Von Werner Sturbeck
16. Juli 2007 Im vierten Jahr der lebhaften Konsolidierung am Stahlmarkt wachsen Spannung und Nervosität in der Branche. Fädelt Arcelor-Mittal, der weltgrößte Stahlkocher, schon die nächste große Übernahme ein? Sein mittelfristig avisiertes Ziel von 160 Millionen Tonnen Jahreskapazität erfordert ein Wachstum von fast 40 Millionen Tonnen und ist aus eigener Kraft, also organisch, schwerlich zu erreichen. Wann starten die Verfolger die Aufholjagd?
Mit etwas mehr als 10 Prozent Weltmarktanteil übertrifft Arcelor-Mittal die vier folgenden Stahlproduzenten. Und: Lockert China demnächst die Restriktionen für ausländische Investoren? Denn die von Peking propagierte interne Konsolidierung der heimischen Stahlindustrie hat sich 2006 mit schrumpfendem Marktanteil der nationalen Champions rückwärts bewegt.
Hohes Tempo in diesem Jahr
Seit Jahresbeginn gab es schon ein halbes Dutzend Übernahmen mit Kaufpreisen von mehr als einer Milliarde Dollar. Der indische Stahlkonzern Tata hat seinen Markteintritt in Westeuropa teuer bezahlt. Stolze 12 Milliarden Dollar war Tata die niederländisch-britische Corus wert. Die schwedische SSAB zahlte 7,7 Milliarden Dollar für die kanadische Ipsco. Die brasilianische Gerdau vereinbarte soeben den Kauf der texanischen Chaparral für 4,2 Milliarden Dollar.
Die meisten der großen Übernahmen in diesem Jahr werden von Stahlanalysten als überteuert kritisiert. Aber manchem Käufer ist der Eintritt in neue Marktregionen oder der Ausbau seines Produktprogramms einen satten strategischen Preisaufschlag wert. Man nehme die kanadische Algoma. Während die in Nordamerika schon tätige Salzgitter bei der Preisforderung von gut 1,3 Milliarden Dollar zurückzuckte, legte die indische Essar am Ende noch 300 Millionen Dollar drauf.
Die Einsätze werden immer höher
So werden die Einsätze, gemessen an der Ertragskraft der Objekte, immer höher. Die sich gegenwärtig auf Rekordniveau bewegenden Stahlgewinne sind auch verlockend. Das macht Übernahmekandidaten attraktiver als noch vor einigen Jahren und füllt die Kriegskassen kaufwilliger Unternehmen.
Wenn die Erträge freilich einmal wegbrechen, können die Finanzierungskosten für überteuerte Unternehmenskäufe gefährlich werden. Dieser Wendepunkt wird irgendwann kommen, versichert Thyssen-Krupp-Vorstandsvorsitzender Ekkehard Schulz mit seinen mehr als 30 Jahren Stahlmarkt-Erfahrungen.
PwC warnt die Branche
So zeugt denn auch die jüngste Analyse der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers (PwC) von einer Abflachung der seit 2004 stark zunehmenden Übernahmen. Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der Transaktionen nur noch um eine auf 166 erhöht. Dabei schoss zwar das Transaktionsvolumen auf 70,4 Milliarden Dollar oder - zu aktuellen Wechselkursen umgerechnet - 51 Milliarden Euro hoch von zuvor gerade mal 27,4 Milliarden Dollar.
Aber ohne die Mega-Übernahme von Arcelor durch Mittal-Steel mit allein 46 Milliarden Dollar Transaktionswert wäre der Vorjahreswert nicht erreicht worden. PwC-Vorstandsmitglied Peter Albrecht erwartet dennoch ein anhaltend hohes Konsolidierungstempo in der noch immer stark fragmentierten Stahlindustrie.
Die Liste lohnender Opfer ist lang
Die fünf größten Erzeuger erreichen gemeinsam erst knapp 20 Prozent Marktanteil, während die Top 5 in der Aluminiumindustrie oder der Eisenerzbranche jeweils rund 40 Prozent der weltweiten Nachfrage abdecken, begründet er seine Prognose.
