13. Dezember 2007 Es war ein kurzes Vergnügen. Nachdem fünf wichtige Notenbanken am Donnerstagnachmittag eine konzertierte Aktion zur Rettung des kriselnden Geldmarktes ankündigten, jubilierten die Aktienanleger zunächst und stürzten sich begierig auf Aktien, sowohl in Europa als auch in Amerika.
Und weil die Europäer auf die Amerikaner gewartet hatten, geschah dies dort kurz vor Börsenschluss, so dass die Börsen auf dem alten Kontinent mit zum Teil satten Aufschlägen aus dem Rennen gingen. Der Dax beendete den Handel 0,8 Prozent im Plus bei 8076 Punkten und roch sogar an seinem Allzeithoch, der Eurostoxx gewann 0,44 Prozent, der britische FTSE-100 0,35 Prozent und der französisches CAC-40 nahezu ebenso viel.
Euphorie verflog binnen Stunden
Dass aber irgend etwas faul war, hätte man sich schon denken können, zogen doch schon die Nebenwertre nicht so recht mit. Der MDax verbesserte sich nur minimal um 0,09 Prozent auf 10.047 Punkte, der TecDax verlor sogar 0,23 Prozent auf 993 Punkte. Auch der FTSE Fledling schloss deutlich im Minus.
Und die amerikanischen Börsen drehten im Verlauf, als die Euphorie verflog. Der Sektor, der am meisten von den Maßnahmen profitieren sollte, der Finanzbereich, schloss im negativen Terrain. Auch die schwächer als erwartet ausgefallenen amerikanischen Konjunkturdaten rückten wieder stärker in den Fokus der Investoren.
Letztlich konnte sich der Dow Jones zwar mit 0,3 Prozent im Plus behaupten, fiel aber deutlich vom Tagenshoch von plus zwei Prozent zurück. Ein Grund war eben die schwache Reaktion der Finanzwerte. Einige stellen sich zudem die Frage, ob diese Maßnahmen wirklich eine Lösung darstellen, oder nur ein Beleg dafür sind wie die tief die Probleme mittlerweile im Finanzsystem verankert sind, so ein Händler, der damit den Nagel auf den Kopf traf.
Kurzzeitig fit gespritzt
Denn wirklich stellt sich die Frage nach der Lösungskraft. Denn tatsächlich spricht vieles dafür, dass es sich nicht um einen Liquiditätsmangel auf dem Geldmarkt, sondern um einen Stau handelt. Und der ist nicht mit mehr Liquidität zu beheben, da sie nur weiter zurückgestaut wird. Um im Bild zu bleiben: Bestenfalls läuft der Staudamm über, schlimmstenfalls hält oder bricht er - beide Szenarien sind nicht positiv (vgl. Analyse: Die Zeiten werden nicht besser).
Zudem zeigten weitere negative Nachrichten aus diesem Sektor die tiefe Problematik auf. Nach der UBS kündigte nun auch die Bank of America weitere Belastungen aus der Kreditkrise an. Das Institut warnte vor einem enttäuschenden Ergebnis und weiteren Abschreibungen von 3,3 Milliarden Dollar. Auch die fünftgrößte amerikanische Bank, Wachovia, kündigte ein schwaches Schlussquartal an. Die Rückstellungen für Kreditverluste würden eine Milliarde Dollar über den Ausbuchungen liegen, teilte Wachovia mit. Bislang war das Institut von 500 Millionen bis 600 Millionen Dollar ausgegangen.
Finanzkrise reloaded
Auch die in den kommenden Wochen erwarteten Zahlen von Lehman Brothers, Goldman Sachs, Bear Stearns und Morgan Stanley werden schwach erwartet. Das November-Geschäft sei verhalten verlaufen, nachdem erneut Sorgen über ein Wiederaufleben der Kreditkrise aufgekommen waren, heißt es. Zudem hat sich das Investment-Banking seit dem dritten Quartal schwächer entwickelt. Bear Stearns und Morgan Stanley haben bereits Verluste angekündigt.
Als ob Milliardenverluste aus dem Engagement bei hypothekenbesicherten Wertpapieren nicht schon genug wären, werden wohl auch die Kosten verglichen mit dem Vorjahresende und dem dritten Quartal steigen: Viele Bereiche außerhalb des Kredithandels haben sich gut entwickelt, und die Unternehmen müssen mehr Personal einstellen. Im Handel mit Wertpapieren sollten die meisten Banken gute Ergebnisse vorlegen, die allerdings wohl hinter denen des dritten Quartals zurückbleiben werden.
Finanzkrise - die nächste Generation
Schlechte Nachrichten gibt es auch aus dem Private-Equity-Geschäft. Nicht nur, dass schon vor einigen Tagen schwächere Ausblicke für die Branche in den Vereinigten Staaten veröffentlicht wurden. Es häufen sich auch schlechte unternehmensspezifische nachrichten. Zunächst wurden Gerüchte laut, dass sich Cerberus und J.C. Flowers aus dem Bietverfahren um die britische Northern Rock zurückziehen wollten, weil sie kein genügend attraktives Angebot mehr vorlegen könnten (Private-Equity wandert in Schwellenländer ab).
