Von Herta Paulus
16. Mai 2008 Die Urlaubszeit steht vor der Tür. Und pünktlich dazu schlägt die norddeutsche Industrie und Handelskammer Alarm. Der Bildungsurlaub soll reformiert werden, so ihre Forderung. Zu viel Missbrauch würde damit getrieben, zu viele Angebote mit eindeutigem Sport- und Freizeitcharakter - etwa Flüsse erkunden mit dem Paddelboot oder Besuche der Arena Auf Schalke - landeten auf den Schreibtischen der von ihr vertretenen 650.000 norddeutschen Unternehmen.
Die bis zu zehn Tage, die innerhalb von zwei Jahren für Bildungsurlaub frei genommen werden können, sollten künftig auf fünf Tage begrenzt werden, die Arbeitnehmer für die Hälfte der Kursdauer ihre freien Tage einbringen. Zudem soll in Betrieben mit bis zu 50 Mitarbeitern eine betriebliche Weiterbildung auf den Bildungsurlaub angerechnet werden können, so die Forderungen der IHK Nord.
Privatvergnügen Weiterbildung
Neu ist das Ansinnen nicht, während der schönsten Wochen des Jahres englische Vokabeln oder neue Bilanzierungsregeln zu pauken oder sich in Excel fit zu machen, statt faul am Strand zu liegen. So sorgte die von DIHK-Geschäftsführer Martin Wansleben im letztjährigen Sommerloch vorgetragene Forderung, die deutschen Arbeitnehmer sollten mehr Ferien- und Freizeit in ihre Weiterbildung investieren für reichlich Schlagzeilen und heftigen Schlagabtausch. Weiterbildung sei kein Privatvergnügen konterte etwa SPD-Bildungsexpertin Ulla Burchard. Die Zahlen belegen allerdings etwas anderes. Die Kosten für ihre Weiterbildung tragen die Arbeitnehmer immer öfter selbst. Wie auch in den sozialen Sicherungssystemen wird die Finanzierung zunehmend Privatsache, stellt das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE) in seiner Trendanalyse 2008 fest.
Auf knapp 40 Prozent, mithin 13,9 Milliarden Euro, schätzt das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) den Anteil der privaten Haushalte an den insgesamt 35 Milliarden Euro, die jährlich für berufliche Qualifizierungsmaßnahmen ausgegeben werden. Nach Berechnungen des DIE tragen seit 2002 die Individuen vor den Betrieben die größte Ausgabenlast. Rechnet man allerdings die indirekten Kosten wie Lohnfortzahlungen hinzu, sind die Betriebe nach wie vor Spitzenreiter bei der Weiterbildungsfinanzierung. Nur: Während die individuelle Ausgaben- und Bildungsbereitschaft steigt - so nahmen nach einer Repräsentativerhebung des Bundesbildungsministeriums in 2007 mit 43 Prozent zwei Prozent mehr Menschen an Weiterbildungsmaßnahmen teil als in 2003 - geht das Engagement der Betriebe zurück.
Engagement der Betriebe rückläufig
Deutlich macht dies die dritte europäische Erhebung zur betrieblichen Weiterbildung (Continuing Vocational Training Survey - CVTS 3). Lehrgänge, Seminare und andere Maßnahmen gab es im Jahr 2005 nur noch in 69 Prozent der Betriebe, ein Rückgang von 6 Prozent gegenüber der letzten Erhebung im Jahr 1999. Wurden damals noch 32 von 100 Arbeitnehmern von ihren Unternehmen weitergebildet, waren es 2005 nur noch 30. Gespart wurde auch bei den Ausgaben. Um knapp ein Viertel auf 237 Euro je Beschäftigten sanken die direkten Kosten für Weiterbildungskurse bei unveränderter Zahl der durchschnittlichen Weiterbildungsstunden gegenüber dem Vergleichsjahr.