Tatsächlich gibt es noch mehr als ein Dutzend größerer Stahlproduzenten, die immer wieder als Übernahmekandidaten gehandelt werden. Dazu gehören auch die koreanische Posco oder die russische Magnitogorsk, an der Arcelor-Mittal interessiert sein soll.
Unwägbare Kosten bei der Integration
Das Problem bei den dicken Fischen ist weniger der Preis von meist weit oberhalb der 10-Milliarden-Dollar-Schwelle. Bei den disponiblen nordamerikanischen Stahlriesen sind vor allem die Altlasten im Personalbereich abschreckend. In anderen Teilen der Welt ist mit politischem Widerstand zu rechnen, wenn ausländische Unternehmen ihre Hände nach den nationalen Stahlchampions ausstrecken würden.
Das gilt auch für Westeuropa mit seinen eigentlich liberalen Kapitalmärkten. Der Salzgitter-Konzern erfreut sich zumindest noch einige Jahre lang des Schutzes einer Sperrminorität des Landes Niedersachsen. Bei einem Angriff auf den österreichischen Marktführer Voest würde die Regierung in Wien nicht tatenlos zusehen.
Krupp löste die Übernahmewelle aus
Es war der Krupp-Konzern, der in den neunziger Jahren mit zwei spektakulären Übernahmeattacken auf die größeren Konkurrenten Hoesch und Thyssen die Branchenkonsolidierung einleitete. Der daraus entstandene Thyssen-Krupp-Konzern geht nun einen anderen Weg.
Ein starker Ausbau der Marktposition am nordamerikanischen Flachstahlmarkt hat für den Düsseldorfer Konzern gegenwärtig höchste Priorität. Nachdem die dafür geeignete kanadische Dofasco im Bietergefecht mit Arcelor zu teuer wurde, verfolgt Thyssen-Krupp nun eine Art Toyota-Strategie.
Krupp expandiert aus eigener Kraft
Für stolze sechs Milliarden Euro wird gegenwärtig eine große Stahlhütte in Brasilien und im Süden der Vereinigten Staaten, eine einzigartige Kombination aus Stahl- und Edelstahlwalzwerken, gebaut. Statt sich Marktanteile durch den Kauf bestehender Stahlunternehmen zu sichern, will Thyssen-Krupp die Automobilhersteller im Nafta-Raum als Kosten- und Technologieführer für sich gewinnen.
Die prall gefüllten Auftragsbücher der Anbieter von Hütten- und Walztechnik künden von einer Kapazitätserweiterung, die das prognostizierte Wachstum des Stahlverbrauchs in den nächsten Jahren deutlich überschreiten wird. Das lässt den Schluss zu, dass es noch andere Stahlkonzerne gibt, die statt auf teure Übernahmen auf einen Verdrängungswettbewerb mit modernster Technik setzen.
Text: F.A.Z., 16.07.2007, Nr. 162 / Seite 14
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS
| Tops & Flops | +/- | Prozent |
|---|---|---|
| DEUTSCHE POSTBANK AG | +0,89 | +2,10 |
| CONTINENTAL AG INHAB | -0,11 | -0,15 |
| MERCK KGAA INHABER - | -0,78 | -1,03 |
| MAN AG STAMMAKTIEN O | -3,17 | -5,14 |
| THYSSENKRUPP AG INHA | -1,52 | -5,01 |
| DAIMLER AG NAMENS - | -1,76 | -4,24 |
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 6.127,44 | -2,42 |
| TecDax | 761,19 | -4,17 |
| DowJones | 11.220,96 | +0,29 |
| Nasdaq | 2.255,88 | -0,14 |
| STOXX 50 | 3.185,83 | -2,72 |
| Nikkei 225 | 12.212,23 | -2,75 |
| S&P 500 Zert. | 12,28 | -3,08 |
| Euro/Dollar | 1,43 | +0,04 |
| Bund Future | 115,28 | +0,12 |
| Gold | 802,80 | +0,00 |
| Öl | 104,17 | -3,09 |