Branchen-Analyse

Privatisierung könnte russische Festnetz-Aktien zum Klingeln bringen

Rußlands Festnetz bedarf der Privatisierung

Rußlands Festnetz bedarf der Privatisierung

04. Januar 2006 Die Festnetz-Telefonie verliert gegenüber dem Mobilfunk immer mehr an Marktanteil. Das ist in Rußland genauso wie andernorts auf der Welt. Dennoch könnten gerade die Aktien von Unternehmen, die im Festnetzgeschäft tätig sind, zu den großen Börsenstars 2006 werden. Zumindest dann, wenn die Broker UBS und UFG Recht behalten. Denn die dortigen Analysten veranschlagen die Kursziele für viele Branchenvertreter markant höher ein als die aktuellen Börsenkurse. Und einen Katalysator, der diese Differenz verkleinern könnte, haben sie mit dem angekündigten Verkauf eines 75prozentigen Anteils eines vom Staat gehaltenen Anteils an der Telekom-Holding Svyazinvest bereits gefunden.

Details zu diesem Vorhaben, mit dem der Staat im Juni mindestens 3,3 Milliarden Dollar einspielen will, gibt es zwar noch nicht. Aber die Kurse verschiedener Svyazinvest-Töchter sind schon im Jahr 2005 in Erwartung des Teilverkaufs der Holding merklich gestiegen. Das vorhandene Kurspotential ist damit nach Analysteneinschätzung aber noch lange nicht ausgeschöpft. Vielmehr veranschlagen die UFG-Analysten die Kursziele auf Sicht der nächsten zwölf Monaten bei Gesellschaften wie Sibiria Telecom, NW Telecom, Volga Telecom, Uralsvazinform, MGTS, Far East Telecom, Central Telecom, South Telecom und Golden Telecom im Schnitt um rund 80 Prozent über den aktuellen Kursen, was aus Anlegersicht natürlich sehr verlockend klingt.

Losgelöst vom Staat könnten viele Potentiale gehoben werden

Die Privatisierung wird deshalb als positiver Katalysator eingeschätzt, weil die bisher staatlich geführten Unternehmen erst als privatwirtschaftlich organisierte Gesellschaften in der Lage sein werden, ihre Geschäftsprozesse zu optimieren, die Belegschaft zu straffen und bisher ungenutzte Einsparpotentiale zu heben sowie speziell bei den Ortsgesprächen die Preise zu erhöhen und neue Dienstleistungen anzubieten. Wobei die UFG-Analysten in einer Studie bereits die in den ersten neun Monaten 2005 erzielten deutlichen Verbesserungen bei der Profitabilität und der Effizienz des Kapitaleinsatzes lobend erwähnen.

Neben der Privatisierung spricht aber auch die Tatsache für den Sektor, daß das Festnetz-Geschäft in Rußland noch immer wächst und damit weltweit zu den Ausnahmen zählt. Erklären läßt sich das wiederum mit lokalen Reformen bei den Telekomtarifen sowie dem durch das hohe Wirtschaftswachstum begünstigte Wachstum bei den Telefongesprächen. Sollte sich außerdem der Rubel weiter befestigen, wäre dies für die Festnetz-Anbieter ein Vorteil, erzielen sie doch die meisten ihre Umsätze in Rubel, während die Investitionsaufwendungen meistens in Dollar anfallen.

Beim Broker UFG heißt es dazu: Die wahrscheinlich gewordene Privatisierung hat den Fokus der Anleger auf das Restrukturierungspotential gelenkt, welches Festnetzanbieter beinhalten.“ Bei UBS , wo die lokalen Telekomanbieter aus dem Festnetzbereich unter Risikoaspekten sogar zur aktuellen Top-Empfehlung erkoren wurden, heißt es dazu als Begründung: „Die Sache ist deshalb attraktiv, weil sie alles beinhaltet, was das Investieren in Rußland zuletzt so interessant gemacht hat. Dazu zählen günstige Vermögenswerte, dauerhafte Restrukturierungen, Fokussierung auf den boomenden inländischen Konsum, steigende Gewinne und die Kurse beinhalten noch eine hohe Risikoprämie.“

Ausländische Übernahmeinteressenten dürften kaum Chancen haben

Bei UFG werden aus dem Sektor die Unternehmen Central Telecom, South Telecom und North-West Telecom favorisiert. Auch die Bewertung integrierter Anbieter wie Uralsvyazinform, Siberia Telecom und Far East Telecom lasse noch Luft nach oben, aber der Kursgewinne sollten geringer ausfallen als bei den reinen Mobilfunkanbietern MTS und Vimpelcom. UBS hebt dagegen mit Northwest, Siberia, Far East, Center, MGTS, Volga, South, Uralsvyazinform gleich sechs Titel auf das Favoritenschild. Für dividendenhungrige Anleger könnte noch interessant sein, daß UBS die geschätzten Dividendenrenditen für die Branche in den Jahren 2006 bis 2008 immerhin auf 4,1, 5,8 und 7,1 Prozent beziffert.

Alle genannten Argumente lesen sich zwar gut, aber es muß auch beachtet werden, daß Verzögerungen und Rückschläge bei der Privatisierung wegen der strategischen Bedeutung des Sektors für das Militär nicht völlig ausgeschlossen sind. Und natürlich müssen die bisher ungenutzten Gewinnpotentiale erst einmal gehoben werden, damit die erwähnten Unternehmen auch in die von den Analysten errechneten Kursziele hineinwachsen können.

Was den Privatisierungsprozeß selbst angeht, schätzen die Analysten bei UFG übrigens die Chancen ausländischer Bieter auf einen Zuschlag als gering ein. Vermutlich dürften die Gesellschaften im Besitz russischer Adressen bleiben. Die in Telekom-Bereich tätigen Holdings Alfa, Sistema und Telecominvest haben ihr Interesse auch schon Kund getan.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @JüB
Bildmaterial: FAZ.NET, picture-alliance / dpa, UFG Research estimates

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