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Harry Potter verzaubert Aktien der Verlage

Lang ersehnt: Der neu Harry Potter-Band

Lang ersehnt: Der neu Harry Potter-Band

19. Juli 2005 Sechs Bände sind es mittlerweile und Harry Potter verzaubert die Massen noch immer. Am Samstag kam der neue Band „Harry Potter and the Halfblood Prince“ offiziell in den Verkauf. Das sechste Band der Reihe ist bereits jetzt ein Bestseller.

In den Vereinigten Staaten gingen in den ersten 24 Stunden nach Verkaufsstart 6,9 Millionen Exemplare über den Ladentisch. Der fünfte Band brachte es am ersten Tag lediglich auf läppische fünf Millionen. Gemessen am Listenpreis von 29,99 Dollar, wäre das für den der amerikanische Verleger Scholastic damit am ersten Tag ein Umsatz von mehr als 200 Millionen Dollar.

Für Sickels und Knuts von Muggels verschleudert

Der tatsächliche Umsatz dürfte aber deutlich darunter liegen, weil viele Händler das Buch mit Abschlägen von 40 Prozent und mehr auf den Listenpreis verkaufen. Amazon.com bietet den Band für 16,99 Dollar an und die Nummer Zwei der Online-Buchhändler Barnesandnoble.com verlangt 17,99 Dollar.

Unter den Händlern in den Vereinigten Staaten und Großbritannien ein Preiskrieg ausgebrochen, wer Harry Potter für weniger Galleonen, am besten nur für einige Knuts abgeben kann - um im Jargon des Buches zu bleiben.

Der britische Potter-Verlag Bloomsbury steht vor einer ähnlichen Situation. Die Supermarkt-Kette Tesco bietet das Buch zum Preis von 8,96 Pfund an - 47 Prozent weniger als der empfohlene Verkaufspreis von 16,99 Pfund. Doch den Hippogreif schießt die Billig-Handelskette „Kwik Save“ ab. Hier gibt es Harry schon für 4,99 Pfund.

„Bei derart ruinösen Preiskämpfen können und wollen wir nicht mithalten“, sagt Graeme Estry, Geschäftsführer von „West End Lane Books“. Der inhabergeführte Buchhändler im Londoner Nordwesten fixiert seinen Aktionspreis mit 11,99 Pfund und erwartet zudem, daß der große Verkaufsansturm an diesem Wochenende ausbleibt.

„Wingardium Leviosa“ für Scholastic-Bilanz

Für die Verlage Scholastic und Bloomsbury ist die Veröffentlichung eines neuen Harry-Potter-Buches jedes Mal wie das Finale der Quidditch-Meisterschaften - und schlägt sich trotz aller Preisdrückerei deutlich in den Kassen nieder. Die Buchhandelserträge des Scholastic-Verlages, der ansonsten den größten Teil seines Umsatzes mit Schulbüchern macht, erhält eine deutliche Prägung durch Harry Potter.

Im Geschäftsjahr 2002/2003 (Ende: 31. Mai) stürzte Scholastic bilanziell vom Nimbus 2000 des Vorjahres, weil die Magie des britischen Zauberlehrlings fehlte. Die Umsätze stiegen gerade einmal um 2,15 Prozent, der Nettogewinn fiel um 37 Prozent. Im darauffolgenden Jahr, geprägt von „Harry Potter and the Order of the Phoenix“ brachte es Scholastic immerhin auf ein Umsatzplus von 14 Prozent auf 2,2 Milliarden Dollar und ein Nettoergebnis auf dem Niveau des Vorjahres.

Dem gerade abgelaufenen Geschäftsjahr dürfte auch das „Wingardium Leviosa“ fehlen, um richtig abzuheben - mangels Potter. Wie schrieb Scholastic doch im Geschäftsbericht 2002: „Die Umsätze fielen um 2,3 Prozent auf 1,917 Milliarden Dollar, vor allem weil die Harry Potter-Verkäufe im Buchhandel um 120 Millionen Dollar zurückgingen“.

Zukünftig arm wie die Weasleys?

Die Neun-Monats-Zahlen lassen jedenfalls die düstere Vermutung aufkommen, daß die Zahlen weiche Knie bekommen wie Harry in der Nähe eines Dementors. Das Unternehmen mußte einen Umsatzrückgang um zehn Prozent vermelden, ebenso wie ein um 40 Prozent niedrigeres Nettoergebnis von 54 Cents je Aktie.

