamen die Karrieregespräche mit der Personalabteilung und damit auch die Konfrontation mit der Frage: Wo willst du eigentlich hin?

Sie selbst wusste darauf keine Antwort, merkte nur, dass die Zweifel überwogen, ob der eingeschlagene Weg der richtige für sie ist. Das Tempo drosseln und Teilzeit arbeiten ging nicht. Aber weitermachen, das ging auch nicht mehr. Berlinger entschloss sich zu kündigen, erst einmal „zu leben.“ Sie klinkte sich aus und reiste ans andere Ende der Welt, landete dort schließlich auf einer malaysischen Insel, wo sie in einem Tauchladen jobbte und - man weiß ja nie - eine Ausbildung als „Dive Master“ absolvierte.

Lernen, arbeiten, funktionieren

„Wir projizieren zu viel auf das Geld”, sagt Nicola Berlinger

„Wir projizieren zu viel auf das Geld”, sagt Nicola Berlinger

Bis dato hatte sie „immer wunderbar funktioniert“. Aufgewachsen in Monaco, war sie bereits mit fünf Jahren eingeschult worden, mit 17 Jahren folgte ein Super-Abitur und nach halbjährigem Praktikum bei einem Steuerberater dann der Entschluss, BWL zu studieren. Weil Mathe und Naturwissenschaften ihr lagen, sie sich mit „diesem Richtig-Falsch“ sehr wohl fühlte und weil es etwas Vernünftiges war, etwas, „das einen nährt und das man immer brauchen kann“. Das Studium absolvierte sie binnen kürzester Zeit und mit Summa Cum Laude.

„Ich war immer sehr strebsam. Das Thema Lernen, Arbeiten, Funktionieren hatte viel Platz in meinem Leben.“ Dass die gemeinhin als Midcareer-Krise bezeichnete Sinnfrage sich ihr schon als knapp 25-Jährige stellte, wundert sie heute nicht mehr. „Es gab so viele Optionen und ich hatte den Anspruch, aus meinen Begabungen etwas machen zu müssen. Im Nachhinein denke ich, dass eine solche Entscheidung in diesem Alter auch eine Überforderung ist.“

„Hier bin ich richtig“

Tauchlehrerin ist sie nicht geworden, auch das Thema Auswandern war nach einem Jahr Inselleben für sie abgeschlossen. Nicht erledigt hatte sich ihr Wunsch, auf ihrem Studium aufbauend eine neue Richtung einzuschlagen, die „etwas mit Menschen“ zu tun haben sollte. Sie entschied sich für Personalentwicklung, heuerte in der Hamburger Personalabteilung eines Großkonzerns an und absolvierte berufsbegleitend eine Coaching-Ausbildung.

„Ich merkte sofort: Hier bin ich richtig“, beschreibt sie diese Erfahrung. Die Tätigkeit in der Personalentwicklung war daher nur eine Zwischenstation. Nach vier Jahren machte sie sich selbständig, gründete eine eigene Beratungsfirma. Sie wollte „noch näher am Kunden“ arbeiten und endlich ein Thema angehen, das sie von Kindesbeinen an interessierte: Geld und Emotionen zu verbinden. „Dieses Gefühl, da muss etwas dahinter sein, hat mich schon immer umgetrieben“, erklärt sie. „Dass ich in Monaco aufgewachsen bin, wo Geld auch äußerlich sichtbar wird, spielt hier sicher eine Rolle.“

Vermögen lebenswert machen

Ihr biografischer Hintergrund legte auch ihr heutiges Profil als Coach, Finanzmentorin und philanthropische Beraterin nahe. „Vermögen wird LebensWert“ heißt ihr Unternehmensleitsatz, der Zielgruppe und Zielsetzung gleichermaßen zum Ausdruck bringt. „Durch den jahrelangen Kontakt zu wohlhabenden Menschen habe ich die Herausforderungen und Ambivalenzen unmittelbar kennen gelernt, die ein großes Vermögen mit sich bringt“, erklärt sie die - wohl auch unter unternehmerischem Aspekt reizvolle - Fokussierung.

In ihrer Beratung geht es zwar auch um Fragen der Rendite, der Höhe der Zinsen oder der Verwaltungsgebühren und angesichts der derzeitigen Finanzkrise verstärkt auch um die Risiken, die in den Anlagen der Kunden stecken. Die materielle Ebene ist jedoch nur ein Teilaspekt. Den „Mehrwert“ ihrer Arbeit sieht sie darin, ihren Kunden in ihren individuellen Lern- und Entwicklungsprozessen Hilfestellung zu geben.

Raus aus der Abhängigkeit

Das Thema Geld schwingt auch hier immer mit, interessiert aber ausschließlich in seiner ihm zugeteilten Verknüpfung mit Emotionen wie Sicherheit, Unabhängigkeit, Selbstbewusstsein, Macht, Anerkennung, Liebe. „Meist geht es darum, die eigenen ungünstigen und unbewussten Denk- und Verhaltensmuster zu erkennen, die uns daran hindern, unsere ganzen Möglichkeiten und Handlungsspielräume auszuschöpfen“, verdeutlicht Berlinger. So stelle so mancher Vermögende an sich den Anspruch „etwas ganz Großes“ zu schaffen, auch um die eigene Existenz zu rechtfertigen und mache sich damit selbst handlungsunfähig, da ihn das Abwägen, Überlegen, Warten, Prüfen und nicht zuletzt auch die Angst, das Falsche zu tun, blockieren und lähmen.

Oder ein Stifter oder Spender engagiere sich für eine Organisation, die ihn immer wieder enttäuscht, da die erwartete „Gegenleistung“ ausbleibt. „Wenn ich die Anerkennung von außen brauche und das Geld nur gebe, weil ich geliebt werden möchte, birgt das Konfliktpotential. Das ist ein schlechter Deal“, verdeutlicht sie. Eine eigene Haltung zum Thema Geld erarbeiten, ein persönliches Lebenskonzept entwickeln, gelungene Beziehungen aufbauen, eine Identität als Philanthrop entwickeln und nicht zuletzt sich Finanzkompetenz aneignen, heißen die Lernfelder dieser „Forschungsreise“ zu einem „sinnerfüllten, zufriedenen Leben“.

Falsche Sicherheiten

Berlinger ist darin bereits angekommen. „Es ist spannend und beeindruckend, wie viel Freiheit, Energie und Tatendrang freigesetzt wird, wenn sich Menschen von dieser Abhängigkeit von Geld lösen“, schwärmt sie. Und was macht sie, wenn die Finanzkrise tatsächlich dazu führt, dass die Bundesrepublik pleite geht, alle Ersparnisse und Festgelder weg sind? „Dann sitze ich immer noch hier. Ich sitze hier, ob ich Geld habe oder nicht“, sagt sie und lächelt. „Wir projizieren zu viel auf das Geld.“

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: privat

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