Von Birgit Obermeier
13. September 2002 In der Stuttgarter Zentrale von DaimlerChrysler sollen die Lichter künftig pünktlich um 19 Uhr ausgehen. Morgens darf kein Mitarbeiter vor 6 Uhr am Schreibtisch sitzen. Das hat das Landesarbeitsgericht Stuttgart vor kurzem in einem Urteil verfügt.
Bei Verstoß droht dem Konzern ein Ordnungsgeld von 250.000 Euro. Geklagt hatte die IG Metall vor dem Hintergrund, dass in der Konzernzentrale jährlich über 750.000 Überstunden geleistet werden. Das entspricht, theoretisch zumindest, 500 Arbeitsplätzen.
Anachronistische Verordnung?
Per Gesetz verordnete Betriebszeiten - die Maßnahme scheint beinahe anachronistisch in einer Arbeitswelt, in der Flexibilität als höchstes Gut gilt. Die wolle man auch nicht einschränken, versichert der verantwortliche Gewerkschaftssekretär Hansjörg Schmierer. Daimler-Mitarbeiter können über ein Langzeitkonto jährlich bis zu 150 Überstunden ansammeln und zu einem späteren Zeitpunkt nutzen.
Die Klage richte sich vielmehr gegen die Kultur, den Mitarbeitern beständig ein überdimensioniertes Arbeitspensum aufzuhalsen, ohne dass sie Einfluss darauf hätten, so Schmierer. Verstärkt durch ein stark von Karrieredenken geprägtes Klima führe das zu nie abgebauten Überstunden. Gleichzeitig würden Planstellen nicht besetzt. Schmierer: Der Konzern muss seine Auffassung ändern. Der wiederum kündigte Berufung gegen das Urteil an.
Überstunden vs. Entlassungen
Das Thema Arbeitsverteilung erhitzt derzeit auch in anderen Unternehmen die Gemüter. Wie kann es sein, kritisiert etwa der Betriebsrat von Siemens, dass ein Teil der Belegschaft in Arbeit ertrinkt und gleichzeitig Kollegen vor die Tür gesetzt werden? Allein in der Netzwerk- und Mobilfunksparte (ICN, ICM) soll bis Jahresende jeder dritte Mitarbeiter gehen. Der Betriebsrat fordert, mit kollektiven Arbeitszeitverkürzungen den Stellenabbau abzumildern. Die Belegschaft steht in seltener Einmütigkeit dahinter. Die Konzernleitung wiegelt ab, da sich durch diese Maßnahme kurzfristig nicht genügend Kosten einsparen ließen. Der einst so stabile Haussegen bei Siemens hat gehörige Schieflage.
Ein ähnliches Szenario, allerdings mit vertauschten Rollen, spielte sich im Sommer bei der Commerzbank ab. Die Konzernspitze wollte mit einer Verkürzung der Arbeitszeit von 39 auf 31 Stunden die Strukturen im Filialgeschäft verschlanken. Ein neues Provisionssystem sollte den betroffenen 7.500 Mitarbeitern zumindest einen teilweisen Ausgleich für die Lohneinbußen garantieren. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hatte die 31-Stunden-Woche zuvor zur Sicherung von Arbeitsplätzen im Bankensektor propagiert. Belegschaft und Betriebsrat der Commerzbank aber zogen es vor, die Pfründe zu wahren.
Von Solidarität war bei der Mehrheit der Kollegen nichts zu spüren, sagt der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Christoph Heumann. Den Preis für die Unnachgiebigkeit - die Streichung von 900 Stellen - hält er nicht für zu groß. Die älteren Mitarbeiter werde die Bank ohnehin nicht los und die Jüngeren würden schon wieder etwas finden. Letztlich schneidet sich die Bank bei solchen Lösungen jedoch ins eigene Fleisch.
Betriebliche Konzepte statt Arbeitszeitverkürzung
Ob der begrenzte Kuchen Arbeit in möglichst viele oder möglichst große Stücke unterteilt wird - diese Frage wird heute in betrieblichen Vereinbarungen entschieden. Die Gewerkschaften begnügen sich damit, den Spielraum für individuelle Lösungen zu öffnen - ausgehend vom Wunsch der Arbeitnehmer, phasenweise weniger zu arbeiten.
Eine kollektive Arbeitszeitverkürzung - wie sie etwa vor zwei Jahren in Frankreich mit der 35-Stunden-Woche umgesetzt wurde - ist hierzulande gegenwärtig kein Thema. Denn, so die pragmatische Einsicht der Gewerkschaften: Gerade in Phasen der wirtschaftlichen Stagnation gehen kürzere Arbeitszeiten einher mit empfindlichen Lohnkürzungen, betrieblichen Umstrukturierung und einer beispiellosen Verdichtung der Arbeit, so Steffen Lehndorff, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen.
Arbeitsvolumen sinkt weiter
Arbeitsmarktexperten wie er gehen aber davon aus, dass das Volumen der vorhandenen Arbeit in Zukunft weiter zurückgehen wird. Eine Politik der Arbeitszeitverkürzung sei daher künftig zwingend nötig, um eine gerechtere Verteilung und damit den sozialen Frieden zu sichern, so Lehndorff. Die Einrichtung von Langzeitkonten und ein damit einher gehender konsequenter Abbau der jährlich in Deutschland geleisteten 1,8 Milliarden Überstunden könnte dabei eine erste, vergleichsweise konfliktarme Variante darstellen. Vorausgesetzt, sie wird von Unternehmen und Beschäftigten auch tatsächlich genutzt.
Buchtipp:
Steffen Lehndorff: Weniger ist mehr. Arbeitszeitverkürzung als Gesellschaftspolitik. VSA Verlag, 13,80 Euro.
Text: @ober
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