Aktienmarkt-Analyse

Wunderdinge dürfen von der Wiener Börse nicht mehr erwartet werden

28. Dezember 2006 Bis vor kurzem sah es noch so aus, als ob der österreichische Aktienindex ATX erstmals seit langem den Performance-Wettstreit mit dem Dax verlieren sollte. Doch dank eines starken Schlußspurts in den vergangenen Wochen bewegen sich die beiden Indizes inzwischen mit einem Plus von rund 22 Prozent wieder auf Augenhöhe.

Mit einem starken letzten Handelstag am Freitag hat der ATX nun sogar theoretisch noch die Chance, am Dax vorbeizuziehen. Aber unabhängig davon, ob das gelingt, wird an der diesjährigen Entwicklung deutlich, daß der Wiener Aktienmarkt anders als in den Vorjahren jetzt kein absolutes Eigenleben mehr führt.

Performance-Angleichung an andere Westbörsen dürfte anhalten

Vielmehr hat sich die Performance an die der anderen westeuropäischen Börsen angeglichen. Und wenn es nach dem Urteil der meisten Marktexperten geht, dann wird sich dieser Trend auch 2007 fortsetzen. Als Trost kann es dabei aber gewertet werden, daß dem Markt erneut Kursgewinne zugetraut werden.

Für eine anhaltende Angleichung der Performance spricht der Umstand, daß die Wiener Börse gegenüber den westeuropäischen Börsen keinen generellen Bewertungsvorteil mehr aufweist. So beziffern die CA-IB und die Erste Bank das Kurs-Gewinn-Verhältnis der im ATX enthaltenen Unternehmen auf Basis der für 2007 erwarteten Gewinne im Schnitt auf 14 bis 15.

Deutlich nachlassen dürfte im kommenden Jahr zudem das in den Vorjahren noch so stramme Gewinnwachstum. Die CA-IB sieht die Ergebnisse der Unternehmen 2007 nur noch um durchschnittlich 4,7 Prozent wachsen und die Erste Bank um 5,5 Prozent. Stimmen diese Annahme, verliert ein wichtiger Kurstreiber an Schwung.

Die starke Präsenz in Osteuropa hilft noch immer

Trotzdem muß das nicht das Ende der Hausse bedeuten. Schließlich rechnet die CA-IB schon 2008 mit einem wieder auf im Schnitt 11,1 Prozent anziehenden Gewinnwachstum. Als Kursstütze sollte sich nach Ansicht von Fachleuten auch das weiter grasierende Fusions- und Übernahmefieber erweisen. Ebenfalls als Kaufargument noch nicht völlig ausgedient hat auch die starke Präsenz der österreichischen Unternehmen in Zentral- und Osteuropa.

So kommt Analyst Günther Artner von der Erste Bank zu dem Schluß: „Das Wachstumspotenzial vieler Unternehmen in Osteuropa wird zwar mittlerweile oft zitiert, bietet aber letztlich noch über viele Jahre hinweg für zahlreiche österreichische Unternehmen überdurchschnittliche Wachstumsperspektiven. Vor allem aber kann dadurch die Wachstumsabschwächung in Amerika abgefedert werden.“ Dieses zuversichtliche Urteil läßt sich nachvollziehen, wenn zudem das Argument von Peter Szopo von Sal. Oppenheim berücksichtigt wird: „Derzeit kommen rund 36 Prozent der Gewinne der ATX-Unternehmen aus Zentral- und Osteuropa, mittelfristig wird dieser Anteil noch steigen,“ rechnet er vor.

Vermutlich auch unter Würdigung aller zuvor genannten Gründe gibt sich auch Alexander Proschofsky, beim Austria-Börsenbrief zuständig für die Abdeckung des Österreich-Aktienmustedepots, zuversichtlich: „Wir bleiben für die kommenden Wochen ungebrochen optimistisch gestimmt.“ Sein Urteil ist deshalb von Gewicht, weil er den Wiener Aktienmarkt in- und auswendig kennt. Wie gut sein Urteilsvermögen ist, zeigt sich auch daran, daß es sein Musterdepot seit 1993 auf eine durchschnittliche jährliche Veränderung von mehr als 28 Prozent gebracht hat.