Als Tatsache aber stellte sich am Berichtstag heraus, dass der Kauf des amerikanischen Spezialanbieters für Studentenkredite Sallie Mae durch die Investorengruppe um die J.C. Flowers gescheitert ist. Vor der Kreditkrise hatten sich beide Seiten auf einen Kaufpreis von 25 Milliarden Dollar in bar verständigt. In den vergangenen Wochen war bereits über ein Scheitern des Geschäfts spekuliert worden.
Grund sind offenbar die Schwierigkeiten des Instituts, das seine Gewinnprognose für das vierte Quartal und das Gesamtjahr zurückzog, da die Ausfallraten gestiegen und die Refinanzierungskosten gestiegen seien. Außerdem drohe die Reduzierung staatlicher Subventionen.
Wenig Alternativen
Nimmt man diese Meldung ernst, so zeigt sich hier nur allzudeutlich, dass die Kreditkrise sich auf den gesamten Markt ausgebreitet hat und längst nicht mehr eine reine Hypothekenkrise ist (vgl. auch Erfasst die Hypothekenkrise nun die Konsumentenkredite?). Und die Zweifel, ob Liquiditätsspritzen das Problem lösen können, sind auch darob nur allzu berechtigt. Im Gegenteil könnten sie letztlich ein Doping-Problem bewirken: Das Finanzsystem läuft erst einmal weiter, bevor es irgendwann doch - und dann vielleicht noch heftiger - in die Knie geht.
Nicht, dass die Notenbanken viel Alternativen hätten. denn wenn die Situation so schlimm ist wie befürchtet, haben sie keine Alternative als den Zusammenbruch erst einmal zu verhindern und zu hoffen, dass sich das Problem über die Zeit von selbst reguliert. In diesem Fall wäre von einer chronisch kränkelnden Verfassung der Finanzmärkte auszugehen. Wie diese aussehen könnte, sieht man seit nunmehr bald zwei Jahren am Anleihenmarkt.
Revival der (wenig) Swinging Sixties
Historisch betrachtet, könnte sich eine Entwicklung der Aktienkurse wie in den Jahren 1966 bis 1982 ergeben, in denen der Dow Jones nicht ein auf Dauer höheres Niveau erreichen konnte und sich zwischenzeitlich sogar halbierte.
Und auch auf der konjunkturellen Seite verdüstern sich die Wolken wieder, nachdem besser als erwartetet Daten vom Häusermarkt vor kurzem noch für Erleichterung gesorgt hatten.So sind die amerikanischen Importpreise im November vor dem Hintergrund hoher Ölpreise und eines sinkenden Dollar-Außenwerts im Vergleich zum Vormonat um 2,7 Prozent gestiegen. Dies war der höchste Zuwachs seit 1990. Ökonomen waren im Konsens von einem Anstieg um 2,4 Prozent ausgegangen.
Und auch das amerikanischen Handelsbilanzdefizit lag im Oktober nach vorläufigen Berechnungen mit 57,82 Milliarden Dollar höher als erwartet, wenngleich nur geringfügig. Volkswirte hatten im Konsens ihrer Prognosen mit einem Passivsaldo von 57,50 Milliarden Dollar gerechnet. Es zeigt aber, dass selbst ein so massiver Verfall der eigenen Währung, wie er sich in den vergangenen Monaten abspielte, an den strukturellen Problemen der amerikanischen Volkswirtschaft nichts ändert.
Probleme wie ein Schwellenland
Und da stellt sich unwillkürlich die Frage, was dies noch bewirken soll - allzumal das Haushaltsdefizit im November erneut ein Rekordniveau erreicht hat. Der Fehlbetrag legte gegenüber dem Vorjahresmonat um gut ein Drittel zu auf 98,23 Milliarden Dollar und kletterte damit den höchsten jemals in einem November gemessenen Stand, wie das Finanzministerium in Washington am Mittwoch mitteilte.
Hintergrund sind unter anderem Sozialausgaben für den Dezember in Höhe von 17 Milliarden Dollar, die auf November vorgezogen wurden. Analysten hatten im Schnitt mit einem Haushaltsdefizit von 85 Milliarden Dollar gerechnet.
Schwache Währung, doppeltes Defizit, negativer Außenhandelsbilanzsaldo, angeschlagene Kreditmärkte, marode Infrastruktur, Wachstumsschwäche, drohende Inflationsprobleme: Das alles sind wirtschaftliche Ungleichgewichte, die man mit fragilen Schwellenländern verbindet . aber nicht mit der größten Volkswirtschaft der Welt, um deren nahe Zukunft man sich erhebliche Sorgen machen könnte, scheint sie doch von der Substanz zu leben.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Text: @mho
Bildmaterial: AP, FAZ.NET