Selbst bei den Ingenieuren und Fachkräften, mithin da, wo es laut Wirtschaftsverbänden am stärksten brennt, wird wenig in Weiterbildung investiert. So ist die Zahl der Weiterbildungstage von sechs Tagen im Jahr 2005 auf acht Tage im Jahr 2007 zwar leicht angestiegen, so eine Studie des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI). Allerdings entsprachen die angebotenen Maßnahmen selten den Erwartungen. Die Weiterbildungsmaßnahmen sind nicht zielgerichtet, weder im Hinblick auf die fachlichen Anforderungen der unterschiedlichen Beschäftigungsbereiche noch auf die neben der Fachkompetenz benötigten (sozialen, persönlichen, methodischen) Qualifikationen, heißt es in der VDI-Studie.
Privatinitiative erwünscht
Bildungspolitisch brisant findet denn auch BIBB-Mitarbeiter Bernd Käpplinger das rückläufige Qualifizierungsengagement der Unternehmen. Seine These: Den Unternehmen gelingt es teilweise, ihre Weiterbildungsbeteiligung auf den Staat oder die Beschäftigten abzuwälzen.
So gaben nach einer im Januar durchgeführten Forsa-Studie nur 22 Prozent der befragten Personalchefs an, dass ihr internes Weiterbildungsprogramm ausreichend und deshalb zusätzliche private Fortbildung seitens der Mitarbeiter unnötig sei. Bei fast drei Viertel hieß es: Privatinitiative erwünscht und meist auch gefördert, sei es durch die Übernahme von Kursgebühren, durch zusätzliche Urlaubstage oder durch Bonuszahlungen bei erfolgreichem Abschluss.
Hoffnungsträger Bildungssparen
Auf Eigeninitiative setzt auch die von der Bundesregierung jüngst beschlossene Bildungsprämie, mit der vor allem Arbeitnehmer mit geringem Einkommen zu mehr Weiterbildung motiviert werden sollen. Ab Oktober können Arbeitnehmer mit höchstens 17.900 Euro zu versteuerndem Jahreseinkommen (Ehepaare: 35.800 Euro) eine Bildungsprämie von jährlich 154 Euro erhalten. Voraussetzung ist allerdings, dass der Arbeitnehmer einen Eigenbeitrag in mindestens gleicher Höhe zahlt. Geplant sind zudem einkommensunabhängige, zinsgünstige Weiterbildungs-Darlehen durch die KfW-Bank sowie eine Änderung des Vermögensbildungsgesetzes. Hier soll es möglich sein, Geld aus dem Ansparguthaben bereits vor Ende der siebenjährigen Bindungsfrist zu entnehmen, ohne dass die Arbeitnehmersparzulage entfällt.
Ob das Bildungssparen wie von der Regierung erhofft zum Renner wird, muss sich noch zeigen. Der in den 70er und 80er Jahren eingeführte Bildungsurlaub - auch damals existierte schon die Idee vom lebenslangen Lernen - hat dies definitiv nicht geschafft. Der gesetzlich verankerte, individuelle Rechtsanspruch hat sich mit Blick auf eine Erhöhung der Weiterbildungsteilnahme als quantitativ wenig wirksam erwiesen, heißt es in der DIE-Trendanalyse 2008. So beträgt die Teilnahmequote in den Flächenstaaten zwischen 0,1 und 1,1 Prozent, in den Stadtstaaten liegt sie bei rund drei Prozent. Die Gründe für die geringe Beteiligungsquote sehen die DIE-Experten zum einen in der rigiden Freistellungspraxis seitens der Unternehmen, der gestiegenen Teilnahmekosten aufgrund der rückläufigen öffentlichen Förderung sowie der Angst um den Arbeitsplatz und zunehmend prekärer Beschäftigungsverhältnisse.
Text: FAZ.NET
Kommentar: Über die zweite ![]()
Kabinett beschließt Steuersenkungen in Milliardenhöhe
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