Volkswagen-Chaos

Der Gewinner heißt Porsche

Von Christian von Hiller

29. Oktober 2008 Die verrückten Kursbewegungen um Volkswagen haben die Depots zahlreicher Anleger kräftig durcheinander gewirbelt und bei vielen Marktteilnehmern enorme Verluste verursacht. Doch der absurde Kursanstieg der Volkswagenaktie um 225 Prozent allein am Montag und am Dienstag kennt zumindest einen Gewinner: Er sitzt in Stuttgart-Zuffenhausen und heißt Porsche.

Auf den Hersteller von schicken Sportwagen richtet sich die Kritik der Marktteilnehmer am deutschen Aktienmarkt. Porsche dürfte allein am Dienstag einen Gewinn von mindestens 30 Milliarden Euro realisiert haben, schätzten Marktteilnehmer. Porsche dementiert allerdings. Man sei in den vergangenen Tagen, also speziell am Montag und Dienstag, überhaupt nicht im Markt gewesen, erklärte ein Sprecher des Unternehmens.

Am Freitag habe Porsche Zugriff auf 120 Prozent der VW-Aktien gehabt, hieß es ferner. Neben effektiven Stücken hätten Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und sein Finanzvorstand Holger Härter sich VW-Aktien auch über Kaufoptionen, Wertpapierleihe und andere Geschäfte besorgt.

Porsche bestreitet auch das. Man habe weder Zugriff auf 120 Prozent der VW-Aktien, noch habe man andere Papiere als die bekannten 42,6 Prozent Stammaktien und die Optionen, die Zugriff auf 31,5 Prozent der Stammaktien böten und die nach Vereinbarung bar abgegolten werden sollten. Von diesem Optionen können bis zu fünf Prozent verkauft werden.

Zum Börsenkurs

Dass Marktteilnehmer Zugriff auf mehr als 100 Prozent der Aktien eines Unternehmens haben, ist an sich nicht so ungewöhnlich, wie es auf den ersten Blick scheint. Häufig werden mehr Optionen und Terminkontrakte auf eine Aktie oder eine Anleihe gehandelt als Stücke vorhanden sind.

Erste Optionen aufgelöst

Am Mittwochvormittag hat Porsche erste Optionen auf VW-Aktien aufgelöst. Das teilte ein Sprecher des Stuttgarter Unternehmens auf Anfrage mit. Es handele sich um weniger als ein Prozent der VW-Stammaktien. Der Sprecher nannte die Menge „einen niedrigen Nachkommabereich“. Er lehnte Auskünfte darüber ab, wie viel Porsche mit dem Geschäft verdient hat

Porsche hatte am Morgen angekündigt, „je nach Marktlage Kurssicherungsgeschäfte in Höhe von bis zu fünf Prozent der VW-Stammaktien aufzulösen“. So will Porsche nach eigenen Angaben Ruhe in die Kursentwicklung der VW-Aktie bringen. Der Kurs der VW-Aktie brach bis Mittwochmittag dann auch um 37 Prozent auf rund 600 Euro ein.

Auf dem Höhepunkt der Spekulation

Am Dienstag hätte Porsche auf dem Höhepunkt der Spekulation wiederum laut Marktinformationen 20 Prozent der Anteile, über die der Autohersteller verfügen konnte, abgegeben. Dieses Paket war bei einer VW-Marktkapitalisierung zu diesem Zeitpunkt von rund 280 Milliarden Euro einen Erlös von 50 bis 60 Milliarden Euro gebracht. Der durchschnittliche Einstandspreis von Porsche wird jedoch auf rund 10 Milliarden Euro geschätzt.

Diese Zahlen sind zwar mit einer großen Unsicherheit verbunden, weil sie auf Schätzungen von Marktteilnehmern beruhen. Doch Porsche hatte schon vor einigen Jahren - schätzungsweise vor drei oder vier Jahren - begonnen, sich mit Volkswagen-Aktien einzudecken, um den Wolfsburger Autokonzern zu übernehmen. Und damals war diese Aktie noch günstig zu haben.

Lange Zeit schlechter als der Dax

Jahrelang notierte die VW-Aktie schlechter als der Dax und notierte zeitweise auf einem Niveau von gerade einmal 30 Euro und kam nicht über 50 Euro hinaus. Erst Anfang 2006 fing die Aktie an zu steigen und sich besser als ihr Referenzindex zu entwickeln. Dies wird in Frankfurter Börsenkreisen als Indiz gewertet, dass Porsche die Übernahme von Volkswagen von langer Hand geplant hatte.

Mitte September dieses Jahres hatte Wiedeking mitgeteilt, dass Porsche seinen Anteil an Volkswagen auf 35 Prozent erhöht hätte und nun die Mehrheit an dem Konzern anstrebe. Bis Ende November wollte Porsche dieses Ziel erreichen, hieß es zunächst. Manche Marktbeobachter vermuten, dass Porsche schon zu diesem Zeitpunkt den Zugriff auf deutlich mehr Aktien gehabt hätte.

Unerklärliche Kursbewegungen

Anleger hatten sich in den vergangenen Wochen immer wieder über einen unerklärlichen Kursanstieg der VW-Aktie gewundert. Normalerweise entwickeln sich die Kurse von Stammaktien und Vorzugsaktien in etwa im Gleichschritt. Doch bei Volkswagen begannen sie auseinanderzulaufen. Auch stieg der Kurs weiter, obwohl die Marktteilnehmer insgesamt für die Autobranche immer skeptischer wurden und begannen auf fallende Kurse bei den Autoherstellern zu setzen. Nur bei Volkswagen war dies nicht der Fall. Im Gegenteil: Der Kursanstieg beschleunigte sich sogar.

