Karrieresprung

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Karrieresprung

Wenn die Ehre Ämter schafft

Von Karen Schmidt

10. Juni 2007 Während seines Studiums galt Benedikt Sunderhaus zuweilen als vielbeschäftigt und ein wenig abgelenkt. Sechs Jahre lang arbeitete er im Landes- und Bundesvorstand der Naturschutzjugend des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) und kümmerte sich dabei unter anderem um Sponsoren für ein Umweltmobil oder entwarf ein Onlinespiel mit, das Leute an den Bildschirmen dazu anregen soll, sich in ihrer Region für den Umweltschutz einzusetzen.

Heute haben einige seiner ehemaligen Kommilitonen Probleme, sich in Vorstellungsgesprächen gut zu verkaufen. Sunderhaus dagegen hat mit seinen 28 Jahren bereits eine unbefristete Vollzeitstelle als Gymnasiallehrer sicher. Dass er damals öfters aus dem normalen Studentenalltag ausgebrochen ist, hat nicht unmaßgeblich dazu beigetragen.

Ellenbogen ausfahren - ist das wirklich klug?

Gute Menschen kommen in den Himmel, böse überall hin - so ähnlich sagt uns das jedenfalls der Titel eines Besteller-Buches. Gerade in Karrieredingen machen sich viele Menschen dieses Credo zu eigen. Die Konkurrenz ist groß, da müssen schon mal die sprichwörtlichen Ellenbogen ausgefahren werden, um Mitbewerber oder Kollegen auf der Karriereleiter hinter sich zu lassen. Der eigene Vorteil wird so oft zum bestimmenden Wegweiser durch die Berufswelt oder gar das ganze Leben.

Vielen Arbeitgebern scheint das aber nicht unbedingt zu gefallen. Studien zeigen, dass sich ehrenamtliches Engagement für soziale Zwecke seit Jahren auf dem Vormarsch befindet. Auch junge Leute setzen sich neben Studium oder Ausbildung für die Umwelt ein, verkaufen Postkarten für Unicef oder trainieren Kindermannschaften in ihrem heimischen Sportverein. Engagement, das zunehmend auch von der Wirtschaft anerkannt wird. Denn ein Ehrenamt kann die Karrierechancen durchaus erhöhen.

Kinderfreizeiten statt auswendig gelernter Phrasen

So war es auch bei Benedikt Sunderhaus. Seine ehrenamtliche Arbeit hat dem Pädagogen viel gebracht: Als er sich Anfang des Jahres bei mehreren Gymnasium bewarb, stieß sein Umwelt-Engagement auf reges Interesse: „Ich wurde in vielen Bewerbungsgesprächen auf mein ehrenamtliches Engagement angesprochen und gefragt, was ich da so mache.“

Fragen nach seiner Teamfähigkeit oder seiner Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, konnte Sunderhaus mit konkreten Erfahrungen aus seinen Projekten beantworten. Ob er sich zum Beispiel vorstellen könnte, Arbeitsgemeinschaften oder Klassenfahrten zu organisieren, wurde Sunderhaus gefragt. Darauf konnte er antworten dass er schon sieben Kinderfreizeiten organisiert hatte. „Ich denke, die Interviewpartner haben gemerkt, dass ich nicht nur auswendig gelernte Phrasen bemühte“, sagt Sunderhaus, der sich auch heute noch für die Umwelt einsetzt.

Zünglein an der Waage

Dass sich freiwilliges Engagement für eine gute Sache beim Bewerbungsgespräch bezahlt machen kann, gilt nicht nur für Pädagogen. „Bei der Auswahl unserer Mitarbeiter achten wir darauf, Menschen einzustellen, die neben ihren fachlichen Qualifikationen, analytischen und kommunikativen Fähigkeiten auch Tiefgang in anderen Disziplinen mitbringen“, sagt Siemens-Sprecher Christoph Habereder. „Ehrenamtliches Engagement spielt eine nicht unwesentliche Rolle bei der Auswahl.“ Zwar wird jemand mit einem Notendurchschnitt von 3,8 damit nicht einen Einser-Absolventen überflügeln können. Wenn die Bewerber aber fachlich sowieso nah beieinander liegen, kann soziales Engagement zum berühmten Zünglein an der Waage werden.

