Schwellenländer

Chinas Aktien treffen hausgemachte Probleme hart

Von Christoph Hein, Singapur

20. März 2008 Die große Mauer hat China vor Eindringlingen bewahrt - vor den Turbulenzen an den internationalen Aktienmärkten indes kann auch sie das Reich der Mitte nicht schützen. Hinzu kommt die wachsende Sorge um hausgemachte Probleme. Dazu zählen die Spekulationsblase, die ausufernde Inflation und die Sorge vor einem scharfen Einbruch des Wachstums in China.

Die Politik versucht, mit aller Macht gegenzusteuern. Die Wertpapiermärkte indes konnten ihre Manöver bislang nicht beruhigen. Wie labil der innerchinesische Aktienmarkt ist, zeigt der Wochenbeginn: An diesem Montag wurde der Handel von fast 200 der in Yuan notierten A-Aktien unterbrochen, nachdem sie den höchsten erlaubten Tagesverlust von 10 Prozent erreicht hatten. Der Index selbst verlor 3,6 Prozent und endete auf dem tiefsten Stand seit gut acht Monaten. "Panik und Missstimmung haben den gesamten Markt erreicht. Egal ob es gute oder schlechte Nachrichten gibt, die deutlichen Verkäufe werden allein durch die Unsicherheit vorangetrieben", sagt Zhou Lin, Analyst von Huatai Securities.

Weitere Kursverluste wären nötig, um eine faire Bewertung zu erreichen

Seinen Höchststand hatte der Shanghai Composite Index am 16. Oktober vergangenen Jahres bei 6.092 Punkten erreicht. Mitte der Woche notierte er nur noch um die 3.800 Punkte. Analysten erwarten, dass der innerchinesische Markt der Yuan-Aktien (A-Aktien) vom heutigen Stand aus betrachtet noch etwa weitere 15 Prozent werde nachgeben müssen, bevor eine faire Bewertung der Unternehmensanteile erreicht sei. „In den nächsten zwei bis drei Wochen erwarten wir eine technische Unterstützungslinie bei 3400 Punkten, dem Stand vom Sommer vergangenen Jahres. Eine Garantie, dass sie trägt, gibt es freilich nicht", sagt Chen Jinren, Analyst bei Huatai Securities.

Das Ausmaß der Blase zeigt die Entwicklung des gesamten Anlagenmarktes: In weniger als zwei Jahren haben die Börsengänge und die steigenden Kurse den Anteil der Marktkapitalisierung an allen Finanzanlagen in China von 9 auf 40 Prozent hochgetrieben. Die verbleibenden 60 Prozent werden in einigen wenigen Anleihen und vor allem in Bargeld gehalten. Auch wenn der Anteil des Kapitals in Aktien für Asien nicht unüblich ist, so ist es gleichwohl die Geschwindigkeit der Steigerungsrate. Der Zug in die Aktie wird entfacht durch einen Mangel an Alternativen. Kleinsparer tragen ihre Yuan an die Börse, weil dort in den vergangenen zwei Jahren einerseits gutes Geld zu verdienen, andererseits nirgends eine Alternative zu erkennen war. Auf dem Sparbuch wäre das Geld nur zusammengeschmolzen. Denn die Geldentwertung ist seit langem höher als der gebotene Zins. Mit einer Inflationsrate von 8,7 Prozent im Februar und Zinsen um die 4 Prozent fällt keinem Sparer die Entscheidung schwer.

Die Sorgen der Chinesen speisen sich nun aus den wachsenden Problemen im Westen und eigenen Schwierigkeiten. Klar aber ist, dass im Falle einer tiefgreifenden Krise am chinesischen Aktienmarkt die Regierung gefragt wäre: Denn in China, wo es kein tragendes Konzept der Altersvorsorge oder eine breite Abdeckung dank einer Rentenkasse gibt, entstünde aus einem Zusammenbruch des Marktes großer Unmut in der heranwachsenden Mittelschicht. Die Aktionäre spekulieren seit Jahren darauf, dass die Regierung dies genauso sieht und dem Markt im Zweifelsfall unter die Arme greifen würde. Wie sie das machen sollte? Am Mittwoch zogen die Kurse um gut 3 Prozent an. Der Grund: Es kamen Gerüchte auf, die Regierung werde die Handelsgebühren senken. Ein solcher Schritt allein indes würde sich wohl bald als Strohfeuer entpuppen.

