Karrieresprung

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Karrieresprung

Überstunden sind gratis

Von Julia Andert

28. September 2007 Er steigt in ein Auto ein und sofort fallen ihm tausend Dinge auf, die verbesserungswürdig sind. Der Türgriff ist nicht sauber verarbeitet oder der Fensterheber hat eine unpraktische Form. Alexander Brecht* interessiert sich für die Verarbeitung und die Technik von Autos. Der junge Ingenieur arbeitet seit zwei Jahren für ein Unternehmen der Magna-Gruppe, einem großen Automobilzulieferer, als Projektleiter. Die Anforderungen an junge Ingenieure sind gewachsen: Mit Menschen umgehen soll er können, fachlich kompetent muss er sein, mal eben schnell nach Italien oder London fliegen und sich auf der ganzen Welt verständigen können.

Klaus Winkler* erwartet viel Engagement von seinen jungen Mitarbeitern. Der 54-jährige Maschinenbauingenieur arbeitet als Mitglied der Geschäftsführung in einem Ingenieurbüro. Heute ist er leitender Konstrukteur für Industrieanlagen der Chemie- und Pharmabranche. Als Berufsanfänger war er für Monate auf mexikanischen und schwedischen Baustellen und hat viel von Land und Leuten gesehen. Abends auf der Baustelle wurde mit einheimischen Arbeitern der Feierabend begossen und „die Verständigung funktionierte mit Händen und Füßen“, erinnert er sich.

Früher Sightseeing, heute Billigflieger

Winkler und Brecht sind Maschinenbauingenieure, der eine seit 32 Jahren im Geschäft, der andere seit zwei Jahren. Winkler hat sich vom Gruppen- und Hauptgruppenleiter zu Beginn seiner Laufbahn über den Projekt-, Bereichs- und Konstruktionsleiter hinauf in die Chefetage gearbeitet. Er plant Chemiefabriken, Brecht entwickelt Systemkomponenten für Fahrzeugtüren.

„Heutzutage fliegen wir mit Billigfliegern zu Geschäftsterminen“, erzählt Brecht, „frühmorgens hin und spätabends zurück“. Winkler flog Lufthansa. „Für privates Sightseeing ist heute keine Zeit mehr“, weiß er. Früher da habe man die Zwischenlandung auch mal in eine Stadt verlegt, die einen interessierte. „Da sah man etwas von der Welt“, erzählt er.

Glück und Veränderung

Sein Berufseinstieg klappte 1975 reibungslos. Er bewarb sich auf Zeitungsannoncen und hatte Glück. Winkler rief ein Ingenieurbüro im Rhein-Main-Gebiet an und fuhr tags darauf zu einem Gespräch dorthin. Noch am selben Tag fing er an zu arbeiten. Doch so viel Glück hatten nicht viele. Mitte der siebziger Jahre, während der Ölkrise, stellten wenige Unternehmen neue Mitarbeiter ein. Deutschland befand sich in einer Rezession und die Wirtschaft lahmte. 25 Jahre war Winkler seinem Arbeitgeber treu, dann kündigte er, weil er keine Zukunft für das Unternehmen sah. „Sechs Tage nach meinem letzten Arbeitstag hat das Ingenieurbüro Insolvenz angemeldet. Das war bitter“, erzählt er.

„Das Berufsfeld hat sich in den vergangenen 30 Jahren stark verändert“, sagt Winkler, „in den siebziger Jahren bauten wir Atomanlagen, in den Achtzigern waren es wegen neuer Emissionsgesetze Rauchgasreinigungsanlagen und die Neunziger waren magere Jahre, da passierte wenig.“Heute ginge es im Anlagenbau hauptsächlich um Energietechnik und chemische Anlagen für den internationalen Markt, vor allem für Asien, berichtet er. „In 20 Jahren brauchen die unsere Rauchgasreinigungsanlagen aus den Achtzigern“, schätzt er die Zukunft ein.

Über den Tellerrand hinaus schauen

Von zweieinhalb Millionen Akademikern heute sind gut 500.000 Ingenieure. Die Maschinenbauer bilden mit knapp 111.000 die zweitgrößte Gruppe unter ihnen, nach den 127.000 Elektrotechnikingenieuren. Sie sind aktuell eine der gefragtesten Berufsgruppen. Die Bundesagentur für Arbeit verzeichnete 2006 ein Stellenplus von 5,1 Prozent für sie im Vergleich zum Vorjahr. Es gab 16.818 offene Stellen, davon waren nur 9,4 Prozent befristet. Das ist vergleichsweise wenig. Bei den Naturwissenschaftlern beispielsweise sind 43,5 Prozent der Stellen befristet.

Brecht ist überzeugt: „Die fachlichen Fähigkeiten, die bringt jeder mit, aber darüber hinaus gibt es Unterschiede“. Er selbst sammelte zum Beispiel Pluspunkte bei den Kollegen, indem er einen gemeinschaftlichen Büro-Obstkorb einführte. So entwickelte sich Gemeinschaftssinn. Diese Art von Engagement sorgt für ein gutes Arbeitsklima und zeigt, was mit Soft Skills gemeint ist: nämlich über den Tellerrand hinaus schauen und das Wohl der anderen im Blick haben.

Das Erfolgsrezept

Der Vorteil eines Jobs, den man gerne macht, sei das Engagement, mit dem man seine Arbeit erledigt, erklärt er. „Ich kann motiviert sein, Geld zu verdienen, oder ich bin motiviert, weil ich mir keinen besseren Arbeitsplatz für mich vorstellen kann. Das ist der Unterschied.“ Brecht nimmt die zweite Möglichkeit für sich in Anspruch. „Überstunden, die sind gratis“, lacht er und beschreibt gleichzeitig sein Erfolgsrezept. Die Anforderungen, die heute an Berufeinsteiger gestellt werden, seien machbar, behauptet Brecht. Er schrieb 13 Bewerbungen und landete einen Volltreffer, wie er sagt.

Die Jobaussichten für Maschinenbauingenieure sind auch weiterhin, zwei Jahre nach Brechts Berufseinstieg, sehr gut. Bisher waren die Prognosen der Wirtschaftsinstitute für 2007 gut. Trotz der Finanzkrise äußern sich Experten noch immer vorsichtig optimistisch.

Ein guter Rat

Wie in allen Berufen, wird auch bei den Maschinenbauern ein Unterschied zwischen FH- und Uni-Absolventen gemacht. Ein FH-Absolvent bekommt laut Verband Deutscher Ingenieure (VDI) im Maschinenbau als Einstiegsgehalt zwischen 33.000 und 41.400 Euro brutto im Jahr. Kollegen von der Uni verdienen zwischen 35.000 und 43.000 Euro. Vergleicht man die Ingenieure des Maschinenbaus mit denen des Anlagenbaus, gibt es laut der Gehaltsstudie des VDI keine großen Unterschiede. Die Erfahrung Winklers ist allerdings, dass im Anlagenbau schon seit 20 Jahren besser bezahlt wird als im Maschinenbau.

Heute rät Winkler angehenden Ingenieuren, sich nicht zu früh zu spezialisieren, „weil man zu Beginn der Laufbahn noch nicht alle Kriterien kennt, die später wichtig sein können.“ Außerdem reiche eine Fremdsprache kaum noch aus. Am Anfang seines Berufslebens habe kein Mensch nach Fremdsprachen gefragt, heute sei das ein Ausschlusskriterium. „Doch das Wichtigste ist, aus dem Hobby den Beruf zu machen“, sagt er. Das kann Brecht nur bestätigen.

* Namen geändert



Text: FAZ.NET

 
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