24. Oktober 2007 Wenn die amerikanischen Börsen am Mittwochnachmittag sich nach unten orientieren, so dürfte dies nur wenige überraschen. Denn es gibt Tage, an denen einfach alles zusammenkommt. Und der Mittwoch ist ein Tag, an dem sich einmal mehr zeigt, was alles bereits zusammen gekommen ist, was für die amerikanische Wirtschaft eher nachdenklich stimmt oder stimmen sollte - allen Zinsphantasien zum Trotz.
Dass die Zahl der Verkäufe bestehender Häuser in den Vereinigten Staaten rückläufig ist, ist bekannt. Aber im September ist sie dramatisch gesunken. Wie die National Association of Realtors (NAR) am Mittwoch mitteilte, ging die Zahl verglichen mit dem Vormonat um saisonbereinigt 8,0 Prozent auf einen Jahreswert von 5,04 Millionen zurück und erreichte damit den niedrigsten Wert seit nahezu zehn Jahren.
Hausverkäufe im freien Fall...
Volkswirte hatten lediglich mit einem Rückgang um 3,6 Prozent gerechnet. Im August hatte der Wert bei annualisiert revidiert 5,48 Millionen gelegen, entsprechend einem Rückgang von 4,7 Prozent.
NAR-Chefvolkswirt Lawrence Yun sagte, die im August einsetzende Kreditkrise habe offensichtlich die Hausverkäufe beeinflusst, besonders im Bereich der Jumbo-Kredite, also jener Ausleihungen, die über die gewöhnlichen Beleihungsgrenzen hinausgehen. Die sei vor allem im oberen Bereich des Marktes zu spüren gewesen.
Harm Bandholz, Volkswirt bei UniCredit, verwies zudem darauf, dass die Bestände an unverkauften Häusern ein neues Allzeithoch erreicht haben. Angesichts des weiter verschlechterten Verhältnisses von Beständen zu Verkäufen dürften die vom NAR
angegebenen Verkaufspreise weiter sinken und sich damit stärker dem verlässlicheren S&P/Case Shiller-Index annähern.
...und die Preise ebenso
Und es bleib nicht bei einem Mengeneffekt. Auch die Hauspreise gingen im September drastisch zurück. Die Preise für Alt-Immobilien fielen gegenüber dem Vergleichsmonat des Vorjahres um 8 Prozent, wie der NAR am Mittwoch mitteilte. Erwartet worden waren nur 4,5 Prozent.
Der Rückgang um 8 Prozent sei der größte Einbruch seit Beginn der einschlägigen Statistiken im Jahre 1999, berichtete der Maklerverband. Der Durchschnittspreis für alle Wohnhäuser sei um 4,2 Prozent gesunken.
Dass die Misere nicht ohne Folgen bleibt, zeigte sich nirgends so deutlich als in den am gleichen Tag veröffentlichten Geschäftszahlen für das dritte Quartal von Unternehmen der Finanzbranche.
Countrywide weiter in der Krise
An schlechte Nachrichten von Countrywide Financial ist man bereits gewöhnt. Heute zieht es die Aktie einmal mehr um bislang acht Prozent in den Keller, nachdem das Wall Street Journal berichtete, dass die fallenden Häuserpreise und lockeren Kreditkonditionen die Rate der Zahlungsaussetzungen und Zwangsversteigerungen auf neue Rekordhöhen getrieben hat. Nunmehr will das Unternehmen Konditionen für Hypothekenkredite im Gesamtvolumen von bis zu 16 Milliarden Dollar (11,3 Milliarden Euro) nachbessern oder Umschuldungen ermöglichen.
Noch schwerwiegender erscheinen die Zahlen von Merrill Lynch, auch wenn negative Ergebnisse nicht unerwartet kamen. Die Krise am Hypothekenmarkt hat die amerikanische Investmentbank erstmals seit sechs Jahren tief in die Verlustzone gerissen. Das Institut musste allein im dritten Quartal auf Wertpapiere aus dem amerikanischen Markt für schwach besicherte Hypothekenkredite (Subprime) acht Milliarden Dollar abschreiben - fast doppelt so viel wie bisher erwartet.
Blutbad bei Merill Lynch
Unter dem Strich stand von Juli bis September ein Minus von 2,3 Milliarden Dollar, wie Merrill Lynch am Mittwoch in New York mitteilte. Vor einem Jahr erzielte das Geldhaus noch einen Gewinn von drei Milliarden Dollar. Anfang Oktober hatte das Institut noch 4,5 Milliarden Dollar
Wertberichtigungen in Aussicht gestellt. Wir gehen davon aus, dass die Marktbedingungen für den amerikanischen Subprime-Markt weiterhin unsicher bleiben, prognostizierte Merrill-Konzernchef Stan O'Neal.
