Pharma & Spezialchemie

Risiko für Altana-Aktie derzeit nicht abzuschätzen

Altana: Pharma made in Germany

Altana: Pharma made in Germany

01. Juli 2005 Mit einem Minus von 11,2 Prozent eröffnete der Dax-Wert Altana am Freitag den Handel. Bereits vor Börsenöffnung war bei den Analysehäusern hektische Betriebsamkeit ausgebrochen. Sie überprüfen derzeit ihre Umsatz- und Gewinnprognosen. Eines der Häuser sagte vorab der Nachrichtenagentur VWD, die neuesten Entwicklungen um das Unternehmen könnten der Aktie fünf bis sieben Euro (das sind zehn bis 15 Prozent des Kurses) kosten.

Am Morgen hatte der Bad Homburger Pharmakonzern bekanntgegeben, daß die Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Pharmariesen Pfizer für das in der Entwicklung befindliche Medikament Daxas (mit dem Wirkstoff Roflumilast) zur Behandlung von chronisch obstruktiver Bronchitis und Asthma beendet werde. Pfizer gebe alle bezüglich Daxas bestehenden Rechte an Altana zurück. Altana werde die Entwicklung von Daxas fortsetzen und übernehme dabei die alleinige Verantwortung, insbesondere für die laufenden Studien. Der Zulassungsantrag für Daxas in Europa wird laut Altana aktuell von den zuständigen Behörden bearbeitet.

Rätselraten um die Gründe

Eine Begründung nannte Altana nicht. Es sei Stillschweigen vereinbart worden, sagte ein Unternehmenssprecher am Freitag zu Dow Jones Newswires. Das öffnet natürlich der Spekulation Tür und Tor. Wenn zwei Pharmafirmen die Partnerschaft für ein Medikament beenden, kann dies persönliche, sachliche und wirtschaftliche Gründe haben.

Die beiden letzteren gehören dabei eng zusammen. Als sachliche Gründe kommen in Frage, daß die Ergebnisse der Studien keine hinreichende Wirksamkeit ergeben haben, so daß dies den wirtschaftlichen Erfolg des Medikaments in Frage stellt. Oder es zeichnet sich ab, daß weitere Entwicklungsarbeit notwendig ist, und das Medikament dadurch unrentabel wird oder die Entwicklungskosten davonlaufen.

Die Tatsache, daß Altana die Rechte an Daxas wieder übernimmt, spricht dafür, daß die Initiative zum Ausstieg von Pfizer ausgeht. Da bei der Größe des amerikanischen Unternehmens Finanzierungsprobleme eher unwahrscheinlich sind, bleibt als Vermutung die mangelnde Wirtschaftlichkeit. Man steigt nicht aus der Entwicklung eines erfolgreichen Medikamentes einfach so aus.

Prognosebestätigung wenig bedeutsam

Möglicherweise könnte Altana Pfizer auch herausgekauft haben. Selbst wenn das der Fall ist, so kommen auf Altana doch kurzfristig erhöhte Belastungen zu. Erstens muß die künftige Entwicklungsarbeit allein geschultert werden, zweitens bedeutete dies unbekannte Kompensationen für Pfizer.

Dagegen spricht, daß der Effekt auf die Öffentlichkeit und Börse sicherlich weniger negativ wäre, wenn die Hintergründe eines Herauskaufens veröffentlicht würden und somit für alle klargestellt wäre, daß Altana von Daxas vollkomen überzeugt ist.

Die Tatsache, daß Altana die Prognose für das laufende Geschäftsjahr bestätigt hat, ist dagegen eher als weniger bedeutsam einzuschätzen. Das Unternehmen hat bereits eingeräumt, daß die Ausgaben für Forschung und Entwicklung im laufenden Jahr höher als ursprünglich geplant ausfallen werden, da Altana die Entwicklung nun alleine stemmen wird. Es gibt viele Wege, die Finanzziele trotzdem zu erreichen, wenn man die Mehrkosten gut managt. Außerdem waren die Ergebnisziele schon bei Vorlage der Zahlen für das erste Quartal leicht nach unten revidiert worden.

