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Mutige Migranten

Von Birgit Obermeier

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03. März 2007 1001 Naht - der Name des kleinen Maßateliers in einer bürgerlichen Offenbacher Gegend klingt nach einem erfüllten Traum. Es ist Yasemin Sönmez' Traum von der Selbständigkeit. Seit knapp drei Jahren entwirft die 31-jährige Schneidermeisterin aus edlen Stoffen Unikate für betuchte Kundinnen. Die ersten gewann sie durch ihr hübsch dekoriertes Schaufenster, die nächsten kamen auf Empfehlung, manche auch von auswärts. Eine erfolgreiche Gründung.

Von ihrem handwerklichen Können war die junge Türkin überzeugt. Den nötigen Ehrgeiz für die Selbständigkeit brachte sie auch mit. Geboren in Frankfurt, aufgewachsen in der Türkei, kehrte sie als 13-jährige mit ihren Eltern zurück nach Deutschland. „Ich musste bei Null anfangen“, erzählt Sönmez, deutsch sprach sie nicht. Nach ihrer Schneiderlehre sattelte sie eine kaufmännische Ausbildung obendrauf. Weil sie jedoch weiterhin von der Mode träumte, absolvierte sie auch noch die Meisterschule. Als ihre frühere Chefin ihr Atelier kündigte, zögerte die junge Frau nicht lange: „Das war für mich bestimmt. Ich hatte zwar keine Kunden, aber auch nichts zu verlieren.“

Unterstützt von ihrem Mann investierte sie ihr Erspartes in den Laden, die Familie half drei Monate lang beim Renovieren. Öffentliche Fördermittel nahm Sönmez nur für die Beschäftigung einer Auszubildenden in Anspruch. Für ihren Mut wurde sie vergangenes Jahr mit dem Hessischen Gründerpreis ausgezeichnet.

Mehr Mut zum Risiko

Ausländer, eingebürgerte deutsche Staatsangehörige, Spätaussiedler, Kinder mit mindestens einem nicht-deutschen Elternteil: Fast jeder fünfte Einwohner - insgesamt 14 Millionen Menschen - hat hierzulande einen Migrationshintergrund. Welche Rolle diese Gruppe im deutschen Gründungsgeschehen spielt, ist wissenschaftlich kaum untersucht. Als sicher aber gilt: „Gemessen an der Zahl der Erwerbstätigen ist die Gründungsneigung bei Migranten höher als bei Deutschen“, so Margarita Tchouvakhina, Direktorin der Volkswirtschaftlichen Abteilung der KfW Bankengruppe.

Und: Sie ist in den vergangenen Jahren überproportional stark gestiegen. Während die Zahl der selbständigen Deutschen seit 1991 um 30 Prozent zugenommen hat, verdoppelte sich die der selbständigen Ausländer im selben Zeitraum, ermittelte das Statistische Bundesamt in seinem Mikrozensus. Als Ausländer gelten dort Einwohner, die nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen.

Der Mut der Migranten gründet allerdings häufig auf der Not, so das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) der Universität Mannheim in einer Analyse. In den vergangenen Jahren sind die Beschäftigungschancen insgesamt gesunken. Und: Der Anstieg der Selbständigenquote unter Migranten geht einher mit einer überproportional großen Zahl an Unternehmensschließungen.

Gastronomie und Handel dominieren

In ihrer Struktur unterscheiden sich Gründungen von Migranten und Deutschen: Erstere sind seltener auf den Nebenerwerb ausgerichtet und stark auf die wettbewerbs- und arbeitsintensiven Branchen Gastgewerbe und Handel konzentriert. Bei unternehmensnahen und freiberuflichen Dienstleistungen herrsche hingegen eine „beachtliche Unterrepräsentation“, so die IfM-Studie. Ein Grund dafür ist, dass Kammern und Berufsverbände im Ausland erworbene Berufsabschlüsse häufig nicht anerkennen. Zudem liegt das Bildungsniveau ausländischer Selbständiger deutlich unter dem der deutschen.

Letzteres aber wird sich ändern. Auch die Söhne und Töchter von Einwanderern besuchen heute Hochschulen. Stärker noch steigt die Zahl der so genannten Bildungsausländer - ausländische Absolventen, die zum Studieren nach Deutschland kommen. Und danach vielleicht bleiben. Durch das steigende Qualifikationsniveau sei künftig verstärkt mit innovativen Gründungen von Migranten zu rechnen, glaubt KfW-Direktorin Tchouvakhina. Neben Sprachkenntnissen und interkultureller Kompetenz brächten diese einen weiteren Trumpf mit: „Sie haben kein Scheu, in neue Märkte zu gehen.“

Spezifische Beratungsangebote nötig

Entscheidend für den Erfolg einer Gründung - ganz gleich in welcher Branche - ist eine solide Vorbereitung. Daran mangelt es vielen deutschen Gründern, mehr aber noch jenen mit Migrationshintergrund. Die wenigstens haben einen Business Plan erstellt oder eine Gründungsberatung aufgesucht, so die IfM-Studie. Formalitäten und gesetzlichen Auflagen sind vielen Migranten unbekannt, ebenso das Angebot an staatlichen Fördermitteln.

Um das Gründungspotential unter Migranten besser auszuschöpfen und gleichzeitig das Risiko des Scheiterns zu minimieren, sind niederschwellige und zielgruppenspezifischere Beratungsangebote nötig, fordern Experten. Bisweilen genügen einfache Maßnahmen, etwa ein Flyer mit Überschriften in verschiedenen Sprachen. „Das macht deutlich, dass es sich nicht um ein Angebot von Deutschen für Deutsche handelt“, erklärt die Sozialwissenschaftlerin Andrea Nispel. Gründungsberater sollten für ihre möglichen Vorurteile sensibilisiert werden. Und: „Sie müssen Multiplikatoren aus der jeweiligen Community einbinden“, so Nispel. In Städten wie Köln, Berlin, Mannheim oder Hannover gibt es entsprechende Beratungsstellen bereits, längst aber nicht flächendeckend.

Beratung sei wichtig, bestätigt Schneidermeisterin Yasemin Sönmez. Dank ihrer perfekten Deutschkenntnisse nutzte sie jedoch kein auf Migranten zugeschnittenes Angebot. Vor Klischees war sie dennoch nicht gefeit. Ihr Atelier war kaum eröffnet, das Schaufenster zierten ein modernes Logo, außergewöhnliche Mode und ihr Name. Da kamen auch schon die ersten Kundinnen und wollten: Änderungen - wie sie ein türkischer Schneiderbetrieb nun mal bietet. „Es war hart abzusagen, schließlich hätte ich anfangs jeden Cent gebrauchen können“, gesteht Sönmez. „Aber ich dachte: Wenn ich mit Änderungsarbeiten anfange, lande ich auch dort.“ Ihr konsequentes Festhalten an ihrer Geschäftsidee hat sich gelohnt.

Text: FAZ.NET

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