Stahl

Stahl-Aktien in der Preisklemme

06. März 2008 Die Stahlkonjunktur brummt immer noch - zumindest in Deutschland. Zwar wächst die Produktion nicht mehr, doch die Wirtschaftsvereinigung Stahl erwartet, dass die Rohstahlproduktion auch im kommenden Jahr auf dem Niveau von 2007 verharren wird. Im vergangenen Jahr war die Rohstahlproduktion in Deutschland auf einen neuen Höchststand von 48,55 Millionen Tonnen gestiegen.

Die Kapazitätsauslastung in der deutschen Stahlindustrie liege „auf allerhöchstem Niveau“ und werde auch 2008 im dritten Jahr in Folge nahezu vollständig sein. Mittlerweile machen sich auf der Angebotsseite bereits Verknappungserscheinungen bemerkbar. So werde das Wachstum unter anderem durch die eingeschränkte Roheisen-Verfügbarkeit gebremst, da mehrere Hochöfen modernisiert würden, um die Produktionsspielräume zu erhöhen.

Exorbitanter Anstieg der Rohstoffpreise

Das alles drückt sich mittlerweile in deutlichen Preiserhöhungen aus. Die Wirtschaftsvereinigung geht davon aus, dass es nach den für April angekündigten Stahlpreiserhöhungen ab Mitte des Jahres zu weiteren Preiserhöhungen kommen könnte. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Erzpreise dramatisch gestiegen sind.

So wird etwa der brasilianische Minenbetreiber Vale den Preis für an Thyssen-Krupp verkauftes Feinerz am April um 65 Prozent erhöhen. Damit, so der deutsche Stahlkocher, habe sich der Preis für Feinerz seit dem Jahr 2002 verfünffacht. Hinzu kommen höhere Preise für Seefrachten und eine angespannte Versorgungslage bei Kohle, Koks und Schrott, so Jost Massenberg, Vorstandsmitglied von Thyssen-Krupp Steel.

Und die Preiserhöhungen beschränken sich nicht auf Deutschland. Auch die indische Tata Steel hat die Preise für Stahl aufgrund höherer Kosten für Kohle und Eisenerz seit dem 1. März erhöht, nachdem die Kosten im vergangenen Jahr zwischen 72 und 100 Prozent stiegen, die Preise aber nur um 10 bis 15 Prozent gestiegen.

Preiserhöhungen auf der ganzen Welt

Ebenfalls die Preise erhöhen will die koreanische Posco. Der Grund: gestiegene Kosten für Nickel. Und auch Taiwans China Steel und Baoshan Iron & Steel wollen die Preise nunmehr zum neunten Mal in rund zwei Jahren erhöhen.

Diese Entwicklung zeigt deutlich, dass die hohe Nachfrage nach Stahl für die Branche eine gewisse Zweischneidigkeit hat. Die gestiegene Produktion treibt die Rohstoffpreise in die Höhe und es ist von der Wettbewerbsposition der Unternehmen abhängig, in welchem Umfang sie diese Preissteigerungen weitergeben und vielleicht sogar noch ihre Marge erhöhen können.

Deutschlands zweitgrößter Stahlkonzern Salzgitter hat in dieser Hinsicht im vergangene Jahr gut abgeschnitten. Erwartungsgemäß hat das Unternehmen seine Gewinnprognose für das abgelaufene Geschäftsjahr übertroffen. Das Vorsteuerergebnis belief sich auf 1,314 Milliarden Euro. Der Umsatz wuchs den weiteren Angaben zufolge auf 10,19 Milliarden Euro. Prognostiziert hatte der Konzern einen Vorsteuergewinn von 1,2 Milliarden Euro und einen Umsatz von mehr als 10 Milliarden Euro.

Salzgitter nach gutem Jahr merklich vorsichtig

Damit lag der Vorsteuergewinn zwar deutlich unter den 1,855 Milliarden des Vorjahres. Indes hatte zu diesem Ergebnis auch ein Buchgewinn von 907 Millionen Euro aus dem Verkauf der Beteiligung an dem Präzisrohrhersteller Vallourec beigetragen. Bereinigt hatte der Konzern 2006 ein Vorsteuerergebnis von 948 Millionen Euro erzielt.

Das Unternehmen übertraf mit den Kennzahlen auch die Markterwartungen. Von Dow Jones befragte Analysten hatten im Vorfeld im Schnitt für das Gesamtjahr mit einem Vorsteuerergebnis von 1,277 Milliarden Euro gerechnet. Die Umsatzprognose der Experten hatte bei durchschnittlich 10,16 Milliarden Euro gelegen.

Indes sind die Zukunftserwartungen doch gedämpft. Für 2008 stellte Salzgitter ein „nennenswertes“ Wachstum des Konzerns in Aussicht, das zur Hälfte von der zugekauften Maschinenbau-Tochter Klöckner-Werke kommen soll, die erstmals ganzjährig in die Salzgitter-Bilanz einfließt.

Klöckner soll den schwächeren Stahl kompensieren

Die Gewinnprognose liest sich eher ungünstig. Dieser könne in der Größenordnung von 2005 und 2006 liegen, also zwischen 800 und 950 Millionen Euro. Im dominierenden Stahlbereich sei ebenso mit einem rückläufigem Gewinn zu rechnen wie im Handel, im Röhrenbereich mit einer Stagnation.

Als Gründe für die erwartete Schwankungsbreite des operativen Gewinns vor Steuern nannte der Stahl- und Röhrenhersteller unter anderem die Preisentwicklung bei Vormaterialen sowie die Entwicklung des Euro. Diese Faktoren könnten den Verlauf des Geschäftsjahres 2008 noch erheblich beeinflussen.