Was in diesem Zusammenhang ebenfalls aufhorchen läßt, ist die Bekanntmachung Altanas, daß die Vermarktungs-Vereinbarung des Medikaments Detrol auf Basis der bestehenden Bedingungen bis Ende 2006 fortgeführt werde. Das kann umgekehrt so gelesen werden, als daß diese Vereinbarung ab 2007 nicht weiter fortgeführt werden wird.

Andere Lesart möglich

Offenbar scheint dies das Ende der Partnerschaft zwischen beiden Unternehmen zu bedeuten. Das läßt darauf schließen, daß Gründe vorliegen, die entweder auf das Klima zwischen Personen oder den Firmen im allgemeinen betreffen. Aber um es zu wiederholen: Aus der Entwicklung eines erfolgversprechenden Medikaments steigt man nicht einfach so aus. Schon gar nicht ein amerikanisches Unternehmen, bei dem wie kaum anderswo auf der Welt das zählt, was am Ende an klingender Münze herüberkommt.

Was für Daxas spricht, ist die Mitteilung, daß die Daxas-Partnerschaft in Japan mit dem Tanabe Seiyaku fortgesetzt werden soll. Es läßt sich schlußfolgern, daß Uneinigkeit über die Erträge von Daxas besteht - wenigstens was den amerikanischen Markt betrifft. Ist das der Fall, spricht das gleichfalls gegen Altana. Denn wenn ein amerikanisches Unternehmen die Chancen für ein Medikament auf dem eigenen, lukrativsten Pharmamarkt der Welt negativ einschätzt, so erhöht das zumindest die Zulassungs- und Absatzrisiken für das Medikament daselbst.

Es ist aber auch eine ganz andere Lesart möglich. Daxas wird der „Blockbuster“ des Jahrhunderts - und Pfizer steigt aus, weil man ein eigenes Konkurrenzprodukt auf den Markt bringen will. Indes ist das die weniger wahrscheinliche Variante, da sie latente Patentrechtsklagen impliziert und eine Konkurrenzsituation herstellt, die beide Unternehmen erst einmal viel Geld kostet.

Risiken schwer kalkulierbar

Für die Aktie bedeutet das, daß das Risiko derzeit nicht kalkulierbar ist. Zwar hat sich die Aktie durch den Kurseinbruch aktuell auf eine Bewertung mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von rund 14 verbilligt, preiswert ist sie aber in Anbetracht des Risikos nicht. Denn die Ergebnisschätzungen sind möglicherweise bereits jetzt Makulatur.

Im Marktkonsens war für Daxas mit einem Umsatzpotential von 761 Millionen Dollar im Jahr 2009 gerechnet worden, Optimisten erwartete, erste Umsätzen sogar schon 2007. Da obendrein die Zulassung durch die amerikanischen Gesundheitsbehörden (FDA) noch aussteht, ist eine mögliche Ergebnisbeeinträchtigung derzeit nicht wirklich zu quantifizieren.

Martin Possienke, Analyst bei Equinet, hat als erster Analyst die Einstufung infolge der Ereignisse für Altana auf „Halten“ gesenkt. „Das alles ist sehr, sehr negativ“, sagte Possienke zu Dow Jones Newswires. Die Daten seien nicht mehr so gut ausgefallen wie frühere Studien eigentlich hätten erwarten lassen. Dazu komme noch der Pfizer-Ausstieg, was insgesamt die Erwartungshaltung für Daxas deutlich verringere. Possienke senkt seine Prognosen für den Top-Umsatz fünf Jahre nach Zulassung von 1,5 Milliarden auf auf 850 Millionen. Zudem werde die Wahrscheinlichkeit einer Daxas-Zulassung insgesamt geringer, so der Analyst.

Da schon die jüngsten Quartalszahlen nicht unbedingt positiv aufgenommen wurden, haben sich die Aussichten für die Aktie heftig eingetrübt. Daher verbieten sich Käufe momentan von selbst. Wer bislang noch nicht verkauft hat, für den empfiehlt sich dagegen eher, darauf zu hoffen, daß alles nicht so schlimm wird. Dann könnte eine (leichte) Gegereaktion erfolgen und sich eine bessere Ausstiegsmöglichkeit ergeben als ausgerechnet heute.

Der Chart zeigt den Kursverlauf der Aktie von Altana in den vergangenen fünf Jahren.
Der Chart zeigt den Kursverlauf der Aktie von Altana in den vergangenen fünf Jahren.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @mho
Bildmaterial: dpa

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