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Fehler müssen erlaubt sein

Von Birgit Obermeier

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11. Juli 2003 Irren ist menschlich. Heißt es. Fehler soll der Mensch nach Möglichkeit aber dennoch nicht machen, schon gar nicht im Job. Falls doch, dann schweigt man das in vielen Unternehmen besser unter den Tisch. Wer macht sich schon gerne zur Zielscheibe für Vorwürfe? Und stellt mit seiner Offenheit am Ende die eigene Kompetenz in Frage?

Allerdings: Fehler lassen sich prinzipiell nicht vollständig vermeiden. Bei aller Perfektion und wider besseren Wissens können stets Ereignisse eintreten, die so nicht vorherzusehen waren. Der Mensch ist eben doch nur Mensch. Diese Tatsache sollten Unternehmen nicht ignorieren, sondern bewußt als Chance nutzen, fordert Theo Wehner, Professor für Arbeitspsychologie an der ETH Zürich und seit Jahren im Bereich Fehlerforschung tätig.

Staunen und reflektieren

Fehler können wichtige Lernanstöße geben. Sie tragen dazu bei, vorhandenes Wissen zu verfeinern und zu modifizieren. Die Betonung liegt dabei auf vorhanden. Fehler lehren nicht nur, wie man sie in Zukunft vermeidet. Das so genannte Erfahrungslernen fördert Lernpsychologen zufolge auch die Kompetenz im Umgang mit neuen, unerwarteten Situationen. Es erweitert somit den persönlichen Handlungsspielraum und bewahrt vor Erstarrung. Daß man sich zunächst über den Fehler ärgert, sei wichtig, wenn nicht sogar notwendig, um sich von bisherigen Gewohnheiten zu lösen.

Um tatsächlich aus Fehlern zu lernen, darf man sie freilich nicht achselzuckend hinnehmen - nach dem Motto: „kann passieren“ - und dann zur Tagesordnung übergehen. „Ich muß über einen Fehler erstaunt sein, ihn eingestehen und über seine Ursachen nachdenken“, sagt Wehner. Die Reflexion über das unerwartete Ereignis und deren mögliche Konsequenzen für künftiges Handeln erfordert Zeit. Im Idealfall auch einen institutionalisierten Rahmen, etwa in Form von regelmäßigen Qualitäts- oder Zwischenfall-Konferenzen. „Es geht dabei nicht darum, den Fehler des Monats auszuloben“, sagt Wehner. Ein Unternehmen sollte aber - in seinem eigenen Sinne - Interesse dafür aufbringen, auf welche Probleme seine Experten gestoßen sind. Denn, so Wehner: „Fehler sind nicht regellos oder zufällig, sondern weisen eine Tendenz zum Richtigen auf.“

Wichtig: Ein fehlerfreundliches Milieu

Damit die Mitarbeiter auch offen darüber reden, muss im Unternehmen ein „fehlerfreundliches Milieu“ vorherrschen. Meint: Wer fehlerhaft handelt - etwa weil er etwas Neues ausprobiert hat - darf keine negativen Konsequenzen erleben. Und: Prozesse müssen derart gestaltet sein, dass die Folgen von Fehlern harmlos gehalten und schnell korrigiert werden können.

Eine gute Fehlerkultur bescheinigt Wehner der Medizin. Dort sei es üblich, vor oder nach einer Operation eine gemeinsame Fallanalyse zu erstellen. Bei der Visite tauschen verschiedene Ärzte und Schwestern ihre Wahrnehmungen und Erfahrungen aus und korrigieren somit unter Umständen Fehleinschätzungen. Auch in Konstruktions- und Entwicklungsabteilungen herrsche meist eine ausgeprägte Fehlerkultur, so Wehner. Jeder Schritt wird dort auf potentielle Problemszenarien getestet, oftmals in Zusammenarbeit mit fachfremden Personen.

„Null-Fehler-Terror“

In vielen anderen Branchen regiere heutzutage hingegen ein „Null-Fehler-Terror“, gemäß der Auffassung, Prozesse ließen sich so strukturieren, dass Fehler erst gar nicht auftreten. Ein Irrglaube, der schon beinahe einen totalitären Anspruch verfolge, kritisiert Wehner. Selbst in hochsensiblen Bereichen wie Sicherheit oder Flugtechnik sei hundertprozentige Fehlerlosigkeit utopisch. „Dort muss die Frage eher lauten: Wie muss Technologie aussehen, damit der Mensch noch Fehler machen kann?“ Unternehmen, die ausschließlich darauf zielen, Fehler zu vermeiden und kein Probieren und Experimentieren zulassen, bremsen sich letztlich selbst aus, warnt Wehner: „Sie verbauen sich die Chance zum Lernen und zur Veränderung.“

Text: @ober

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