Von Birgit Obermeier
09. September 2005 Karriere - das bedeutet für viele Menschen, möglichst viele Mitarbeiter unter sich zu haben. Ob sie die persönlichen Voraussetzungen an einen guten Vorgesetzten mitbringen und tatsächlich Freude am Führen von Menschen haben, wird häufig nicht hinterfragt. Hauptsache Chef, lautet die prestigegetränkte Devise. Dabei verspricht auch eine Fachkarriere komplexe und verantwortungsvolle Tätigkeiten mit der Möglichkeit zur ständigen Weiterentwicklung, so Gunnar Kunz. Der Personalberater und Coach fordert im Gespräch mit FAZ.NET ein anderes Verständnis von Karriere.
Was bedeutet Karriere für Sie?
Karriere macht in meinen Augen, wer seine individuellen Potentiale bestmöglich nutzt, indem er immer wieder neue Herausforderungen annimmt. Führung ist dabei nur eine Anforderung unter vielen und muß nicht unbedingt Personalführung bedeuten. Ebenso kann man darunter verstehen, Projekte zu leiten oder Strategien zu entwickeln. Karriere auf Personalführung zu reduzieren, ist langfristig ohnehin zu eng gedacht. Denn: Der Bedarf an Führungskräften in der Wirtschaft ist begrenzt und wird in Zukunft durch flachere Organisationsformen weiter abnehmen.
In vielen Firmen sind vorgezeichnete Karrierepfade aber immer noch mit Personalverantwortung verbunden...
Das stimmt. In Branchen wie Finanzdienstleistung, IT oder Telekommunikation aber lösen sich die klassischen Berichtswege zunehmend auf. Maßgeblich ist dort die Verantwortungshierarchie. Verantwortung tragen jene Mitarbeiter, deren fachliche Entscheidungen und Urteile große Risiken beinhalten. Beispielsweise der Controller, der Prognosen für die Geschäftsleitung vorbereitet. Macht er einen Fehler, kostet das die Firma unter Umständen mehr als der Fehler eines Abteilungsleiters mit 40 Mitarbeitern. Oder der Generalbevollmächtigte für internationales Steuerrecht in einer Versicherung: Er muß niemanden führen, trägt aber hohe Verantwortung, zählt zum obersten Führungskreis und verdient vielleicht sogar mehr als eine klassische Führungskraft.
Wird es nicht dennoch als Schwäche interpretiert, wenn jemand Personalverantwortung ablehnt?
Der Firma nützt es ja nichts, einen Mitarbeiter mit klaren Stärken im fachlichen Bereich auf eine Führungsposition zu setzen - und sich im Extremfall nach einer gewissen Zeit von ihm zu trennen. Außerdem: Wie viele Prozent der Mitarbeiter haben die Chance auf eine Top-Leitungsposition im Unternehmen? Karriere muß deshalb auch in andere Richtungen führen.
Zum Beispiel hin zum Spezialisten für anspruchsvolle Aufgaben. Welche Anforderungen an den Einzelnen stellt heute eine Fachkarriere?
Im stillen Kämmerlein wird heute kaum ein Fachmann mehr arbeiten können. Wer eine Fachkarriere verfolgt, muß nicht nur seine fachliche Fähigkeiten ständig weiter entwickeln, sondern auch produktiv mit Menschen zusammen arbeiten und entlang der gesamten Wertschöpfungskette denken können. Schließlich muß heute jede Tätigkeit kundenorientiert erfolgen. Kommunikation gewinnt daher einen hohen Stellenwert. Wenn etwa ein technischer Ingenieur einen neuen Standort im Ausland aufbaut, muß er sich mit allen möglichen Menschen absprechen - das kann sehr komplex sein. Das Bild des Fachmanns, der fast schon ein Fachidiot ist, gilt heute nicht mehr.
Besteht nicht eine gewisse Gefahr, sich mit seinem komplexen Spezialwissen in eine Sackgasse zu manövrieren?
Das kann natürlich passieren. Die Wahrscheinlichkeit, daß ich mit meinem Profil in einer anderen Firma nahtlos weiter machen kann - verbunden mit einer Gehaltserhöhung und erweitertem Verantwortungsbereich - ist in den vergangenen Jahren gesunken. Das ist aber eher ein Phänomen unserer gesamtwirtschaftlichen Lage und gilt für eine Führungskraft genauso.
Wie kann der Einzelne herausfinden, ob er besser eine Fach- oder Führungskarriere verfolgt?
Jeder hat im Laufe seines Berufslebens Rückmeldung darüber erhalten, wo seine Stärken liegen - sei es durch Kollegen, Kunden oder Vorgesetzte. Zudem sollte man sich selbst beobachten: Wie erlebe ich mich in der Arbeit im Team? Werde ich als informeller Führer gesehen? Menschen mit Führungsfähigkeiten zeigen diese häufig auch außerhalb des Berufs, etwa in Vereinen. Im Job sollte man Gelegenheiten nutzen, sich auszuprobieren - indem man etwa eine Stellvertreteraufgabe oder bestimmte Projektaufgaben übernimmt. Allerdings: Projektpläne erstellen, Termine koordinieren oder eine Arbeitsgruppe moderieren ist immer noch etwas anderes, als eine Abmahnung zu schreiben.
Wer sollte von vornherein besser keine Führungsaufgabe übernehmen?
Menschen, denen es nicht liegt, zu delegieren, Ziele zu vereinbaren und auch mal kritische Gespräche zu führen. Eine Führungsaufgabe ist zwar verheißungsvoll, Status und Gehalt befriedigen aber nur kurze Zeit, wenn man die Leistung nicht bringt. Der vermeintliche Aufstieg kann letztlich auch ein zurück bedeuten. Statt verlockende Angebote vorschnell anzunehmen, sollte man lieber auf seine innere Stimme hören und herausfinden, was einem wirklich liegt. Diese Stärken gilt es auszubauen.
Buchtip: Gunnar C. Kunz: Fachkarriere oder Führungsposition. Campus Verlag, 24,90 €, ISBN 3-593-37791-8
Text: rwi
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