Börsianer waren geschockt. Das ist das reinstes Blutbad, sagte Analyst Bill Fitzpatrick von Johnson Family Funds. Die Quartalszahlen seien ein sehr schlechtes Zeugnis für das Risikomanagement der amerikanischen Bank. Die Merrill-Lynch-Aktien verlieren an der Wall Street aktuell fast sechs Prozent auf 63,20 Dollar und die Rating-Agentur Standard & Poor's senkte das Rating der Bank um eine Stufe von AA- auf A+. Standard & Poor's bezeichnete die Drittquartalsergebnisse der Bank am Mittwochnachmittag in einer Mitteilung als alarmierend. Der Nettoverlust sei massiv, und die Abschreibungen erschütternd. S&P will nun die Ratings der Bank weiter prüfen und schloss weitere Herabstufungen nicht aus.
Zweifel an Ambacs Geschäftsmodell
Auch der weltweit zweitgrößte Kreditversicherer Ambac muss einen Quartalsverlust beklagen - dem ersten überhaupt und gleich 3,51 Dollar je Aktie nach einem Gewinn von 1,98 Dollar im Vorjahresquartal. Grund sind Abschreibungen von 743 Millionen Dollar auf Subprimes. Vor etwa zwei Wochen war der Verlust angekündigt worden. Die Zweifel sind heftig: Sie müssen zeigen, dass sich ihr Geschäftsmodell aufrecht erhalten lässt, schlussfolgerte Scott MacDonald, Leiter der Research-Abteilung von Aladdin Capital gegenüber der Finanznachrichtenagentur Bloomberg. Die Aktien des Konzerns, die seit der Gewinnwarnung bereits mehr als 20 Prozent an Wert verloren hatten, brechen am Mittwoch um weitere zehn Prozent ein.
Das schlechte Bild findet seine Abrundung durch die ebenfalls schwachen Ergebnisse der Rating-Agentur Moody's. Das Unternehmen verfehlte nicht nur die Prognose eines Gewinns von 55 Cents je Aktie mit einem Rückgang um 13 Prozent auf 51 Cents deutlich, sondern senkte auch die Prognosen von einem Anstieg des Gewinns je Aktie in diesem Jahr im Bereich von etwa 10 bis 15 auf 5 bis 9 Prozent. Auch die Umsätze werden langsamer wachsen.
Rating-Agenturen unter Druck
Hintergrund sind - wie sollte es anders sein - geringere Erlöse aus Ratings strukturierter Produkte, die um sechs Prozent zurückgingen, die Erlöse aus dem Geschäft mit der Bewertung von durch private Hypothekenkredite besicherter Anleihen (RMBS) um 52 Prozent. Moody's-Chef Raymond McDaniel sieht diem Kreditmärkte als weiter schwach an.
Die S&P-Mutter McGraw-Hill prognostizierte in der Vorwoche, dass die Umsätze mit RMBS im vierten Quartal auf Jahresbasis um 70 bis 75 Prozent sinken werden, das Emissionsvolumen strukturierter Produkte (CDOs) um 85 bis 90 Prozent. Das werde auch die Gewinne im vierten Quartal belasten. Die Moody's-Aktien fallen am Mittwoch um drei Prozent, McGraw-Hill um ein Prozent.
Als ob diese Misere nicht schlimm genug wäre, gaben der britische Pharmakonzern GlaxoSmithKline ebenso schwache Ergebnisse bekannt wie der Chiphersteller Broadcom. Und Boeing senkt wegen Lieferverzögerungen des neuen Hoffnungsträgers 787 nun doch auch die Umsatzprognose für 2008 um mehrere Milliarden Dollar von 71 bis 72 Milliarden auf 67,5 und 68,5 Milliarden Dollar.
Leitzinssenkung als Strohhalm?
An den Terminmärkten wurden nach Veröffentlichung der schlechten Ergebnisse sofort weitere Leitzinssenkungen der Federal Reserve mit höherer Wahrscheinlichkeit eingepreist. Fed-Funds-Futures preisten eine Leitzinssenkung in der kommenden Woche um 25 Basispunkte zu 100 Prozent (zuvor 88 Prozent) ein. Eine weitere Senkung auf dann 4,00 Prozent im Dezember war zu 23 Prozent (zuvor 4 Prozent) eskomptiert.
Doch dies ist problematisch. Derart starke Leitzinssenkungen könnten ein Strohfeuer anfachen. Fällt dies in sich zusammen, fehlen geldpolitische Handlungsmöglichkeiten. Zudem ist fraglich, ob die Inflationsgefahr wirklich gebannt ist. Klar ist jedenfalls: Die Kreditkrise ist entgegen anders lautender Behauptungen mitnichten ausgestanden.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Text: @mho
Bildmaterial: FAZ.NET
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