Nebenwerte

Röder Zeltsysteme will an indischen Brautpaaren verdienen

19. Juli 2007 Indien ist ein toller Markt. Nicht nur die Großkonzerne entdecken im Rahmen der Globalisierung den Subkontinent. Auch für Mittelständler gewinnt er an Attraktivität - zum Beispiel für Anbieter von Großzelten. Zu den Marktführern in dieser Branche hierzulande gehört die Büdinger Röder Zeltsysteme AG. Und deren Vorstandschef Rainer Blasius hat jetzt etwas entdeckt, das in der Zukunft für richtig gute Geschäfte sorgen könnte: „Die Inder haben eine ausgeprägte Tradition mit Hochzeiten“, weiß Blasius.

Wenn in Delhi und Bombay geheiratet wird, dann meist in richtig großem Maßstab. „Da gibt es Feiern, bei denen 1.500 Leute eingeladen sind“, sagt Blasius. Diese Leute müssen irgendwo unterkommen. Bald in einem Zelt von Röder, hofft der Manager. Das oberhessische Unternehmen ist spezialisiert auf Riesenzelte und hat Erfahrung mit Großereignissen. Ob Papstbesuch, ob Fußball-WM, ob Vorstellung des neuen Smart, stets kamen die Besucher in einem Röder-Zelt unter.

Vom seriösen Wert zum Penny Stock und wieder zurück

Für Anleger ist die Aktie inzwischen durchaus einen Blick wert. Nach dem Börsengang 1992 bereitete das Nebenwerte-Papier zunächst wenig Freude. Der Kurs stürzte von umgerechnet mehr als 200 Euro bis 1995 auf weniger als 50 Euro ab. Ende der neunziger Jahre ging es weiter runter, und nach der Jahrtausendwende mutierte das Papier gar zum Penny Stock: Zeitweise war es für weniger als einen Euro zu haben. In diesem Jahr dagegen kratzte der Titel aber mit 53,95 Euro in der Nähe eines Mehrjahreshochs.

Die Investoren wissen inzwischen, was sie an Röder haben. Die Sonderkonjunktur im Zuge der Fußball-WM in Deutschland ließ den Umsatz im vergangenen Jahr um gut 14 Prozent auf 48 Millionen Euro steigern. Die Gewinne kletterten noch kräftiger. Das Vorsteuerergebnis stieg um fast ein Viertel auf 5,8 Millionen Euro. Den Jahresüberschuss bezifferte Röder auf 5,3 Millionen Euro. Dies entspricht einem Zuwachs von annähernd 56 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Gute Geschäfte auch ohne Fußball-WM

Seit neuestem veröffentlicht Röder auch Quartalszahlen. im ersten Vierteljahr 2007, so ist der letzten Zwischenmitteilung zu entnehmen, kletterten die Erlöse um 17 Prozent auf knapp neun Millionen Euro. Diese Zuwächse seien vor allem der zunehmenden Vermietung von Zelten zu verdanken, heißt es bei Röder. Rund die Hälfte des Geschäfts entfallen auf Zelt-Verkäufe, die andere Hälfte auf Vermietungen.

Anleger und Analysten rechnen mit einem anhaltenden Umsatz- und Gewinnwachstum bei dem Zeltbauer mit seinen 359 Mitarbeitern. Vorstandschef Blasius bemüht sich, die Euphorie nicht überborden zu lassen. „Wir wollen die gute Entwicklung weiter fortschreiben“, sagte er auf Anfrage. Konkret heißt das: Auch ohne die Sonderkonjunktur von 2006 - die WM beförderte den Umsatz um zusätzliche drei Millionen Euro - will Blasius das Vorjahresresultat halten. „Vielleicht auch ein bissschen mehr“, sagt er. Auf der Hauptversammlung am Freitag (20. Juli) in Offenbach will er zusätzliche Geschäftsdetails vorlegen.

„Tolle Entwicklungen“ in China und Russland

Große Hoffnungen setzt Röder auf die - so Blasius - „tollen Entwicklungen“ der neuen Tochterfirmen in China und Russland. In China stehen die Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking bevor. Das dürfte dem Zeltbauer zugute kommen, obwohl mit dem „offiziellen Bereich“ den Angaben zufolge noch keine Verträge abgeschlossen sind. In China verfügt Röder über zwei Niederlassungen, die in Peking und Schanghai ansässig sind. Da der Export von Büdingen nach Fernost unwirtschaftlich wäre, unterhält Röder dort eine kleine eigene Produktion.

Gemeinsam mit der Russland-Tochter hat das China-Geschäft für Umsätze von 6,5 Millionen Euro gesorgt, wie das Unternehmen jüngst bekanntgab. Nur rund 30 Prozent des Geschäfts macht Röder noch hierzulande, Tendenz sinkend.

Aktie steht fundamental gut da, ist aber wenig liquide

Fundamental betrachtet steht die Aktie relativ gut da. Auf der Basis von Geschäftsprognosen für 2007 liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis bei 11 - ein moderater Wert. „Wir sind weiter zuversichtlich für die operative Entwicklung gestimmt und gehen von einer weiteren Umsatzsteigerung in 2007 aus“, heißt es in einer Aktienanalyse von GBC Research. Anfang Juni, als sich der Röder-Kurs auf ähnlichem Niveau bewegte wie heute, wurde ein Kursziel von 64 Euro genannt. Auf der HV werden die Aktionäre voraussichtlich eine Dividende von 1,20 Euro beschließen, nach einem Euro im Vorjahr.

Zuversichtliche Anleger müssen indes beachten, dass Aktie relativ illiquide ist. 76 Prozent der Anteile werden vom Vorstand und der Geschäftsleitung gehalten, 24 Prozent befinden sich im Streubesitz. Bei einer Marktkapitalisierung von gerade mal 45 Millionen Euro können schon kleinere Kauf- oder Verkaufaufträge zu großen Kursausschlägen führen.

Daneben gilt, dass Wachstumsmärkte wie China, Russland und künftig auch Indien mit hoher Unsicherheit behaftet sind. Beispiel Indien: Bevor Unternehmen mit Heiratenden Geld machen können, müssen die Brautpaare und ihre Familien erst einmal selbst Geld besitzen. Wie viele Experten auch geht Blasius davon aus, dass auf dem Subkontinent nach und nach eine vermögende Mittelschicht heranwächst. Ob diese dann für ihre Hochzeiten Röder-Zelte bestellen? Wer vermag das heute zu sagen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @tih
Bildmaterial: FAZ.NET, Röder

 
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