Viele chinesische Exportunternehmen dürften ihre Gewinnziele nicht erreichen können

Dabei lohnen sich Gedanken darüber, denn die Lage spitzt sich zu. Extreme Überbewertungen mit dreistelligen Kurs-Gewinn-Verhältnissen waren nicht selten. Immer noch gilt ein KGV von gut 20 als durchaus normal für den Schwellenmarkt. Aber können die Unternehmen solche Versprechen halten? Die Inflation treibt auch die Löhne. Zeitgleich erhöht die Zentralbank die Zinsen. Zudem verteuert ein steigender Yuan die Ausfuhren. Die aber gehen vor allem nach Amerika, das von einer Wirtschaftskrise heimgesucht wird. Es steht zu erwarten, dass viele der ausführenden Unternehmen ihre Gewinnziele nicht werden erreichen können. Nun, wo diese Erkenntnis den Aktionären dämmert, werden sie nervös.

Kein Wunder, dass immer mehr Unternehmen ihren Börsengang verschieben müssen. Nun aber haben die Aktionäre der Ping An Insurance, Chinas zweitgrößter Versicherungsgesellschaft, eine Kapitalerhöhung von geschätzten 120 Milliarden Yuan (11,12 Milliarden Euro) genehmigt. Ob die Behörden sie ebenfalls genehmigen werden, ist höchst fraglich. Immerhin gilt das Ping-An-Vorhaben als die sechstgrößte Kapitalerhöhung aller Zeiten. Andere werden von sich aus vorsichtiger: China Pacific Insurance etwa vertagte ihren 4 Milliarden Dollar schweren Börsengang in Hongkong auf unbestimmte Zeit. Auslöser der Zweifel war der Börsengang von China Railway Construction: Zwar erzielte die Baugesellschaft der Tibet-Bahn Anfang März 5,4 Milliarden Dollar am Markt. Doch lag der Kurssprung deutlich niedriger als bei vergleichbaren Gängen aufs Parkett.

Auch die chinesische Sonderverwaltungsregion Hongkong bleibt nicht ungeschoren. Zum einen, weil sie selbst als Exportstandort stark vom Geschehen auf der anderen Seite des Pazifiks abhängig ist. Zum anderen, weil sie zum Handelsplatz von Papieren festlandchinesischer Unternehmen heranreift. Besonders gefährdet scheint der Hang Seng China Enterprises Index, der die H-Aktien festlandchinesischer Unternehmen in Hongkong notiert. Er hat im vergangenen Jahr rund 60 Prozent gutgemacht. Die Spekulation auf die H-Aktien lebte zuletzt von der Ankündigung Pekings, auch Festlandchinesen an der Börse der Sonderverwaltungsregion handeln zu lassen.

Öffnung der Finanzmärkte in Hongkong für Festlandchinesen verschoben

Zwar sollte dies zunächst nur für Bürger einer Provinz genehmigt werden. Doch waren schon in den Herbstferien ganze Busladungen von Festlandchinesen in Hongkongs Banken geströmt, um dort Internetkonten zu eröffnen. Nun hat Peking die Rolle rückwärts gemacht: Die Öffnung Hongkongs für Festlandchinesen ist auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben. Peking weiß nur zu gut: Sobald die Mauer für Spekulanten zwischen Festlandchina und Hongkong fällt, werden Milliarden an die dortige Börse fließen. Und in Schanghai und Shenzhen fehlen.

Denn Hongkong ist, gemessen an den beiden innerchinesischen Handelsplätzen, deutlich attraktiver. Zum einen herrscht hier eine Börsenaufsicht, die als genau und unabhängig gilt. Unternehmenswerte, die hier zum Handel zugelassen werden, gelten damit als verlässlicher als diejenigen, die nur in China selbst am Markt sind. Auch werden die Aktien hier, in einem internationalen Umfeld, wesentlich fairer bewertet als in China selbst. Das wiederum führt zu unterschiedlichen Bewertungen für ein und dasselbe Unternehmen - es ist keine Seltenheit, dass seine Anteilsscheine in Festlandchina 30 oder auch 50 Prozent höher bewertet werden als in Hongkong. Im Durchschnitt kommen die in Schanghai und Shenzhen gehandelten Papiere auf das gut 41-Fache der Unternehmensgewinne, verglichen mit einem Wert von knapp unter 20 für die chinesischen Aktien in der festlandchinesischen Sonderverwaltungsregion.

Text: che., F.A.Z., 20.03.2008, Nr. 68 / Seite 27
Bildmaterial: FAZ.NET

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