Solarfirmen

Über Conergy geht die Börsensonne unter

26. Oktober 2007 Mancher Börsianer mutmaßte schon, Conergy habe unangekündigt einen Aktiensplit vorgenommen. Leider nicht - die Kursentwicklung am Freitag war echt und eins zu eins zu nehmen. Schon im vorbörslichen Handel belief sich das Minus der Solar-Aktie auf 20 Prozent. Und im offiziellen Geschäft ging es dann richtig zur Sache. Mit 35 Prozent fiel der Verlust zeitweise fast doppelt so hoch aus wie die vorbörsliche Entwicklung befürchten ließ. Eine Aktie, die am Vorabend noch 53 Euro kostete, war am nächsten Morgen für knapp 35 Euro zu haben.

Diesen keineswegs versehentlichen Zahlendreher löste eine Ad-hoc-Mitteilung aus, die das Unternehmen in der Nacht zuvor verbreitete. Darin senkte der Solarkonzern nach enttäuschend verlaufenen ersten neun Monaten seine Ergebnis- und Umsatzprognose für das Gesamtjahr 2007. Das Konzernergebnis werde nach aktueller Einschätzung negativ ausfallen, teilte das Unternehmen mit. Operativ könnte im schlechtesten Fall ein Minus von zehn Millionen Euro zu Buche schlagen. Der Umsatz soll mit gut einer Milliarde Euro etwa 200 Millionen Euro unter Plan bleiben.

„Die schlimmsten Gerüchte haben sich bewahrheitet“

Eine solche Mitteilung nennt sich Gewinnwarnung und kommt beim besten Unternehmen einmal vor. Dann gibt der Kurs fünf oder auch zehn Prozent nach - und gut. Nicht so bei Conergy. Der regelrechte Ausverkauf und Kursverfall um ein Drittel war vor allem der Informationspolitik des Unternehmens geschuldet. Gerade gut zwei Wochen ist es her, da sagte ein Firmensprecher: „Wir sehen keinerlei Anlass, an unseren Jahreszielen etwas zu ändern. Wir bekräftigen unser Umsatz- und Ergebnisziel.“

Solche Aussagen waren schon damals mit Skepsis aufgenommen worden. „Überraschend kommt diese Gewinnwarnung nicht - wir haben den Prognosen des Managements nicht mehr getraut“, sagte Sebastian Growe von Equinet. Allerdings sei das Ausmaß ein Schock. Und die Glaubwürdigkeit habe deutlich gelitten. Diesem Verdikt schloss sich auch ein Händler an - viele Anleger fühlten sich nun hinters Licht geführt: „Das ist ein herber Vertrauensbruch - die schlimmsten Gerüchte nach dem Weggang des Finanzvorstands haben sich nun bewahrheitet“, sagte ein anderer.

Damals hatte Conergy-Chef Hans-Martin Rüter mit der Bestellung des einstigen Schering-Managers Jörg Spiekerkötter zum neuen Finanzchef für Unruhe gesorgt Spiekerkötter löst zum 1. November Heiko Piossek ab. Warum das so kurzfristig geschehen musste, konnte das Unternehmen seinerzeit nicht schlüssig erklären. Jetzt zählen die Anleger eins und eins zusammen.

Der Markt für Solarmodule ist „leer gefegt“

Die offizielle Begründung für die neue Geschäftseinschätzung: Lieferschwierigkeiten bei Solarmodulen und gestiegene Personalkosten. Der Markt für Solarmodule sei durch die hohe Nachfrage vor allem aus Spanien leer gefegt, sagte ein Firmensprecher am Freitag. Conergy könne mit seinen Aufträgen nicht Schritt halten. Erst jetzt habe das Management seine Hoffnung aufgegeben, dass die fehlenden Modulmengen im vierten Quartal wie vereinbart noch geliefert würden. Den Umsatzausfall bezifferte der Sprecher mit 130 Millionen Euro.

Zudem belasteten die gestiegenen Personalkosten. Conergy habe seit Jahresbeginn die Zahl seiner Mitarbeiter um mehr als 1.000 auf 2.600 aufgestockt. Ende 2004 beschäftigte das 1998 gegründete Unternehmen, dessen Umsatz 1999 noch bei einer Million Euro lag, rund 350 Menschen.

Im dritten Quartal fiel nach ersten Berechnungen ein Verlust von 10,3 Millionen Euro an nach einem Gewinn von drei Millionen Euro vor Jahresfrist. Der Umsatz stieg auf 223 (Vorjahr: 140) Millionen Euro. Von Januar bis September ergab sich ein Minus von 8,8 (plus 3,0) Millionen Euro bei einem Umsatz von 641,1 (384) Millionen Euro.