Empfehlungslisten enthalten zwei solide Titel, eine spekulativere Wette und eine echte Wild Card

Zu den Einzeltiteln, auf die Proschofsky derzeit setzt, zählen der auf Lichttechnik spezialisierte Konzern Zumtobel (ISIN: AT0000837307) sowie der Ziegelproduzent Wienerberger (ISIN: AT0000831706). Diese beiden Werte stehen auch auf vielen anderen Favoritenlisten, was wohl mit den starken Kurssteigerungen zu erklären ist, die man sich am Markt von diesen Unternehmen erhofft. So rechnet die CA-IB bei Zumtobel in den Jahren 2006/07 und 2007/08 mit einem Gewinn je Aktie von 1,84 und 2,22 Euro, nach 1,17 Euro im Geschäftsjahr 2005/06. Bei Wienerberger wird 2007 und 2008 ein Gewinnanstieg auf 3,30 und 3,62 Euro für möglich gehalten, nach voraussichtlich 2,77 Euro in diesem Jahr.

Ebenfalls beliebt ist bei vielen Experten der Zellstoffhersteller Intercell (ISIN: AT0000612601). Noch erwirtschaftet dieses Unternehmen zwar Verluste, aber die Produkt-Pipeline wird als sehr aussichtsreich bewertet. Im Verlauf des kommenden Jahres wird mit Erfolgen bei den klinischen Studien gerechnet. Stellen sich diese ein, kann der Titel seine bereits eingefahrenen stattlichen Gewinne weiter ausbauen. Weil Erfolge aber nicht garantiert sind, handelt es sich hierbei um eine spekulative Wette.

Ebenfalls sehr spekulativen Charakter hat ein Engagement beim Sportwettenanbieter BWin (ISIN: AT0000767553), vormals bekannt unter BetandWin. Wie ausgesprochen volatil dieser Wert zeigt, vermittelt schon ein kurzer Blick auf den Chart. Erst wurde der Aktienkurs hochgejubelt, bevor der Titel dann im zu Ende gehenden Jahr massiv für die Probleme abgestraft wurde, mit der die ganze Branche zu kämpfen hat. Die Umsatz- und Gewinnversprechen nicht eingelöst wurden, sind die Verluste auch durchaus nachvollziehbar.

Für CA-IB-Chefanalyst Alfred Reisenberger zählt der Titel aber trotz dieser Tatsache und aller verbliebenen Rechtsunsicherheiten, wie es nun auf dem Glücksspielmarkt für nicht-staatliche Anbieter weitergeht, zu den drei Top-Picks für 2007. Sein Institut hat jüngst die Empfehlung für die Aktie von Verkaufen auf Kaufen gedreht und das Kursziel von 12 Euro auf 22 Euro angehoben. Ein Titel wieder dieser ist aber in jedem Fall nur etwas für hartgesottene Anleger, die zudem fest davon ausgehen, daß das Unternehmen die schlimmsten Hiobsbotschaften hinter sich hat.


Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @JüB

 
Tops & Flops+/-Prozent
INFINEON TECHNOLOGIE +0,19 +3,93
BAYER AG INHABER - A +1,34 +2,48
THYSSENKRUPP AG INHA +0,47 +1,49
MUENCHENER RUECKVERS -14,04 -12,06
COMMERZBANK AG INHAB -1,83 -8,27
ALLIANZ SE VINK.NAME -8,97 -7,84
NamePunkteProzent
Dax 6.341,30 -1,54
TecDax 713,89 -1,07
DowJones 11.349,28 -2,43
Nasdaq 2.280,11 -1,97
STOXX 50 3.303,44 -1,52
Nikkei 225 13.334,76 -1,97
Euro/Dollar 1,57 +0,26
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Gold 932,02 +0,47
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