Erst also mit der Bilanz des kommenden Geschäftsjahres 2005/2006 wird Scholastic wieder glänzen können - vorübergehend. Und was wird aus Scholastic werde, wenn voraussichtlich 2007 der letzte Band der Harry Potter-Reihe erscheint? Steht der Verlag dann so ärmlich da, wie die Famile Weasley? Das wird wohl bestenfalls Professorin Trelawney weissagen können.

Die Gesamtsituation des Verlages schlägt sich auch in der Kursentwicklung nieder. Von früheren wilden Ritten auf dem Kursbesen ist die Aktie weit entfernt. 1997 mit dem Erscheinen des ersten Bandes begann die Aktie von ihrem Tief bei 10,688 Dollar aus nach oben zu laufen bis hinauf auf 56,401 Dollar im April 2002. Der Umsatzeinbruch des Geschäftsjahres 2001/2002 drückte das Papier nach unten. Erst die Vorbereitungen auf den neuen Harry-Band holten den Kurs MItte 2004 wieder aus dem Sinkflug.

Zuletzt schloß das Papier bei 37,34 Dollar. Damit ist die Aktie mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 23 auf Basis der Prognosen für das gerade abgelaufene Geschäftsjahr bewertet und mit 15,7 für das kommende Jahr des Halbblut-Prinzen. Das erscheint reichlich zu sein - mehr ist fundamental nicht zu rechtfertigen, eher weniger.

Bloomsbury stärkt das Potter-Elixier

Besser sieht es beim britischen Verlagspartner Bloomsbury aus. Denn der kommt auch mal ohne den Harry-Bonus zurecht. So steigerte das Unternehmen im potterlosen Jahr 2004 den Gewinn je Aktie um 24,5 Prozent auf 16,88 Pence und den Vorsteuergewinn um 19 Prozent auf 16,2 Millionen Pfund.

Bemerkbar macht sich die Rückkehr des Geschäfts in die dröge Welt der Muggel allerdings dennoch immer wieder. Der Umsatz kletterte 2004 um magere 1,6 Prozent auf 84,5 Millionen Pfund, nachdem er im Vorjahr um 22 Prozent gestiegen war (Harry Potter und der Orden des Phönix). Und 2002 gab es nur ein Plus von 11,25 Prozent nach 20 Prozent im Vorjahr (Harry Potter und der Feuerkelch) und 142 Prozent im Jahr 2000 (Harry Potter und der Feuerkelch sowie Harry Potter und der Gefangene von Askaban).

Auch auf der Ertragsseite macht sich Potter bemerkbar. In den Potterjahren flossen reichlich Galleonen mit Gewinnsteigerungsraten von 49 Prozent (2000 sogar 94 Prozent). In der Zwischenzeit gab es mit einem Gewinnanstieg von 19 Prozent vergleichsweise nur ein paar Sickel.

Der nächste Besenflug kommt bestimmt

Die bessere Entwicklung schlägt sich auch in einer besseren Kursentwicklung nieder. 1999 begann der Lauf der bis dahin eher trägen Aktie nach oben. Nach 500 Prozent Kursgewinn machte sie zwei Jahre Pause. Mitte 2002 gab ihr der Orden des Phönix einen neuen Schub, der sie binnen eines Jahres rund 67 Prozent nach oben hievte.

Danach ging es seitwärts bis der Halbblutprinz ihr seit Ende 2004 zu einem neuen Höhenflug auf von rund 47 Prozent auf ein Allzeithoch von 396 Pence am 23. Juni verhalf. Auch die Bloomsbury-Aktie ist mit KGVs von 18,5 und 18 nicht billig.

Am besten wartet man auf den siebten Harry Potter-Band. Der günstigste Zeitpunkt ist erfahrungsgemäß der Tag, an dem das Erscheinungsdatum angekündigt wird. Band Sieben dürfte beiden Aktien sozusagen zum Abschluß noch einmal einen kräftigeren Schub nach oben verleihen, nachdem die Wirkung des Elexiers in letzter Zeit offenbar etwas nachgelassen hat. Schließlich ist der siebte Band der letzte und präsentiert gerüchteweise möglicherweise den Tod von Harry - was weder die Fans noch die Verlage J.K. Rowling jemals wirklich verzeihen werden.

Der Chart zeigt die Kursentwicklung der Scholastic-Aktie im vergangenen Jahr.
Der Chart zeigt die Kursentwicklung der Scholastic-Aktie im vergangenen Jahr.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @mho
Bildmaterial: REUTERS

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