Aktienmarkt Spanien

In Spanien schlägt die Immobilienkrise durch

15. Juli 2008 Die europäischen Börsen stehen am Dienstag wieder einmal unter Druck. Die größten Kursverluste sind am spanischen Markt zu beobachten. Der Ibex 35 verlor im Tagesverlauf bis zu 4,4 Prozent auf 10.934,5 Punkte im Tagestief.

Die deutlichsten Kursverluste verbuchten Finanz- und Immobilienwerte, allen voran die Papiere von Ferrovial, Sacyr Vallehermoso, FCC und Banco Popular. Der Grund für die Schwäche ist in einer Meldung zu finden, nach welcher mit dem Immobilienkonzern Martinsa einer der Branchenriesen vor dem Konkurs steht. Die Papiere des Unternehmens sind vom Handel an der Börse ausgesetzt worden, nachdem sie alleine am Freitag und Montag insgesamt 50 Prozent ihres Wertes verloren hatten.

Die hoch verschuldete Martinsa-Fadesa SA will Konkurs beantragen. Die Immobiliengesellschaft mit Sitz in Madrid hat sich nach eigenen Angaben vom späten Montag zu diesem Schritt entschieden, nachdem die Aufnahme eines Kredits über 150 Millionen Euro gescheitert war. Nach Bloomberg-Informationen beträgt das Verhältnis zwischen Fremd- und Eigenkapital etwas mehr als 300 Prozent. Angesichts fallender Immobilienpreise dürften Vermögenswerte in der Bilanz mit einiger Wahrscheinlichkeit zu hoch angesetzt sein.

Auf diese Weise bestätigt sich die kritische Lage in Spanien, über die hier in den vergangenen Wochen und Monaten mehrfach berichtet worden war. Sorgte in den vergangenen Jahren ein gewaltiger Immobilienboom für starkes Wachstum, so zeigen sich inzwischen deutliche Bremsspuren: Die Stimmungsindikatoren sind eingebrochen, die Arbeitslosenquote springt nach oben, der Konsum lässt nach, das Wachstum ist schwächer als in den vergangenen Jahren und die Zeiten der Haushaltsüberschüsse sind aufgrund wegbrechender Steuereinnahmen passé.

Spanien am Rande einer Rezession

Immer mehr Analysten, auch die der Commerzbank, gehen davon aus, dass sich das Land bereits in einer Rezession befindet. Rezessionen entstehen dann, wenn die in wirtschaftlichen Boomphasen entstandenen Übertreibungen bei einer Verschlechterung der Rahmenbedingungen korrigiert werden. In Spanien muss man nicht lange suchen, um auf die Übertreibung der vergangenen Jahre zu stoßen. So hatte sich der Anteil der Wohnungsbauinvestitionen am Bruttoinlandsprodukt seit Mitte der neunziger Jahre von etwa 4,5 auf zwischenzeitlich über neun Prozent mehr als verdoppelt.

Das heißt, der durch den EU-Beitritt und die damit verbundenen niedrigen Zinsen induzierte Bau- und Immobilienboom in Spanien war noch ausgeprägter als jener in den Vereinigten Staaten. Inzwischen ist die Blase jedoch geplatzt. Längst befindet sich der Sektor und weite Teile der damit direkt und indirekt verbundenen Teile der spanischen Wirtschaft in einer Korrekturphase, die womöglich noch ausgeprägter als in Amerika ausfallen kann.

Neben der Korrektur der Übertreibungen machen sich auch die Defizite in der wirtschaftspolitischen Entwicklung der vergangenen Jahre immer deutlicher bemerkbar: Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der in Spanien produzierten Gütern hat sich aufgrund der mangelnden Arbeitsproduktivität verschlechtert. Dieser Trend dürfte sich wegen der Kopplung der meisten Löhne an die Inflationsrate auf absehbare Zeit fortsetzen und die spanische Exportwirtschaft bremsen.

Aufgrund der absehbaren und wahrscheinlich länger andauernden Konjunkturschwäche gehen in Spanien die Einnahmen der Öffentlichen Hand zurück. So dürften die Zeiten der Budgetüberschüsse zu Ende gehen. Die Analysten der Commerzbank rechnen für das kommende Jahr mit dem ersten gesamtstaatlichen Haushaltsdefizit seit dem Jahr 2004 in Höhe von 1,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Vor diesem Hintergrund dürften sich spanische Staatsanleihen schlechter entwickeln als deutsche, denken sie.

Andauernde Flaute im Bau- und Immobilienbereich

Auf der Aktienseite rechen sie mit der Fortsetzung der Flaute im Baubereich. Zwar könne die spanische Regierung durch eine weitere Aufstockung der Infrastrukturinvestitionen die Abwärtsbewegung der Bauinvestitionen etwas bremsen. Insgesamt sollten diese aber in diesem Jahr um drei und im kommenden Jahr sogar um etwa neun Prozent zurückgehen, erklären die Analysten weiter. Ähnliches sei auch bei Ausrüstungsinvestitionen zu erwarten, da sie sich in den vergangenen Jahren überproportional entwickelt hätten.

In den vergangenen Jahren haben sich sowohl die Unternehmen als auch die Konsumenten des Landes immer stärker verschuldet. Das dürfte sich bei einer wirtschaftlichen Abkühlung in Form von steigenden Ausfallraten bemerkbar machen. Das Wachstum der vergangenen Jahre lässt sich so im Finanzbereich wohl kaum wiederholen. In diesem Sinne scheint es ratsam sein, die Aktiengesellschaften des Landes weiterhin kritisch zu betrachten, auch wenn die Bewertung noch so attraktiv aussehen mag. Die optische Attraktivität resultiert wahrscheinlich aus zu optimistischen Gewinnschätzungen.

In den vergangenen Monaten des laufenden Jahres konnten sich lediglich die Papiere defensiver, Öl bezogener und innovativer Unternehmen robust entwickelt. So zum Beispiel jene des Medizin- und Biotechunternehmens Grifols, des Infrastrukturplanungsunternehmens Tecnicas Reunidas - es erzielt große Umsatzanteile in den Staaten des persischen Golfs - und des Windmühlenunternehmens Gamesa.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
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