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Karrieresprung

Zwischen Schreibtisch und Pflegebett

Von Herta Paulus

Karrieresprung - Serie bei FAZ.NET

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31. August 2007 Die Hiobsbotschaft erreichte die 47-jährige Verlagsmitarbeiterin während eines Messeeinsatzes: Ihre Mutter lag nach einem Schlaganfall mit linksseitiger Lähmung im Krankenhaus. Nach wenigen Wochen war klar, dass sie ein Pflegefall bleiben würde. Doch wie ihre Betreuung organisieren? Wie den Job, die eigene Familie mit zwei Kindern und die Pflege der Mutter unter einen Hut bringen?

Brisante Zukunftsaufgabe

Eltern hat jeder - und irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem sie allein nicht mehr zurechtkommen und versorgt werden müssen. Meist tritt diese Situation plötzlich ein. Dann muss innerhalb kürzester Zeit eine passende Betreuungs- oder Pflegemöglichkeit organisiert werden. „In den letzten Jahren hat das Thema Angehörigenpflege zunehmend an Brisanz gewonnen. Es geht bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf längst nicht mehr nur um Kinderbetreuung“, sagt Stefan Becker, Geschäftsführer der Hertie-Stiftungsinitiative „berufundfamilie“ in Frankfurt.

Tagsüber Schreibtisch oder Fließband; davor und danach Mutter, Vater, den pflegebedürftigen Partner oder den Nachwuchs versorgen. Das ist für viele Berufstätige bereits heute Alltag. So wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2005 zwei Drittel der rund 2,1 Millionen Pflegebedürftigen zu Hause gepflegt, zum überwiegenden Teil von Frauen. 65 Prozent der Pflegenden waren im erwerbsfähigen Alter, tatsächlich erwerbstätig waren 37 Prozent.

Nur wenige Unternehmen haben spezielle Regeln

Für 2020 prognostizieren die Statistiker einen Anstieg auf knapp drei Millionen Pflegebedürftige bei gleichzeitig schrumpfender Erwerbsbevölkerung. Auf die personalpolitische Herausforderung reagiert haben bislang allerdings sehr wenige Unternehmen. Nur sieben Prozent der deutschen Unternehmen bieten bereits strukturierte Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Pflegeaufgaben an, ergab eine repräsentative Untersuchung der Stiftungstochter.

Der Konsumgüterhersteller Henkel ist eines davon. „Pflegebedürftigkeit ist ein großes Thema, das immer mehr abgefragt wird“, bestätigt Regina Neumann, Diplompädagogin im vierköpfigen Team der Sozialen Dienste des Markenartiklers in Düsseldorf. Rund 120 Einzelberatungen rund um das Thema Pflege verzeichnet der Sozialdienst jährlich, mit steigender Tendenz.

Firmenservice spart Zeit und Energie

„Unsere Mitarbeiter schätzen den Service, da er ihnen viel Zeit und Energie spart. Sonst müssten sie zu fünf verschiedenen Stellen rennen“, so Neumann. Für die Sozialdienstmitarbeiter selbst ist der organisatorische Aufwand dank einer Kooperation mit dem städtischen „Pflegebüro“, das einen tagesaktuellen Überblick über freie Betreuungsplätze und Serviceeinrichtungen vorhält, gut zu bewältigen. Zusätzliches Plus: Hier können sich die Mitarbeiter auch anonym ausrechnen lassen, wie viel sie für die jeweilige Betreuungslösung zahlen müssen. „Bei vielen, gerade der Sandwich-Generation, spielt das Geld eine große Rolle,“ weiß Neumann.

Auf externe Unterstützung baut auch das Eldercare-Angebot der WestLB in Düsseldorf. „Der Bedarf, aber auch die Ratlosigkeit ist sehr groß. Interne Veranstaltungen dazu sind sehr schnell ausgebucht“, berichtet Diversity-Beauftragte Christine Parbs. Seit drei Jahren bietet die Bank ihren Mitarbeitern bei Fragen rund um das Thema Pflege Unterstützung an. Für die individuelle Beratung und Pflegevermittlung können die Bankmitarbeiter das Service-Angebot des bundesweit tätigen Unternehmens „pme Familienservice“ nutzen, das überwiegend Großunternehmen zu seinem Kundenstamm zählt.

Die Nutzungsraten steigen

Vom Stellen von Anträgen zur Einstufung bei der Pflegeversicherung über die Vermittlung geeigneter Betreuungslösungen bis hin zu haushaltsnahen Dienstleistungen wie Begleitservice oder Einkaufsdienst reicht dabei die Leistungspalette. „Rund 80 Prozent unserer Vertragskunden haben den Service Homecare/Eldercare mit eingeschlossen“, bestätigt Familienservice-Geschäftsführerin Alexa Ahmad die zunehmende Aufgeschlossenheit der großen Unternehmen für das Thema Angehörigenpflege. Die Nutzungsraten sprechen für sich. „Innerhalb des letzen Jahres haben sich die Anfragen verdoppelt“, berichtet Ahmad.

Im DaimlerChrysler Werk Wörth läuft bis Ende 2007 ein Pilotprojekt. Mitarbeiter erhalten kostenlose Pflegeberatung durch einen lokalen Kooperationspartner, der auch beim vermitteln von Pflegepersonal hilft. Dank vertraglich fixierter Fallpauschalen bleibt die Serviceleistung auch für das Unternehmen kalkulierbar. „Man kann das finanzielle Risiko in jedem Fall absichern,“ sagt die Projektbeauftragte Anja Eichenbrenner. Ein Selbstläufer ist das Angebot freilich nicht. „Gerade am Anfang muss man permanent und stetig darüber informieren, damit der Begriff „Eldercare“ auch wirklich in den Köpfen ist“, zieht Eichenbrenner Bilanz.

Alternative Pflegeurlaub

Um Pflege und Beruf zu vereinbaren kann zudem für längstens ein Jahr unbezahlter Pflegeurlaub genommen werden. „Sollte das nicht ausreichen, kann man danach noch bis zu drei Jahren Pflegepause einlegen“, erläutert Eichenbrenner weiter. Dabei wird zwar der bestehende Vertrag aufgelöst, der Wiedereintritt aber ist garantiert.

Von einem gesetzlichen Rechtsanspruch auf eine sechsmonatige Pflegezeit, wie er von der großen Koalition geplant wird, hält Stiftungsgeschäftsführer Becker indes wenig. „Der Ansatz Rechtssicherheit ist zwar richtig, greift aber zu kurz. Allein, ohne begleitende Maßnahmen ist das ein falsches Signal.“ Statt kompletter Auszeiten seien flexible Arbeitszeitmodelle die bessere Lösung. Denn Pflege, so Becker, lasse sich nicht planen: Vor allem die Dauer sei völlig offen.

Dabei zeigt sich in der Berater-Praxis: Arbeitszeitreduzierung ist für die wenigsten ein Thema. Diese Erfahrung hat Ahmad vom Familienservice gemacht. Die Henkel-Mitarbeiterin Neumann sieht das ähnlich. Die Frage nach weniger Arbeitszeit komme sehr selten, wohl auch, weil es sich viele gar nicht leisten könnten ihre Arbeitszeit zu reduzieren: „Im Blickfeld“, so Neumann, „steht klar die Verbindung des Arbeitsalltags mit der Pflegetätigkeit.“

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