Von Birgit Obermeier
25. Juli 2008 Gehen Sie nie alleine zu Terminen bei der Bank oder dem Insolvenzverwalter. Ein gescheiterter Unternehmer sei weder emotional in der Lage, auf Augenhöhe zu verhandeln, noch werde es ihm zugestanden. Ein gescheiterter Unternehmer gehöre nicht mehr dazu. Und noch etwas gibt Karl J. Steinmayr in seinen Vorträgen den Zuhörern mit auf den Weg: Schützen Sie die eigenen vier Wände - aus Verantwortung für Ihre Familie!
Der 65-Jährige weiß, wovon er spricht, wenn er vor Unternehmern über die Dynamik des Scheiterns referiert: Sein Haus, seine Altersvorsorge, sein Lebenstraum - mit einem Mal war alles weg. Während seine Freunde darüber nachdachten, wohin die nächste Kreuzfahrt führen sollte, stand Steinmayr mit 60 Jahren vor dem Ruin. Am 30. Mai 2003, nach knapp 20 Jahren Unternehmertum, mußte er für seine IT-Firma Insolvenz anmelden. Vorangegangen war eine Verkettung aus strategischen Fehlern, marktbedingten Unwägbarkeiten, übermäßigem Optimismus und purem Pech.
Auf Großaufträge vertraut
In den ersten Jahren der Selbständigkeit lief alles rund: Der studierte Maschinenbauer und ausgebildete Programmierer, vordem bei Babcock für die Konzernorganisation verantwortlich, entwickelte Software zur Verwaltung firmeninterner Kommunikationsnetze. Die Steinmayr GmbH wuchs schnell, beschäftigte in Spitzenzeiten 50 Mitarbeiter und führte zahlreiche Stadtwerke, Universitäten und Kliniken auf der Kundenliste. Den dicksten Fisch aber zog der umtriebige Unternehmer in Form einer Entwicklungspartnerschaft mit Siemens an Land. Der Jahresumsatz schnellte damit auf über fünf Millionen Mark hoch. Weil Technologie keinen Stillstand verträgt, investierte Steinmayr in diesen fetten Jahren kräftig - über vier Millionen Mark floßen in ein neues Entwicklungszentrum und Verwaltungsgebäude. Meine Frau war damals schon dagegen, erinnert sich Steinmayr. Für die Kredite bürgte er mit seinem gesamten Privatvermögen. Ein Riesenfehler, wie er heute weiß.
Daß die Fokussierung auf wenige Großprojekte riskant ist - auch das ist im Nachhinein sonnenklar. Damals aber schien der Millionenauftrag für ein Telefon-Abrechnungssystem in Krankenhäusern höchst lukrativ. Dumm, daß die Entwicklung fast doppelt so viel Geld wie kalkuliert verschlang. Unerhört, daß der Kunde die Abnahme verweigerte, obwohl die Lösung gut funktionierte. Wir wollten mit dem Auftrag unsere eigene Entwicklungsabteilung auf Trab bringen, bekam der fassungslose Unternehmer von dem zuständigen Konzern-Manager sinngemäß zu hören. Zu vertrauensselig sei er gewesen, reflektiert Steinmayr ohne eine Spur von Selbstmitleid: Ich hätte erkennen müssen, daß mit den Großen nicht gut Kirschen essen ist.
Optimistisch ins Verderben
Der geplatzte Großauftrag war der Anfang vom Ende: Der Umsatz brach rapide ein, Mitarbeiter mußten gehen, kurze Zeit später lief die Entwicklungspartnerschaft aus. Um Kapital flüssig zu machen, überließ Steinmayr einer Babcock-Tochter ein Verwaltungsgebäude. Ein halbes Jahr später war Babcock pleite. Die Zeichen standen auf Sturm, doch der Unternehmer, der sich selbst als unerschütterlichen Optimisten charakterisiert, hoffte weiter. Seine Technologie war gut, sie würde sich über kurz oder lang schon durchsetzen. Steinmayr: Das hatte schon etwas von Realitätsverlust.