Am Sonntag teilte Porsche mit, den Anteil an Volkswagen auf 42,6 Prozent aufgestockt zu haben. Darüber hinaus halte das Unternehmen zusätzlich 31,5 Prozent in Form von Optionen zur Kurssicherung. Dies ergebe in der Summe einen Anteil von 74,1 Prozent. Sofern die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmten, solle der Anteil an VW im kommenden Jahr auf 75 Prozent aufgestockt werden, hieß es weiter. Damit wolle Porsche den Weg für einen Beherrschungsvertrag frei machen.

Porsche will die Spekulation nun beruhigen

Die vergangenen Aktiengeschäfte hatte Porsche sehr diskret eingefädelt. Lediglich eine kleinere, gut eingeführte Frankfurter Adresse und eine in Deutschland noch diskreter auftretende Auslandsbank seien damit beauftragt worden, für Porsche VW-Aktien einzusammeln. Wäre beispielsweise eine große Investmentbank eingebunden worden, wäre das Risiko für Porsche ungemein größer geworden, dass etwas durchsickert.

Am Mittwoch hatte Porsche mitgeteilt, die Spekulation um Volkswagen beruhigen zu wollen. Das Unternehmen wolle „weitere Kursturbulenzen“ der VW-Aktie „vermeiden“ und deshalb „je nach Marktlage“ Kurssicherungsgeschäfte im Umfang von bis zu 5 Prozent der VW-Stammaktien auflösen, teilte der Sportwagenbauer mit. Dieser Schritt könne dazu führen, dass sich die Liquidität der VW-Stammaktie wieder erhöhe, hieß es in der Mitteilung.

„Zu wirtschaftlich vertretbaren Preisen“

Porsche weist in der Mitteilung jegliche Verantwortung für diese Marktverwerfungen und die daraus resultierenden Risiken zurück. Der Konzern war zur Zeit der heftigen Kursbewegungen nach eigenen Angaben nicht im Markt aktiv. Zu verantworten hätten die Kurssprünge vielmehr spekulativ handelnde Leerverkäufer. In der Mitteilung heißt es weiter: „Porsche hält an dem Ziel fest, seine Beteiligung an Volkswagen auf bis zu 75 Prozent aufzustocken und beabsichtigt daher, auch zukünftig VW-Stammaktien an der Börse oder außerbörslich zu wirtschaftlich vertretbaren Preisen zu erwerben.“

Die jüngste Ankündigung von Porsche löste neue Verwerfungen aus. Auch am Mittwoch spielten die deutschen Aktienmärkte verrückt. Zwei Tage lang hatten die Titel von Volkswagen mit absurden Kurssprüngen den Dax und den gesamten deutschen Aktienhandel durcheinander gewirbelt. Nun riss ein genauso phänomenaler Absturz der VW-Aktie den Dax kräftig ins Minus.

Volkswagen zieht den Dax ins Minus

Zeitweise mehr als 40 Prozent auf weniger als 530 Euro verlor die VW-Aktie am Vormittag und bestimmte damit wieder einmal die Richtung des Dax. Der Leitindex des deutschen Aktienmarktes fiel zeitweise um 2,8 Prozent auf 4688 Punkte, fing sich aber im weiteren Verlauf. Ohne Volkswagen hätte der Dax auf mehr als 5000 Punkte steigen können, schätzen Marktteilnehmer.

Dabei war der Mittwoch anfangs ein Tag der kräftigen Kurserholung: Die Aktien von Siemens setzten sich im frühen Handel an die Spitze der Standardwerte mit einem Kursgewinn von knapp 18 Prozent. Neben Volkswagen verzeichnete zunächst nur ein Dax-Mitglied Kursverluste: Die Deutsche Post wurde 1,8 Prozent niedriger bewertet mit 13,74 Euro. Der drittschlechteste Wert - Deutsche Lufthansa - verzeichnete schon einen Kursgewinn von knapp 5 Prozent.

Dax ohne Aussagekraft

Der Dax sollte das Barometer für die Kursentwicklung am deutschen Aktienmarkt sein. 30 für die heimische Börse repräsentative Schwergewichte sollen eigentlich stellvertretend für den Gesamtmarkt die Kursentwicklung deutscher Standardaktien nachzeichnen. Doch in dieser Woche hat der Dax seine Aussagekraft verloren.

Das triff nicht nur die Hedge-Fonds, die auf einen sinkenden Aktienkurs von Volkswagen gesetzt hatten, sondern alle Anleger, die beispielsweise Termininstrumente auf den Dax nutzen, um ihre Aktiendepots gegen Kursverluste abzusichern. Auch die Versicherer haben durch die absurden Kursbewegungen zum Teil schwere Verluste auf ihre Bestände in deutschen Standardaktien verzeichnen müssen.

Die Deutsche Börse hat nun zwar reagiert und die Gewichtung der Volkswagen-Aktie im Dax auf 10 Prozent begrenzt. Doch diese neue Regel soll erst von Montag an gelten. Das lässt den Spekulanten noch reichlich Zeit.

Bildmaterial: AP, F.A.Z.

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