Karrieresprung

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Karrieresprung: Social Entrepreneurs (4)

Mutmacher für Männer

Von Birgit Obermeier

07. April 2008 Willkommen in der Informationswüste. Als Volker Baisch vor sieben Jahren zum ersten Mal Vater wurde und überlegte, seine neue Rolle eine Zeit lang in Vollzeit auszufüllen, stand er mit seinen Fragen allein auf weiter Flur: Wie sage ich es dem Chef? Mit welchen Reaktionen, auch seitens der Kollegen, muss ich rechnen? Und wie geht es nach der Auszeit weiter?

Kompetente Berater waren ebenso wenig zu finden wie Vorbilder. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf war damals - stärker noch als heute - ein reines Frauenproblem, Vatersein auf den Feierabend beschränkt. Baisch wagte den Schritt dennoch und hängte seinen Job als pädagogischer Leiter einer Jugendbildungseinrichtung für ein Jahr an den Nagel. Auch, um seiner Frau den beruflichen Wiedereinstieg zu ermöglichen.

Die ersten Wochen zu Hause waren für ihn ein „Kulturschock“, sagt Baisch: Keine Termine, keine Meetings. Und ob auf dem Spielplatz oder beim Kinderarzt - stets war er der einzige Mann. Vernetzung tut Not - das war seine Erkenntnis. Per Anzeige machte sich Baisch auf die Suche nach anderen aktiven Vätern, „vom Wohnzimmer aus“ akquirierte er Mittel für eine Online-Plattform, auf der sie sich austauschen und informieren können. Für sein Projekt verfolgte der diplomierte Sozialwirt von Anfang an eine langfristige Perspektive: „Ich wollte das nicht ehrenamtlich machen, sondern irgendwann davon leben können.“ Mit Unterstützung der Hertie-Stiftung und des Hamburger Senats startete er 2001 die Plattform Vaeter.de.

Orte für Vater und Kind

Zwei Jahre später folgte der Schritt in die reale Welt - mit einem Väterzentrum im Hamburger Stadtteil Altona. Hier können sich (werdende) Väter in Vorträgen und Workshops umfassend über ihre neue Lebenswelt informieren: Womit sie im Kreißsaal rechnen müssen, wie Babymassage funktioniert, mit welchen väterlichen Qualitäten sie das Selbstbewusstsein ihrer Kinder stärken und wie sie ihnen Grenzen setzen können. Der reine Austausch, den Mütter gerne pflegen, sei Männern kein vordringliches Bedürfnis, weiß Baisch. „Väter brauchen Orte, an denen sie gemeinsam mit ihren Kindern etwas erleben können.“ Das Angebot im Väterzentrum reicht vom Vater-Kind-Klettern über gemeinsames Drachenbauen bis hin zum zweitägigen Wildnis-Training.

Insbesondere aber, sagt Baisch, benötigen Männer Klarheit in der Frage: Was ist mir wichtig im Leben? Und wie geht das alles zusammen? „Männer sind sich oft nicht bewusst, welch einschneidende Veränderung ein Baby mit sich bringt - auch für die Partnerschaft.“ Mit ihrer lockeren Ich-lass-das-mal-auf-mich-zukommen-Einstellung landen sie dann recht unsanft in der Wirklichkeit zu dritt, die plötzlich ganz neue Fragen aufwirft: Wer steht nachts zum wiederholten Mal auf um das weinende Baby im Arm zu wiegen? Wer badet, wickelt, füttert es? Und kratzt anschließend den verschmähten Karottenbrei von der Wand? „Unengagierte Väter sind heute der Grund für viele Trennungen“, weiß Baisch, der in seinem Väterzentrum auch Beratung für zerstrittene und getrennte Paare anbietet. Er hält es für „enorm wichtig, vor der Geburt die neue Rollenverteilung zu besprechen.“

Reduzierte Arbeitszeiten - für beide Elternteile

Dazu gehört auch die Frage: Wer steigt beruflich wie lange und in welchem Umfang aus? Nach Baischs Ideal handeln Elternpaare das individuell aus. Er selbst arbeitet heute 30 Wochenstunden, seine Frau ebenfalls, ihre mittlerweile zwei Töchter betreuen sie gemeinschaftlich. Die meisten Paare aber sind in diesem Punkt auf das Wohlwollen ihrer Arbeitgeber angewiesen. Um diese zu überzeugen, auch Vätern Aus- oder reduzierte Arbeitszeiten zu gewähren, gründete Baisch vor drei Jahren gemeinsam mit zwei Partnern die Unternehmensberatung „Dads - Väter in Balance“. Sie unterstützt Personalverantwortliche bei der Umsetzung väterfreundlicher Maßnahmen - angefangen von Teilzeitmodellen über Informations-Workshops und bis hin zu Freizeitangeboten für Vater und Kind.

Bei seinem Vorhaben, den gesellschaftlichen Wandel in die Unternehmen zu tragen, wird Baisch von Ashoka unterstützt. Die 1980 von einem ehemaligen McKinsey-Berater gegründete internationale Organisation fördert weltweit soziales Unternehmertum. Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus zählt zum erlesenen Kreis der „Ashoka Fellows“, seit vergangenem Jahr auch Volker Baisch - als einer von aktuell 13 deutschen Social Entrepreneurs. Ashoka gewährt dem Familienvater ein dreijähriges Stipendium, das seinen Lebensunterhalt deckt und stellt ihm Coaches zur Seite, die ihn in unternehmerischen und Rechtsfragen beraten. „Das ist äußerst hilfreich“, sagt Baisch. Er weiß: „Viele Initiativen scheitern am Schritt zur Professionalisierung.“ Mit der Unterstützung von Ashoka will er nun bundesweit Anlaufstellen für Väter aufbauen.

Immer mehr aktive Väter

Das politische und gesellschaftliche Klima hat sich in den vergangenen Jahren deutlich zugunsten einer aktiven Vaterschaft gewandelt. Großzügiges Elterngeld und zusätzliche Betreuungsmonate für Väter sorgten dafür, dass 2007 schon jeder zehnte Antrag auf Elterngeld von einem Mann gestellt wurde. Die Frankfurter Soziologen Andrea Bambey und Hans-Walter Gumbinger beobachten einen Rollenwandel vom reinen Versorger zum „egalitären Vater“, der sich selbst als partnerschaftlich, geduldig und dem Kind zugewandt wahrnimmt. Mehr als jeder vierte Vater zähle schon zu diesem Typus.

Diese Väter seien mittelfristig auch bereit, in Elternzeit zu gehen, glaubt Baisch. Die Unternehmen zeigten sich in Umfragen offen, tatsächlich aber plage sie die Sorge, wie das zu organisieren sei. „Es braucht schon Mut“, räumt Baisch ein. Auf offene Ohren in punkto väterfreundliche Arbeitswelt stößt er gegenwärtig am ehesten bei technisch orientierten Großunternehmen, die Spitzenkräfte anziehen und halten wollen. Aber auch sie wagen sich über individuelle Lösungsansätze derzeit noch nicht hinaus.

Das Rollenbild vom - nicht nur beruflich - engagierten Papa ist schließlich noch jung und muss sich erst in den Köpfen verankern. Das ist auch eine Kommunikationsaufgabe. „Männer brauchen Vorbilder, möglichst auch aus der Führungsetage“, sagt Baisch. Der Sozialunternehmer denkt darüber nach, einen Preis für das „Väterfreundlichste Unternehmen“ auszuloben. Ein wichtiges Kriterium hat er schon parat: „Schluss mit der unsinnigen Anwesenheitskultur.“



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Vaeter.de

 
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