Aktienmarkt-Analyse

Die Aussichten für die Wiener Börse sind für 2008 nur verhalten

27. Dezember 2007 Angetrieben von der Osteuropa-Phantasie und der Expansion der österreichischen Unternehmen in dieser Region hat die Wiener Börse in den vergangenen Jahren eine beeindruckende Performance hingelegt. Von Ende 2002 ging es ausgehen von 1.545 Punkten bis Ende 2006 mit dem ATX bis auf 4.463 Punkte nach oben. Bis Juni 2007 reichte dann die Kraft noch für einen Anstieg bis auf fast 5.000 Zähler. Doch anschließend verließen den österreichischen Leitindex die Kräfte und erst am letzten Handelstag wird darüber entschieden werden, ob in diesem Jahr ein kleines Plus oder sogar ein kleines Minus zu Buche stehen wird. Schon jetzt steht fest, dass die Wiener Börse erstmals seit sechs Jahren schlechter abschneiden wird als der Durchschnitt der anderen westeuropäischen Märkte.

Wie alle anderen Weltbörsen litt auch der Schottenring im zweiten Halbjahr unter der von Amerika ausgehenden Kreditkrise. Besonders in Mitleidenschaft wurden davon die zahlreichen österreichischen Immobilienaktien. Diese waren zuvor lange Zeit die Lieblinge der Börsianer, doch im zu Ende gehenden Jahr stellten sie mit die größten Verlierer. Dazu beigetragen haben auch hausgemachte Probleme wie die untransparenten Vorgänge rund um Meinl European Land. Zur Strafe musste dieser Titel dann in diesem Jahr auch mehr als eine Kurshalbierung hinnehmen.

Analysten erwarten auch 2008 keine Wunderdinge

Die letztlich insgesamt enttäuschende Jahresbilanz hat aber auch damit zu tun, dass die Antriebskräfte durch die Osteuropa-Phantasie nachgelassen haben. Viel davon steckt bereits in den Kursen drin und mit dem durch die Kreditkrise veränderten Umfeld achten die Investoren jetzt auch auf die damit verbundenen Risiken. So wies der Internationale Währungsfonds darauf hin, dass die Ostexpansion der heimischen Banken nicht nur Chancen sondern wegen der dort verstärkt auftretenden volkswirtschaftlichen Ungleichgewichte auch Risiken beinhaltet. In diesem Zusammenhang muss man wissen, dass mit Ausnahme der Bawag die fünf größten Banken des Landes rund die Hälfte ihrer Erlöse in Zentral- und Osteuropa erwirtschaften.

Weil sich an den genannten erschwerten Rahmenbedingungen zum Jahreswechsel nichts ändern wird, gestaltet sich die Ausgangslage auch für 2008 eher etwas holprig. Das sehen auch die meisten professionellen Marktbeobachter so. „Die österreichischen Aktien werden sich den globalen Trends - der Abkühlung des Weltwirtschaftswachstums, dem schwachen Dollar und den Auswirkungen der Finanzmarktkrise - nicht entziehen können“, glaubt etwa Peter Szopo von Sal. Oppenheim. Bei der Erste Bank geht man ebenfalls davon aus, dass die Zeiten der überdurchschnittlichen Aktiengewinne nicht so schnell an die Wiener Börse zurückkehren werden. „Die internationalen Märkte werden uns volatile Vorgaben liefern - wir werden uns nicht mehr positiv in einer Outperformance abkoppeln können“, lautet die Grundaussage von Friedrich Mostböck dem Chefanalysten der Erste Bank. Aus seiner Sicht ist 2008 nur mit mäßigen Kurszuwächsen und noch höheren Volatilitäten zu rechnen.

Bewertungsniveau nicht überzogen

Weil die Kurse in diesem Jahr praktisch nicht gestiegen sind, die Unternehmensgewinne aber schon, stellt sich immerhin das Bewertungsniveau solide dar. Von der Erste Bank wird das Kurs-Gewinn-Verhältnis für den ATX für 2007 auf 13,9 beziffert. Für 2008 wird es dann sogar nur auf 11,7 veranschlagt. Allerdings setzt dies voraus, dass die Unternehmensgewinne auch tatsächlich um wie prognostiziert um 18,2 Prozent steigen werden. Angesichts der Kreditkrise und der damit einhergehenden konjunkturellen Bremsspuren steht dahinter aber zumindest ein kleines Fragezeichen.

Unter der Annahme, dass die eigenen Gewinnprognosen stimmen, trauen die Experten der Erste Bank dem derzeit bei 4.522 Punkten notierenden ATX bis Ende 2008 einen Anstieg bis auf 4.950 Punkten zu. Zurückhaltend gibt sich derzeit auch Unicredit-Chefanalyst Alfred Reisenberger. Nach seiner Einschätzung wird das erste durchwachsen verlaufen und wahrscheinlich von hoher Volatilität geprägt sein. Das zweite Halbjahr könnte dann unter der Voraussetzung, dass es nicht noch zu einer Verschlechterung im Bankenbereich kommt, einen gewissen Aufwärtstrend zeigen. Im Vergleich mit den anderen europäischen Indizes traut Reisenberger dem ATX eine ähnliche bis leicht schwächere Entwicklung zu. Erschwert werde ein besseres Abschneiden auch durch die vielen auf dem österreichischen Kurszettel gelisteten Nebenwerte, weil den Investoren der Appetit auf Mid- und Small Caps zuletzt wegen der gesunkenen Risikoaversion vergangen sei.

Die richtige Aktienauswahl zu treffen ist dieses Mal schwierig

Bei diesem Szenario kommt es für die Investoren noch mehr als sonst auf das richtige Stock-Picking an. Hier die richtige Wahl zu treffen ist aber wegen des undurchsichtigen Umfeldes alles andere als leicht. Falls alle Empfehlungen können nur unter Verweis auf das Eintreffen gewisser Bedingungen abgegeben werden. So könnten Zykliker wie der Anlagenbauer Andritz für den Fall Potenzial haben, dass sich die Weltwirtschaft doch nicht zu sehr abschwächen sollte. Der Ölkonzern OMV könnte gut abschneiden, falls die Ölpreise hoch bleiben und die Expansion im Osten die erhofften Früchte trägt.

Und natürlich haben auch die auf Kurse unter dem Nettoinventarwert abgestraften Immobilienaktien, wie etwa der Marktführer Immofinanz, Erholungspotenzial für den Fall, dass die Immobilienmärkte in Österreich und Osteuropa nicht in eine Krise schlittern sollten. Wegen der im Sommer in Österreich und der Schweiz ausgetragenen Fußball-Europameisterschaft könnte sich zudem der Sportwettenanbieter bwin als Geheimtipp entpuppen. Als relativ sichere Bank kann zudem die Aktie der Bank Austria Creditanstalt eingestuft werden. Denn hier stehen die Chancen nicht schlecht, dass die Unicredit ihr Abfindungsangebot, gegen das gerade geklagt wird, nachbessern muss.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @JüB
Bildmaterial: FAZ.NET

 
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