Jetzt soll das Wachstum profitabel sein

Der Vorstand will nun gegensteuern. Die verstärkte Ausrichtung auf profitables Wachstum in der Photovoltaik sowie eine Verbesserung der Kosten- und Unternehmensstrukturen seien Kern der Maßnahmen.

Für die eigene Modulproduktion in Frankfurt an der Oder sicherte sich die Firma über den amerikanischen Hersteller MEMC einen wesentlichen Teil ihres Bedarfs an Solarsiliziumwafern. Bis 2018 soll MEMC Wafer für sieben bis acht Milliarden Dollar liefern. Dieser grundsätzlich positive langfristige Liefervertrag rückte an der Börse und bei Analysten in den Hintergrund. Zumal ihn Analyst Growe mit Skepsis betrachtet. Der Vertrag sichere lediglich 40 Prozent der benötigten Kapazitäten für 2008.

Growe bekräftigte seine negative Einstellung zur Aktie mit „Reduce“ und blieb damit nicht alleine. Die Commerzbank stufte die Titel in einer ersten Reaktion von „Buy“ auf „Sell“ ab. Die Gewinnwarnung sei dramatisch, schrieb Analyst Erkan Aycicek. „Die Zahlen sind sehr negativ“, urteilte Philipp Bumm von Cheuvreux am Freitagmorgen. „Meine Einstufung lautet 'Sell'“. „Ich habe schon schlechte Zahlen erwartet, aber nicht in dem Ausmaß“, erklärte Analyst Karsten von Blumenthal von SES Research. Er erwägt, das Papier auf „Verkaufen“ von „Halten“ abzustufen.

Das Geschäftsmodell gerät in die Kritik

Wer darauf setzt, dass Conergy nach dem Kursverfall jetzt wieder einen Kauf wert ist, muss sich dreierlei klarmachen. Die Aktie ist zwar inzwischen drastisch günstiger zu haben. Und Conergy ist keine kleine Bude mehr, sondern eine Branchengröße und nach eigenen Angaben das umsatzstärkste Solarunternehmen in Europa. Ein Unternehmen aber, dem die Anleger misstrauen, hat es an der Börse schwer. Jetzt müssen die Hamburger positiv überraschen, wenn sie reüssieren wollen.

Inzwischen aber ist sogar das Geschäftsmodell in die Kritik geraten. „Es gibt keinen Fokus, auf den sich das Unternehmen ausreichend konzentriert“, sagte ein Experte. Conergy will das Windgeschäft als wichtiges Standbein neben dem Verkauf von Solaranlagen etablieren. An seiner Ausrichtung auf verschiedene Bereiche will Rüter festhalten. Denn er rechnet künftig mit mehr Wettbewerb. Wenn Solaranlagen mal nicht so gut laufen, sollen Windräder, solarthermische Kraftwerke oder Solarwärme dies ausgleichen.

Doch der Ausbau gelingt - zumindest in diesem Jahr - nicht so schnell wie gewünscht. „Wir hätten schneller wachsen können“, sagt der Conergy-Chef. Er hat gerade vor einer Woche den Preis „Entrepreneur des Jahres 2007“ für unternehmerische Spitzenleistungen erhalten.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @tih
Bildmaterial: ddp, dpa, FAZ.NET

Tops & Flops+/-Prozent
HYPO REAL ESTATE HOL +1,20 +29,06
COMMERZBANK AG INHAB +1,89 +19,42
INFINEON TECHNOLOGIE +0,43 +15,66
MERCK KGAA INHABER - +0,84 +1,36
BAYER AG INHABER - A +0,87 +2,11
DEUTSCHE POST AG NAM +0,29 +2,52
NamePunkteProzent
Dax 4.789,84 +5,40
TecDax 568,99 +10,11
DowJones 8.451,19 -1,49
Nasdaq 1.649,51 +0,27
STOXX 50 2.550,36 +5,31
Nikkei 225 8.276,43 -9,62
S&P 500 Zert. 8,83 -10,45
Euro/Dollar 1,36 +0,21
Bund Future 114,35 -0,28
Gold 859,98 +1,48
Öl 76,65 -7,49
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche

F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001 - 2008

Quellen: IS.eFinance Solutions using Deutsche Börse AG, Morningstar und weitere. IS.eFinance Solutions implemented and powered by Interactive Data Managed Solutions AG, ©  1999-2007. Alle Börsendaten werden mit 15 Minuten Verzögerung dargestellt.