Warnrufe erhielt er in all den Jahren genug, etwa von seinem Entwicklungschef oder der zwischenzeitlich in den Betrieb eingestiegenen Tochter. Aber, so der Unternehmer: Ich war viel zu dominant, um sie zu beherzigen. Ende 2002 türmte sich der Schuldenberg auf rund 1,5 Millionen Euro, es wurde eng. Steinmayr verpflichtete teure Anwälte um einen Vergleich mit den Banken zu suchen, doch diese lehnten ab. Finito. Es blieb nur die Insolvenz.
Für den Unternehmer begann ein Alptraum: Firmengebäude und Privathaus standen zur Versteigerung. Seine Frau, zutiefst verzweifelt, warf ihm Spielermentalität vor und auch seitens der Kinder hagelte es Vorwürfe. Dazu das Gefühl, erst den Banken, dann dem Insolvenzverwalter hilflos ausgeliefert zu sein. Um da durchzukommen, muß man knochenhart sein, sagt Steinmayr rückblickend. Den Kopf hielt sich der agile 60er mit Sport frei: Gott sei Dank konnte ich nachts schlafen. Wichtiger noch: Seine Rotary-Freunde standen weiterhin zu ihm und unterstützten ihn tatkräftig: Einer ersteigerte das Firmengebäude, ein anderer das Privathaus, in dem die Familie wohnen bleiben konnte, und wieder ein anderer erwarb die Rechte an den von Steinmayr entwickelten Technologien. Von allen möglichen Seiten lieh er sich Geld für einen Neuanfang.
Neustart mit 60
Er mußte wieder auf die eigenen Füße kommen und würde es auch schaffen, daran zweifelte Steinmayr nicht: Welche Alternative hätte ich mit 60 auch gehabt? Während viele gescheiterte Unternehmer ihre Post nicht mehr öffnen und sich von ihrem sozialen Umfeld abkapseln, fuhr er quer durch die Republik um seinen Kunden zu versichern: Ich bin pleite, aber ihr bekommt weiterhin euren Service. Eine eigene Firma durfte er nach geltendem Insolvenzrecht nicht gründen. Unter dem Namen seiner Frau eröffnete nur zwei Tage nach der offiziellen Pleite die Steinmayr Net Consult. Mit einer Ausnahme waren sämtliche Kunden an Bord geblieben, ebenso ein Großteil der Mitarbeiter. Ein professioneller Interimsmanager unterstützte Steinmayr im Tagesgeschäft und bei der Weiterentwicklung seiner Technologie. Innerhalb kurzer Zeit war die neue Firma auf Wachstumskurs. Wenige Jahre später konnte sich Steinmayr geordnet, wenn auch bescheidener als einst geplant, in den Ruhestand verabschieden.
Zur Ruhe läßt ihn die Erfahrung des Scheiterns allerdings nicht kommen. Gemeinsam mit zwei Mitstreitern gründete Steinmayr einen gemeinnützigen Verein, der Unternehmer bei Krisen und Pleiten ehrenamtlich unterstützt. Die UnternehmerAllianz vermittelt fachkundige Ansprechpartner, macht auf Fallstricke aufmerksam und leistet insbesondere auch emotionalen Beistand. Die menschliche Seite des Scheiterns ist traumatisch, weiß Steinmayr. Durch Vorträge will der Verein zudem für eine Kultur der zweiten Chance sensibilisieren. In Deutschland haftet gescheiterten Unternehmern - im Jahr 2007 waren es insgesamt knapp 30.000 - ein gewißes Stigma an. Nirgendwo sonst beeinflußt die Angst vor der Pleite das Gründungsgeschehen derart negativ. Die Gesellschaft muß endlich lernen, daß Fehler notwendig sind, um voran zu kommen, sagt Steinmayr. Beispiele wie seines könnten dazu beitragen.
Text: FAZ.NET
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