Diese Faktoren könnten nicht nur bei Salzgitter ins Kontor schlagen. Denn ebenfalls am Donnerstag senkte der weltweit zweitgrößte Stahlhersteller Nippon Steel seine Gewinnprognose für das bis Ende März laufende Geschäftsjahr. Der Vorsteuergewinn aus dem laufenden Geschäft werde sich auf 560 Milliarden Yen (gut 3,5 Milliarden Euro) belaufen und damit um 6,3 Prozent unter dem des Vorjahres liegen.

Japanische Strahlkocher senken Prognosen

Als Grund nannte der Konzern unter anderem gestiegene Transportkosten. Der Rückgang des Jahresgewinns wäre der erste in sechs Jahren. Ursprünglich war das Unternehmen davon ausgegangen, 600 Milliarden Yen und damit 0,4 Prozent mehr zu verdienen. Nippon Steel folgte mit der Gewinnwarnung nur seinem einheimischen Rivalen JFE Holdings, der die Gewinnprognose für das Geschäftsjahr unlängst um sieben Prozent auf 500 Milliarden Yen gesenkt hatte, ebenso wie Sumitomo Metal Industries und Kobe Steel.

Und der Druck von der Rohstoffseite könnte sich verschärfen. Der Präsident der deutschen Wirtschaftsvereinigung Stahl, Dieter Ameling, warnt vor dem Hintergrund eines anhaltenden Konzentrationsprozess unter den Minenbetreibern vor einem künftig weiter ansteigenden Preisdruck. Nach einem möglichen Zusammenschluss der beiden Großanbieter Rio Tinto und BHP Billiton könnten diese künftig zusammen mit Vale rund 70 Prozent des Welt-Handelsmarktes für Eisenerz kontrollieren. Die europäische Stahlindustrie versucht nun über die Brüsseler Wettbewerbshüter die drohende Fusion zu verhindern.

Entspannung verzeichnet man dagegen in punkto China. Nach der Einleitung von Antidumping-Verfahren für einige Stahlprodukte habe das Land die Exporte in den vergangenen Monaten zurückgefahren.

Paradoxe Situation

Ob die Preiserhöhungsspielräume ausreichend sind, muss sich weisen. Peter Tzeng, Analyst bei Polaris Securities hält die Preiserhöhungen von China Steel dann für ausreichend, wenn die Kokspreise weniger als um 100 Prozent stiegen. Experten rechnen mit einer Verdopplung, China Steel musste bereits eine Preisanhebung von 65 Prozent akzeptieren.

Trotz einer guten Stahlkonjunktur scheinen daher die Aussichten für die Stahlhersteller eher gedämpft - eine etwas paradox anmutende Situation, allzumal nicht sicher ist, ob die unterschiedlichen Preissteigerungen auf den Rohstoff- und Endabsatzmärkten überhaupt die Knappheitsrelationen korrekt widerspiegeln.

Die Preise für Nickel und Kohle, aber auch für Zink haben seit Jahresbeginn an den Rohstoffmärkten sprunghaft zugelegt, nicht zuletzt weil im Zuge der ungünstigen Kursentwicklung an Aktien- und Anleihenmärkten die immer noch reichlich vorhandene Liquidität nicht zuletzt an die Rohstoffmärkte geflossen ist (vgl. Rohstoffpreise scheinen kurzfristig überhitzt zu sein). Das ändert aber nichts daran, dass die Stahlhersteller die höheren Preise tatsächlich bezahlen müssen.

Fundamental angemessene Bewertung

Entsprechend gedämpft sind am Donnerstag die Kursreaktionen. Nach anfängliche freundlichem Start rutschte der Kurs der Salzgitter-Aktie mit 0,8 Prozent ins Minus, Nippon Steel verloren in Tokio 2,5 Prozent.

Die Bewertungen der Stahlkocher haben sich mittlerweile normalisiert, nachdem die Kursentwicklungen in den vergangenen Monaten nicht allzu überzeugend verlief. Deutliche Bewertungsaufschläge verzeichnet nur Baoshan mit geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnissen von 19,4 für das laufende und 15,3 für das kommende Jahr - ein China-Bonus, der etwas überzogen scheint.

In erheblich geringerem Umfang haben die anderen asiatischen Hersteller an dem Bonus teil. Die Aktie von Posco wird mit KGVs mehr als zehn gehandelt, Nippon Steel und JFE mit mehr als neun, wobei sich das KGV von Nippon im kommenden Jahr verschlechtern und das von JFE auf unter neun verbessern soll.

Das sind auch die Regionen, in denen Salzgitter und Tat gehandelt werden, die damit günstiger sind. In Anbetracht der unsicheren Branchenentwicklung aber scheinen sie damit auch recht angemessen bewertet.

Seitwärts und abwärts

Charttechnisch könnten die Trends nicht unterschiedlicher sein. Japanische Stahl-Aktien entwickeln sich seit spätestens Mitte des vergangene Jahres negativ und haben ihrer Aufwärtstrends längst durchbrochen. Chinesische und indische Werte laufen seit dem Spätsommer seitwärts und kämpfen darum, nicht unter den Trend zu fallen. Diesen Kampf hat Posco zu Jahresbeginn verloren.

Salzgitter kämpft ebenfalls um den Trend - allerdings unter anderen Vorzeichen. Im November stürzte die Aktie glatt durch den Aufwärtstrend, fing sich aber und konnte sich seit Februar im Trendbereich stabilisieren. Alles in allem also scheinen Stahl-Aktien der Unsicherheit über der Branchenentwicklung entsprechend daher eher seitwärts zu tendieren. Attraktiv könnten sie kurzfristig dann werden, wenn es auf der Rohstoffseite zu deutlichen Entlastungen kommt.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @mho
Bildmaterial: ddp, F.A.Z.

 
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