Das bestätigt auch Alfred Quenzler vom Personalmarketing bei Audi: „Wir haben oft hunderte Bewerber auf manche Stellen“, erklärt Quenzler. „Deshalb interessieren uns insbesondere die Kandidaten, deren Lebenslauf auch einmal etwas anderes zu bieten hat als Auslandserfahrungen oder absolvierte Praktika.“

„Ein Einblick in die Persönlichkeit“

Der Grund für das Interesse der Personal-Chefs an den sozialen Tätigkeiten ihrer Bewerber sieht Constanze Wachsmann, Senior-Beraterin bei der Unternehmensberatung Kienbaum Human Resource Management, darin, dass sie Informationen über den Menschen vermitteln, der sich für die Stelle interessiert: „Der Bewerber gibt damit einen Einblick in seine Persönlichkeit.“ Dass er teamfähig ist zum Beispiel, sich auf andere Personen einlassen kann oder in der Lage und Willens ist, Verantwortung zu übernehmen.

Freilich müssen auch beim Ehrenamt einige Regeln beachtet werden. „Nicht jedes Ehrenamt ist karriereförderlich“, weiß Wachsmann. Mitgliedschaften in Sekten wie Scientology oder eine Mitarbeit bei rechts- oder linksextremen Parteien kämen bei den Personalverantwortlichen natürlich nicht gut an. Auch wenn sich jemand nur sozial engagiere, um seine Karriere voranzutreiben, könne das negativ aufstoßen. Entscheidend sei dabei aber nicht der Zeitpunkt. Wenn jemand also ein Ehrenamt zeitgleich mit der Jobsuche beginnt, muss das nicht gleich Misstrauen erwecken. „Schließlich kann jemand auch erst dann seinen Hang zu ehrenamtlicher Tätigkeit entdeckt haben. Wichtig ist vor allem, wie der Bewerber das kommuniziert“, sagt Wachsmann. „Bei Leuten, die das wirklich leben, ist soziales Engagement ein Teil ihrer Identität. Man merkt im Vorstellungsgespräch schnell, ob da jemand authentisch ist oder nicht.“

„Mehr Erfahrungen als in einem ganzen Jahr Studium“

Unabhängig davon, ob jemand sich bewirbt oder schon länger in einem Unternehmen arbeitet - ein Ehrenamt kommt an: „Wir begrüßen ein soziales Engagement sehr, es ist aber kein Muss - egal in welcher Hierarchiestufe“, sagt Gertraud Baldauf, Leiterin der Personalberatung bei der Commerzbank in Frankfurt.

Benedikt Sunderhaus würde jedenfalls jedem jederzeit empfehlen, sich neben dem Studium für eine gute Sache einzusetzen: „Das gibt einem unheimlich viel zurück, sagt er „Ich habe dabei mehr Erfahrungen sammeln können, was zum Beispiel das Organisieren von Projekten angeht, als zum Teil in einem ganzen Jahr Studium“. Auch das Gefühl, etwas bewegen zu können, habe er vor allem durch sein soziales Engagement kennengelernt: „In den Massenveranstaltungen des Studiums wirst Du persönlich kaum gefordert. In der Naturschutzjugend stehen oder fallen Projekte mit Dir, je nachdem wie stark Du Dich engagierst.“ Ein Problem sieht der 28-Jährige in der Erhebung der Studiengebühren in manchen Bundesländern. Sie könnten dem Altruismus unerwünschte Grenzen setzen: „Mein Studium hat sich durch mein ehrenamtliches Engagement um rund ein Jahr verlängert. Damals hatte ich noch die Freiheit dazu. Ob ich mir das heute angesichts der Studiengebühren auch noch leisten könnte, ist fraglich.“



Text: FAZ.NET

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