Karrieresprung

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Karrieresprung

„Man kann nicht aus jedem Menschen alles machen“

02. Mai 2008 Frauen machen anders Karriere als Männer, sie führen anders, sie gründen anders. Das sind oft gehörte Weisheiten. Wenn es daran geht, Gründe für das gefühlt andere Verhalten zu finden, scheiden sich die Geister. Das geht letztlich auf die alte Frage zurück: Wieviel unseres Verhaltens bestimmt die Biologie? Und falls es viel ist - dürfen wir das laut sagen? Der Hirnforscher Hans-Georg Häusel beschäftigt sich seit langem mit der Frage, welche Rolle Hormone in der Wirtschaftswelt spielen, männliche, wie weibliche - und wie sie Karrieren beeinflussen. Nadine Bös hat mit ihm gesprochen.

Frauen erscheinen zurückhaltender als Männer, wenn es darum geht, innovative Unternehmen zu gründen. Ist das nur so ein Gefühl?

Nein, unseren Erhebungen zufolge schlägt sich das schon in Zahlen nieder.

Und kann die Hirnforschung auf der Suche nach den Gründen dafür helfen?

Definitiv. Gründen heißt ja, Risiken eingehen, Bewährtes verlassen. Dafür sind zwei große Hirnsysteme zuständig. Das Dominanz-System, auch „Ehrgeiz-System“ genannt, das sagt: „Ich möchte nach oben“ und das Stimulanz-System, das sagt: „Ich suche das Neue“. Wenn die beiden zusammenkommen, dann kommt so was wie Unternehmertum oder Pioniergeist zustande.

Mangelt es Frauen an Ehrgeiz und Neugierde?

Naja, das wäre stark vereinfacht. Als großes Gegenprogramm in unserem Kopf haben wir das risikobegrenzende Programm, das so genannte „Balance-Programm“. Im Alltag erleben wir das auch als Angst-Programm. Es ist verantwortlich für die Suche nach Sicherheit im positiven wie negativen Sinne. Eng verbunden mit dem Balance-Programm sind zwei Gehirnmodule, die sich um Geborgenheit, Familie und Menschlichkeit kümmern.

Und die sind eher weiblich?

Wir wissen aus der Hirnforschung, dass alle Menschen alle Module im Kopf haben, nur eben nicht in gleicher Ausprägung. Das männliche Sexualhormon Testosteron ist sehr stark mit dem Dominanz-System verbunden und auch ein Stück weit mit dem Stimulanz-System. Das weibliche Östrogen wirkt dagegen stärker auf das Balance-System.

Also sind die Frauen von der Biologie dazu verbannt, sich nach Geborgenheit und Familie zu sehnen?

Das sind natürlich alles nur Tendenzen. Es kommt in der Tat zu etwas unterschiedlichen Verteilungen. Die Menschen mit Pioniergehirn sind zu zwei Dritteln oder drei Vierteln - so ganz genau kann man das nicht bemessen - Männer. Und zwar Männer im Alter zwischen 20 und 30. Das ist bei den unterschiedlichsten Studien aus der Hirnforschung herausgekommen und auch bei den jüngsten Untersuchungen, die wir gemeinsam mit der GfK gemacht haben.

Sorgen die Hormone auch dafür, dass Frauen andere Unternehmen gründen als Männer?

Ja, definitiv. Frauen sind grundsätzlich seltener dabei, wenn es darum geht, große Unternehmen zu gründen. Frauen gründen tatsächlich eher den kleinen Friseursalon oder die Buchhandlung um die Ecke. Sie wollen sich schon die Freiheit nehmen, ihr eigenes Unternehmen zu haben, sie wollen aber nicht gleich 500 oder 1000 Mitarbeiter.

Sind die Unternehmen, die Frauen gründen, denn auch weniger erfolgreich?

Eher im Gegenteil. Männer verhalten sich risikoreicher und das bedeutet auch, dass die gescheiterten Unternehmen häufiger Gründungen von Männern sind. Spektakuläre Pleiten erleben Sie bei Frauen in der Regel nicht.

Wie können Frauen herausfinden, ob sie ein Pioniergehirn haben oder nicht?

Es gibt dafür klassische psychologische Tests. Hormonale Systeme lassen sich relativ gut in Testfragen übersetzen und man kann einigermaßen verläßliche Prognosen treffen.

Würden Sie jungen Frauen, die Karriere machen wollen, dazu raten?

Naja, warum nicht - ein Test schadet zumindest nicht. Aber es reicht eigentlich auch schon, sich selber zu fragen: Wie wichtig ist mir eigentlich die Karriere, was genau ist mein Karriereziel? Es gibt einfach Frauen, die zwar Verantwortung übernehmen wollen, aber dann ganz schnell merken, sie möchten nicht komplett auf ihr Privatleben verzichten und Tag und Nacht auf irgendwelchen Flughäfen rumhängen. Da ist das weibliche Gehirn nicht ganz so blöd wie das männliche. Das weibliche Gehirn entspricht also eigentlich dem, was Aristoteles als das Idealgehirn sah: Sich nicht in irgendeine Extremform zu begeben.

