Karrieresprung

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Karrieresprung

Forschung, Lehre und Familie

Von Birgit Obermeier

20. Juni 2008 Vormittags die Vorlesung, danach Sprechstunden, Seminare, Sitzungen, hier und da ein Kongress, oft im Ausland - und stets zu wenig Zeit, all das zu lesen, zu erforschen und zu publizieren, was die Fachgemeinde bewegt oder vorantreiben würde. Andrea Abele-Brehm, Professorin für Sozialpsychologie an der Universität Erlangen-Nürnberg, erweitert dieses straffe Programm um zwei Kinder. Als das erste zur Welt kam, war sie 35 und schon mit einer C3-Professur im Wissenschaftsbetrieb etabliert. Sie verdiente genug, um unmittelbar nach dem Mutterschutz eine Kinderfrau zu engagieren. Ihrem Mann, ebenfalls Wissenschaftler, und ihr war klar: Jeder verfolgt seine Karriere weiter, Abstriche beim Familienleben werden billigend in Kauf genommen. Auch wenn zwischendurch immer mal wieder leise Zweifel auftraten: Abele-Brehm betrachtet die ihre als „Idealgeschichte“ zur Vereinbarkeit von Wissen- und Mutterschaft.

Frauen, die die formal und finanziell abgesicherte Sphäre einer Professur noch nicht erreicht haben, tun sich dabei oft schwerer. Petra Gelhaus, Wissenschaftlerin am Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Universität Münster, musste ihre Tochter mangels Krippenplatz anfangs an die Uni mitnehmen. Ihr größtes Handicap seither: „Regelmäßige Zeiten für die quasi künstlerische Tätigkeit wissenschaftlicher Arbeit zu finden, die einerseits Konzentration erfordert, andererseits aber nicht notwendigerweise an eine bestimmte Uhrzeit gebunden ist.“ Marion Hulverscheidt, ebenfalls Medizinerin, wurde in der Endphase ihrer Dissertation schwanger. Als ihr Stipendium kurz darauf auslief, war sie als Alleinerziehende auf Sozialhilfe angewiesen. Dass sie ihren Weg als Wissenschaftlerin weiter verfolgen konnte, verdankte sie neben ihrem unbedingten Willen und viel Pragmatismus einem verständnisvollen Chef, der ihr eine Vollzeitstelle mit freier Zeiteinteilung zugestand.

Zeitdruck durch befristete Stellen

Kinder und Karriere - was für Frauen ohnehin oft ein Spagat ist, wird im Wissenschaftsbetrieb zusätzlich um ein paar strukturelle Besonderheiten erschwert. Während der Qualifikationsphase, die im Prinzip bis zur Professur dauert, sind die meisten Stellen zeitlich auf wenige Jahre befristet. Um Mutterschutz- oder Elternzeiten werden sie nur in den seltensten Fällen verlängert. Oftmals handelt es sich ohnehin nur um halbe Stellen, die größtenteils mit Lehrverpflichtungen ausgefüllt sind. Die eigentliche Qualifizierungsarbeit ist on top zu erledigen. Wer die für seine Promotion oder Habilitation vertraglich vorgegebene Zeit nicht einhält, hat Pech gehabt. Hinzu kommt ein enormer Druck, eigene Forschungsergebnisse in namhaften wissenschaftlichen Publikationen zu veröffentlichen und auf internationalen Fachkongressen zu präsentieren. Profilierung tut Not, die Zahl der Professuren ist begrenzt.

Viele fähige Forscherinnen können oder wollen diesen Kraftakt nicht leisten - zumal sie selten einen Partner an ihrer Seite haben, der ihnen in dieser „Rushhour of Life“ den Rücken freihält. Während noch jeder zweite Hochschulabsolvent weiblich ist, sinkt der Frauenanteil unter den Promovenden auf 41 Prozent und danach drastisch auf 22 Prozent bei den Habilitanden und 15 Prozent bei den Professoren. Mitverantwortlich dafür sei auch die elterliche und schulische Erziehung zu bescheidenen und angepassten Mädchen, die es verlernen, auf ihre Leistungsfähigkeit zu vertrauen, sagt Hildegard Macha, Professorin für Pädagogik und Erwachsenenbildung an der Universität Augsburg und profilierte Gender-Forscherin. Aber eben auch die wenig familiengerechten Arbeitsbedingungen im Hochschulbetrieb.

Familienfreundlichkeit als Standortfaktor

Diese zu verbessern, hat sich die Robert Bosch-Stiftung mit ihrem Wettbewerb „Familie in der Hochschule“ vorgenommen. Die Hertie-Stiftung wiederum hat in Anlehnung an ihr in der Wirtschaft etabliertes Audit Beruf+Familie ein Pendant für den Wissenschaftsbetrieb entwickelt. Dort herrschten andere Entscheidungsstrukturen, begründet Stefan Becker, Geschäftsführer der Beruf und Familie gGmbH: „Arbeitsbedingungen werden meist nicht zentral, sondern an den Lehrstühlen festgelegt - das macht die Umsetzung schwieriger.“

Insgesamt 45 Hochschulen haben sich seit 2004 zertifizieren lassen. Im Zuge der Hochschulreform könnte Familienfreundlichkeit mittelfristig schließlich ein Standortfaktor werden. „Bereits jetzt macht sich das Audit gut in Förderanträgen für Drittmittelprojekte“, sagt Becker. Die zentralen Herausforderungen der Hochschulen lauten für ihn: Wie gut gelingt es, qualifizierte Wissenschaftler zu halten und zu gewinnen - auch aus dem Ausland, wo oft eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie gegeben ist? Und: Wie läßt sich beim Verwaltungspersonal mit seinem vergleichsweise hohen Altersdurchschnitt das Thema Pflege mit dem Berufsalltag verbinden?

Anreize für Wissenschaftspaare

An Lösungsvorschlägen mangelt es der Beruf und Familie gGmbH nicht. Zur Verbesserung der Work-Life-Balance von Wissenschaftlern empfiehlt sie Jobsharing-Modelle für Professoren oder familiengerechte Gremientermine. Programme, die Wissenschaftlerpaaren zwei Karrieren an einem Standort ermöglichen, könnten diesen nicht nur die verbreitete, zeitraubende Pendelei ersparen, sondern sie auch langfristig an die Hochschule binden. Die Universität des Saarlandes lockte mit ihrem „Dual Career Couples Programm“ schon Forscher von renommierten deutschen Instituten und aus dem Ausland in die Provinz. Die Philipps-Universität Münster plant ein ähnliches Programm. In den Stellenausschreibungen heißt es schon jetzt: „Bewerber und Bewerberinnen mit Kindern sind willkommen - die Philipps-Universität bekennt sich zum Ziel der familiengerechten Hochschule“.

Vorbildlich bei familienspezifischen Services agiert die RWTH Aachen: In ihrem Eltern-Service-Büro berät sie (werdende) Eltern zu Mutterschutz und Elternzeit und unterstützt bei der Suche nach einer geeigneten Kinderbetreuung. Letzteres ist für Frauen zentral, um rasch wieder in den schnelllebigen Wissenschaftsbetrieb einzusteigen - kostengünstig und zeitlich flexibel aber insbesondere für die unter Dreijährigen schwer zu finden. Wie es gehen kann, zeigt die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg: Sie unterhält in Campusnähe zwei Kitas für Mitarbeiterkinder zwischen zwei Monaten und sechs Jahren, bietet einen Notfallservice sowie Betreuung während der Ferien und - für Gastwissenschaftler - bei Kongressen oder Tagungen. Ein Teil der Mittel stammt vom Land Baden-Württemberg, das seine Hochschulen bis 2012 mit über 7,5 Millionen Euro beim Ausbau der Kinderbetreuung unterstützen will. Die Universität Heidelberg selbst legte ein Mehrfaches drauf.

Am schwierigsten ist es freilich, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in den Köpfen der Wissenschaftler zu verankern, die vielfach noch dem Bild des selbstlosen, „berufenen“ Forschers anhängen. Familiengerechtes Führen sei „kein Thema, mit dem man große Früchte ernten kann“, gesteht Bettina Schweizer, Projektleiterin der Arbeitsstelle Chancengleichheit an der Universität Bremen. Immerhin: „Neu berufene und Juniorprofessoren haben weniger Berührungsängste.“ Vielleicht, weil sie sich auch noch zur Elternschaft berufen sehen.



Buchtitel: Nikola Biller-Andorno u.a. (Hg.): Karriere und Kind - Erfahrungsberichte von Wissenschaftlerinnen. Campus Verlag, 2005. 24,90 Euro. ISBN 3-593-37713-6

Text: FAZ.NET

 
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