Sind Frauen ihren Hormonen ausgeliefert, oder können sie etwas daran ändern, wenn sie an sich selbst den Pioniergeist vermissen?

Wenn Sie ein sehr harmoniebedürftiger Mensch sind, werden Sie nie zum riesigen Pionier werden - das liegt im Gehirn eigentlich genau auf der Gegenseite. Totale Persönlichkeitsveränderungen sind bei Erwachsenen so gut wie nicht möglich. Man kann aber durchaus im Kleinen modellieren. Unsere Gene sind ja nicht deterministisch. Nur etwa 50 Prozent unserer Persönlichkeit ist angeboren - den Rest können Sie beeinflussen. Wenn eine Frau beispielsweise anfängt, Karriere zu machen und erfolgreich ist, dann wird ihr Gehirn auch mit ein bisschen Testosteron und etwas Dopamin belohnt. Und das heißt, sie traut sich mehr zu. Risikofreude ist also auch ein Stück weit erlernbar. Leider geht es aber auch in die andere Richtung: Durch Misserfolge lernen wir, immer ängstlicher zu werden und Herausforderungen zu meiden.

Wie lassen sich die typisch männlichen und typisch weiblichen Eigenschaften am besten nutzen?

Frauen und Männer sollten verstärkt Teams bilden. Wenn ein Unternehmen nur von Männern gegründet wird, ist das gar nicht gut. Das wäre dann geballtes Testosteron und Testosteron hat auch ganz fürchterliche Eigenschaften. Erstens macht es autistisch - das heißt Männer sind in sozialen Kontakten nicht so gut. Zweitens blendet Testosteron auch sehr viele Umwelteinflüsse aus - das heißt Männer sind weniger offen. Frauen sind um ca. 10 bis 20 Prozent sensibler auf allen Wahrnehmungskanälen. Eigenschaften, die für den Erfolg eines Unternehmens eigentlich unerläßlich sind.

Was wäre Ihr Rat - in welchem Verhältnis sollten sich Männer und Frauen zusammentun, um das perfekte Team zu bilden?

Führungsgruppen in Unternehmen bringen dann die größte Leistung, wenn sie zu ca. 60 bis 65 Prozent aus Männern und zu 35 bis 40 Prozent aus Frauen bestehen.

Sie raten ernsthaft dazu, dass Unternehmen ab einem Frauenanteil von 40 Prozent lieber einen Riegel vorschieben sollten?

Das habe ich so nicht gesagt. Es ist ohnehin unrealistisch. Im Moment sind sogar noch 95 Prozent aller wirklichen Spitzenpositionen von Männern besetzt. Das ist auch suboptimal, weil zu viel. Aber natürlich: Klar zu sagen, dass es auch biologische Gründe gibt, die Karrieren mitbestimmen, ist politisch inkorrekt. Das wagt eben nicht jeder.

Sollte man im Interesse des Erfolges also allen Feminismus beiseite lassen und einfach sagen - die Wahrheit ist unbequem, aber wir müssen sie akzeptieren?

Den Feminismus muss man gar nicht beiseite lassen: Es gibt auch sehr differenzierte Stimmen im feministischen Lager, die zulassen, dass es auch biologische Unterschiede gibt, die Vor- und Nachteile haben, die aber auch bei weitem nicht alles erklären. Das ist vernünftig. Unser Gehirn ist ja keine Einbahnstraße - es reagiert kulturell. Doch wer den biologischen Teil völlig leugnet, der setzt sich selbst Erkenntnisscheuklappen auf.

Aber würden Sie sagen, biologische Unterschiede anzuerkennen führt in der Wirtschaft auch zu effizienteren Ergebnissen?

Man ist immer besser beraten, wenn die Grundannahmen der Realität entsprechen. Das heißt, man ist immer besser beraten, beides ins Kalkül mit einzubeziehen - die biologischen und die kulturellen Aspekte. Politisch korrekt zu sagen, alles sei für jeden möglich, hört sich zwar toll an, hat aber mit der Realität nichts zu tun. Das gilt ja nicht nur für Männer und Frauen sondern grundsätzlich für alle Persönlichkeitsmerkmale. Man kann nicht aus jedem Menschen alles machen. Ein Edmund Stoiber wird niemals ein Udo Lindenberg werden.

Hans-Georg Häusel ist Diplom-Psychologe und Vorstand der Beratungsfirma Nymphenburg Consult AG. Zu den Beratungskunden seines Unternehmens zählen viele internationale Markenartikel-Hersteller, Handelskonzerne und Banken. Bei der Übertragung der Erkenntnisse der Hirnforschung auf Fragen aus dem Bereich, Karriere, Konsumverhalten und Marketing zählt er weltweit zu den führenden Experten und hat zu dieser Thematik schon mehrere Bücher publiziert.



Text: FAZ.NET

 
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